Wir sprechen gewöhnlich von „der Politik“, die dieses oder jenes regeln soll oder wieder etwas nicht auf die Reihe gebracht hat. Dabei wissen wir sehr genau, dass es „die Politik“ nicht gibt, sondern Menschen, die Politiker eben, dahinter stecken. Sie sind im besten Fall von der Mehrheit der Bürger gewählt und damit beauftragt worden, dafür zu sorgen, dass im Staat, im Land, in der Stadt alle anfallenden Aufgaben so gut wie möglich erledigt werden. Damit aber ist eine Komponente im Spiel, die schwer berechenbar ist: die zwischenmenschlichen Beziehungen.

Die politische Geschichte der Bundesrepublik ist reich an prominenten Beispielen für Konflikte

Sie sind unter Politikern nicht weniger kompliziert als unter allen Menschen, werden aber oft auch noch von Parteiinteressen, Macht- und Sachfragen überlagert. Das führt regelmäßig zu Enttäuschungen und Verletzungen, von denen wir in diesem Jahr einige miterleben konnten.

In Berlin ist der Umgang der Senatorin Regine Günther mit ihrem erkrankten Staatssekretär Jens-Holger Kirchner ein Beispiel dafür. Im Bund hat die seit 15 Jahren schwelende Beziehungskrise zwischen Horst Seehofer und Angela Merkel für Monate die Politik lahmgelegt und fast zum Bruch der Schwesterparteien CDU und CSU geführt. Und schauen wir einmal, wie sich die Sache mit dem enttäuschten Friedrich Merz, seinen Anhängern und Ansprüchen einerseits und Angela Merkel sowie Annegret Kramp-Karrenbauer andererseits noch entwickeln wird.

Die politische Geschichte der Bundesrepublik ist reich an prominenten Beispielen für solche Konflikte. Willy Brandt und Herbert Wehner, Willy Brandt und Helmut Schmidt, Helmut Kohl und Franz-Josef Strauß, Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine, immer ging es um Macht- und Richtungsfragen, aber immer spielten auch persönliche Empfindlichkeiten, Animositäten und Eifersüchteleien eine Rolle.

Man kann daran auch verschiedene Muster erkennen, wie die Beteiligten mit dieser Situation umgegangen sind – sich menschlich vielleicht nicht sehr zu schätzen, und doch im Interesse einer größeren Sache, der Partei, dem Land, aufeinander angewiesen zu sein. 

Ein Tiefpunkt des menschlichen Umgangs miteinander 

Oskar Lafontaine hat alle Ämter hingeworfen als ihm klar wurde, dass Gerhard Schröder seine Richtlinienkompetenz als Kanzler auch gegen ihn konsequent durchsetzen würde. Er zog sich schmollend ins Saarland zurück und sann auf Rache, die ihm mit Gründung der Partei Die Linke auch ausgiebig gelungen ist. Bis heute haben die beiden Kontrahenten kein Wort mehr miteinander gewechselt.

Brandt und Schmidt haben dagegen vorbildlich gezeigt, wie man unterschiedliche Positionen beibehalten und dennoch gemeinsam erfolgreich wirken kann, der eine als Parteivorsitzender, der andere als Kanzler. Die über 1000 Seiten umfassende Sammlung ihres Briefwechsels ist ein bewegendes Dokument dieses Bemühens.

Einen Tiefpunkt des menschlichen Umgangs miteinander markierte Horst Seehofer, als er Angela Merkel auf der Bühne des CSU-Parteitags eine Viertelstunde lang wie ein Schulmädchen neben sich stehen ließ und sie belehrte. Es zeigt auf der anderen Seite die menschliche Größe und die politische Klugheit Merkels, dass sie ihm diese Demütigung nicht heimgezahlt hat. 

Am besten wäre, alle würden sich an Immanuel Kants Leitidee halten

Wie man mit Demütigungen würdig und aufrecht umgehen kann, zeigt dieser Tage auch Martin Schulz. Er hat die Art und Weise, wie seine Partei sich seiner, des gescheiterten Kanzlerkandidaten und zuvor mit 100 Prozent zum Vorsitzenden gewählten, entledigt hat, als grob unfair empfunden. Und doch hat er sich als einfacher Abgeordneter in die Fraktionsdisziplin begeben und lässt nur ab und an noch einmal seine rhetorische Brillanz aufblitzen. Er wartet auf eine zweite Chance.

Was zeigen uns diese Beispiele? Anstand, Würde und ein wenig Demut vor dem von den Wählern vergebenen Amt, das sind erforderliche Eigenschaften für Politiker, um vor den Bürgern und der Geschichte zu bestehen. Dazu gehört, Fehler einzugestehen, die sich aber manchmal auch mit einer Entschuldigung kaum mehr korrigieren lassen, wie im Fall der Senatorin Günther. Am besten wäre, alle würden sich an Immanuel Kants Leitidee halten: So wie du behandelt werden willst, so behandele auch andere. Das sollte Politikern nicht schwerer fallen als allen anderen auch.