Kommune 1: Ost-Berlin-Besuche wurden vom Ministerium für Staatssicherheit überwacht

Die Abfertigung der drei Besucher aus Westberlin an der Passierstelle im Bahnhof Friedrichstraße dauerte an diesem 26. April 1967 länger als ohnehin schon üblich. Vor allem die beiden Männer mit Bärten und „Beatlekopf“ – so die Personenbeschreibung der Staatssicherheit – lösten bei den Ostberliner Grenzbeamten Alarm aus. Waren ihre Namen Fritz Teufel und Dieter Kunzelmann doch im Fahndungsbuch registriert. Als Mitglieder einer laut MfS-Akten „Mao-Gruppierung von Studenten im SDS Westberlin“ galten die beiden Mitbewohner der legendären „Kommune 1“ als höchstverdächtige Anarchisten. Den Dritten im Bunde hatten die DDR-Behörden hingegen noch gar nicht auf dem Schirm – es war Rainer Langhans, der im März zu der Anfang 1967 gegründeten Kommune gestoßen war.

Über mehrere Stunden hinweg heftete sich ein Observationsteam der Stasi an die Kommunarden und notierte eifrig jede ihrer Handlungen. Was vor allem am Besuchsziel des kurzen Ausflugs nach Ostberlin lag – die chinesische Botschaft an der Karlshorster Hermann-Duncker-Straße, der heutigen Treskowallee.

Die „Kommune 1“ traf mit grotesken Provokationen den Zeitgeschmack

In der Stasi-Unterlagenbehörde sind jetzt mehrere Observationsfotos samt der dazugehörigen Berichte über die Besuche Teufels und seiner Freunde in der Ost-Berliner Botschaft Pekings aufgetaucht. Die 51 Jahre alten Fotos sind bizarre Zeugnisse des Überwachungswahns der Stasi und gleichzeitig ein interessantes Zeitdokument. Dürften es doch die wohl einzigen Aufnahmen sein, die die damaligen Protagonisten der West-Berliner Apo bei ihren Besuchen im Ostteil der Stadt zeigen. 

Der Stasi war die „Kommune 1“ suspekt, die mit grotesken Provokationen den Zeitgeschmack und die West-Berliner Behörden herausforderten. Die erste aufsehenerregende Aktion der Wohngemeinschaft war das – verhinderte – Puddingattentat auf den US-Vizepräsidenten Hubert H. Humphrey bei dessen Berlin-Besuch im April 1967. Diese spontihafte Aktion verunsicherte die DDR-Führung ebenso wie die anfängliche Hinwendung der Kommunarden zu den Lehren des chinesischen Revolutionsführers Mao Tse-Tung. Das einstige Bruderland war im Sowjetreich und damit auch in der DDR längst in Ungnade gefallen. China galt als feindlicher Staat, weshalb die Sicherheitsbehörden auch die Botschaft Pekings in Karlshorst rund um die Uhr überwachten. 

Kommunarden genossen eine Vorzugsbehandlung in der chinesischen Botschaft

Die Besuche der West-Berliner Kommunarden dort – allein im Jahr 1967 registrierten Mielkes Männer insgesamt sechs – sind längst kein Geheimnis mehr. Langhans schreibt in seiner 2008 erschienenen Biografie „Ich bin’s“ darüber: „Wir haben uns den Spaß gemacht, zu den Chinesen hinzufahren, obwohl das vollkommen abstrus war, weil die wie die Ölgötzen in ihren Mao-Anzügen herumstanden und sich über uns nur gewundert haben. Aber da wir behauptet haben, wir seien die deutschen Roten Garden, konnten sie nicht anders und haben uns Mao-Bilder und –Bibeln gegeben, die wir in Westberlin verkauft haben.“

Die Stasi registrierte, dass die Besucher aus West-Berlin offenkundig eine Vorzugsbehandlung in der Botschaft genossen. So notierten die Beobachter am 26. April 1967, als Kunzelmann und Teufel gegen 17 Uhr an der Pforte in Karlshorst klingelten, verwundert: „Entgegen anderen Besuchern, die nach 16 Uhr in der Regel nicht in die Botschaft eingelassen werden, wurden die beiden herzlich begrüßt.“

Stasi observierte alle weiteren Ost-Berlin-Besuche

Um den Grund für diesen herzlichen Empfang herauszufinden, wurden Kunzelmann und Teufel bei ihrer Ausreise nach West-Berlin einer gründlichen Kontrolle unterzogen. Dabei fand man heraus, dass die beiden „am Körper versteckt 29 Exemplare verschiedene chinesische Hetzschriften bei sich trugen“, wie es in dem Stasi-Bericht heißt. Dabei habe es sich hauptsächlich um die Peking-Rundschau und „Taschenbücher mit den sogen. Worten des Vorsitzenden Mao“ gehandelt. Die Schriften wurden eingezogen. „Dagegen wurde kein Einspruch erhoben“, notierten die Beobachter.

Bei ihren weiteren Besuchen im Osten unterblieben solche Kontrollen. Dafür wurden die Kommunarden auf Schritt und Tritt bewacht, wenn sie sich durch Ost-Berlin bewegten. Im Mai 1967 etwa waren Kunzelmann und Langhans wieder bei den Chinesen, diesmal aber nur für eine Dreiviertelstunde. Danach bummelten sie noch ein wenig durch Karlshorst: „17.22 Uhr betrat eine Person das Gemüsegeschäft Ehrenfelsstraße/Ecke Rheinsteinstraße und wechselte Geld“, heißt es im Observationsbericht. Drei Minuten später hätten beide eine Telefonzelle gegenüber dem Kaufhaus in der Duncker-Straße betreten und telefoniert. Anschließend seien sie mit der S-Bahn weggefahren.

Ab 1968 standen Sex, Drogen und Musik im Vordergrund

Zwei Wochen später tauchte Kunzelmann erneut in Karlshorst auf, wieder war Langhans dabei. Zwei Monate später, am 14. Juli, brachte er seinen Mit-Kommunarden Ulrich Enzensberger, den Bruder von Hans Magnus Enzensberger, mit in die Botschaft. Die beiden blieben anderthalb Stunden, dann kauften sie dem Observationsbericht zufolge eine Flasche im Spirituosengeschäft Interwein und versuchten erfolglos, von der Telefonzelle aus eine West-Berliner Nummer zu wählen. 

Im Dezember 1967 hörten laut Stasi-Akte die Visiten in Karlshorst auf. Fritz Teufel war schon längst nicht mehr dabei, weil er seit den Protesten gegen den Schah-Besuch am 2. Juni im Gefängnis saß. Auch die anderen Kommunarden lagen mit der Justiz im Clinch, da ihnen wegen eines angeblichen Aufrufs zur Brandstiftung der Prozess gemacht wurde. Ab 1968 orientierte sich die „Kommune 1“ um, nun standen Sex, Drogen und Musik im Vordergrund. Mit Mao und den Chinesen in Karlshorst hatte die Truppe jetzt nichts mehr am Hut.