Konflikte vermeiden: Wolf-Management in Brandenburg

Potsdam - Wohl kaum ein anderes wildes Tier löst in Brandenburg mehr Ängste aus als der Wolf. Dabei ist er ein echter Neuling: Das seit 150 Jahren ausgerottete Raubtier wandert erst seit Ende der 90er Jahre aus Polen nach Deutschland ein – zuerst nach Sachsen und von dort seit 2007 auch nach Brandenburg. Da die scheuen Wölfe, die meist auf verlassenen Truppenübungsplätzen leben, aber ab und zu Schafe und Kälber reißen, geht die Angst um.

Gestritten wird, ob die Rückkehr der europaweit streng geschützten Wölfe ein Gewinn ist, ob die Schäden durch sie zu groß werden und ob die Einwanderung aufgehalten werden sollte? Nach jahrelangen Diskussionen vor allem zwischen Tierschützern und Nutztierhaltern gibt es nun seit Donnerstag einen „Managementplan für den Wolf in Brandenburg“, der für die nächsten fünf Jahre gilt.

„Wir wollen dauerhaft mit dem Wolf leben“, sagte Umweltministerin Anita Tack (Linke) in Potsdam bei der Unterzeichnung des Plans. „Das Artensterben geht weltweit weiter, da ist es doch ein positives Beispiel, dass der Wolf sich bei uns von ganz allein wieder ansiedelt.“

Bei dem Managementplan gehe es nicht darum, die weitere Ausbreitung der Wölfe aktiv zu betreiben. „Die kommen von ganz allein“, sagte Tack. Der Managementplan richtet sich an die Menschen und bündelt alle Maßnahmen, die nötig sind, damit das Zusammenleben von Wolf und Mensch möglichst konfliktarm verläuft. „Es geht vor allem um Aufklärung, es geht um die Entschädigung von Landwirten, wenn ihre Nutztiere gerissen werden, und es geht darum, dass ihre Herden künftig besser geschützt werden.“

Das öffentliche Klima solle so verbessert werden, dass die Bevölkerung die dauerhafte Anwesenheit des Wolfes akzeptiert. Bei allem Wohlwollen für den Wolf sei aber eine Sache klar: „Die Sicherheit von Menschen steht an erster Stelle“, sagte die Ministerin.

Neun Rudel im Süden des Landes

Derzeit leben in Brandenburg etwa 75 bis 90 Wölfe vor allem in Gebieten weit südlich von Berlin, mindestens 44 Welpen wurden dort geboren. Die neun Rudel verteilen sich über einen breiten Gürtel von der Lausitz ganz im Osten über die Spreewaldregion bis zur westlichen Flämingregion. Wölfe fressen fast ausschließlich Wildtiere, aber wenn sie irgendwo angepflockte Ziegen oder nicht eingezäunte Schafe finden, verzichten sie gern auf die Jagd.

Insgesamt gab es landesweit bislang 83 Angriffe, bei denen Wölfe 363 Nutztiere töteten: 303 Schafe, 51 Mal Damwild, fünf Kälber und vier Ziegen. Als Entschädigung zahlte das Land den Tierhaltern dafür 58.746,21 Euro. Solche freiwilligen Entschädigungen will das Land auch weiterhin gewähren, aber nur dann, wenn die Tierhalter nach dem ersten Wolfsriss ihre Tiere auch durch Zäune und Herdenschutzhunde sichern. Diese Präventionsmaßnahmen sollen weiter mit Fördermitteln unterstützt werden. Bislang wurden 380.500 Euro gezahlt.

Der Bauernverband stimmte dem Plan zwar zu, fordert aber, dass die Entschädigungszahlungen nicht nur freiwillig durch das Land erfolgen, sondern dass die Bauern darauf einen Rechtsanspruch haben. „Wenn die Gesellschaft will, dass der Wolf wieder hier lebt, dann wollen wir eine Entschädigung“, sagte Matthias Schannwell. Sonst könnte es dazu kommen, dass Schäfer und Wildtierhalter irgendwann auf die Rote Liste der vom Aussterben bedrohten Arten kämen.

„Außerdem wollen wir, dass das Land darauf hinwirkt, dass der Schutzstatus des Wolfes gelockert wird“, sagte Schannwell. Das langfristige Ziel der Bauern sei, dass irgendwann eine Obergrenze für die Anzahl der Wölfe festgeschrieben wird und klar festgelegte Gebiete, in denen sie geduldet werden. „Wir wären dafür, den Bestand der Wölfe zu begrenzen.“

Doch dies lehnen nicht nur die Naturschützer ab, auch die Umweltministerin sieht in den nächsten Jahren keine Chance, die EU-Gesetze zu ändern. „Dafür ist keine Mehrheit in Sicht“, sagte Tack.

Das Problem beim Wolf ist, dass die Angst lange tradiert ist. Seit dem Mittelalter gilt er als Inkarnation des Bösen – nicht nur im Märchen. Dabei ist die Gefahr für Menschen äußerst gering, sagte Professor Heinz Röhle von der Technischen Universität Dresden. Er vermittelte zuerst in Sachsen und nun in Brandenburg zwischen Naturschützern, Tierhaltern und Jägern und ermöglichte in beiden Ländern die Managementpläne.

„Europaweit gab es in den vergangenen 50 Jahren nur zwei tödliche Angriffe von Wölfen in freier Wildbahn.“ Der Wolf sei äußerst scheu. Seit vier Jahren versucht Röhle, mal einen zu sehen. „Es ist mir nicht gelungen. Leider.“