Jörg Richert, Geschäftsführer der Berliner Hilfsorganisation Karuna, hat innerhalb des Bündnisses für Straßenkinder den Kongress mit vorbereitet. Der 52-jährige Kulturwissenschaftler betreut seit 25 Jahren gefährdete und benachteiligte Kinder und Jugendliche ohne ein Zuhause.

Herr Richert, wie haben Sie es geschafft, 100 Straßenkinder aus dem ganzen Land zu einem Kongress nach Berlin einzuladen?

Das ist wirklich nicht einfach und bleibt bis zuletzt eine pädagogische und logistische Hochleistung. Wir haben seit vielen Jahren ein Bündnis für Straßenkinder in Deutschland, dazu gehören 26 Einrichtungen. Der Impuls zu dem Kongress kommt von den Straßenkindern selbst, 20 Jugendliche haben ihn vorbereitet. Vor einem Jahr haben sie in der Akademie für Mitbestimmung für Straßenkinder den Grundstein für den Kongress gelegt. Dort entstand die Idee und über das Bündnis für Straßenkinder haben wir die jungen Menschen eingeladen.

Wie lädt man Straßenkinder ein? Sicher nicht per Mail über einen Verteiler.

Ganz sicher nicht. Und ein Plakat aufhängen reicht auch nicht. Die Jugendlichen aus der Vorbereitungsgruppe haben Flyer auf der Straße und im Bahnhofsmilieu verteilt und Feuerzeuge verschenkt, umwickelt mit dem Infomaterial zu dem Kongress.

Wie haben die Eingeladenen reagiert?

Die Jugendlichen sind so dankbar über jede Aufmerksamkeit, die sie erfahren! Manche sagen, sie kämen sich jetzt vor wie Bundestagsabgeordnete, weil sie mit richtigen Fahrkarten nach Berlin fahren dürfen. Für Menschen, die nur die gehockte Perspektive kennen am Bahnhof nach oben zu den Passanten gucken oder eine Straßenzeitung verkaufen, ist so eine Einladung eine immense Aufwertung.

Sie bieten auch ein tolles Programm, mit Übernachtung, Kulturprogramm und Vollverpflegung.

Wir haben tatsächlich viel Schönes organisiert, es gibt neben den Workshops eine Kinonacht, Konzerte, etwa mit Bobo in White Wooden Houses und mit einer Straßenmusikerin. Das ist auch ein Stück Motivation für die Jugendlichen.

In den Workshops geht es um die Themen Schule, Jugendamt, Jobcenter und Ausbildung. Wollen Straßenkinder wirklich darüber reden?

Diese Themen haben sich die Jugendlichen selbst ausgewählt. Manchmal überfordern solche Behördengänge auch uns Erwachsene, erst recht sind damit diese Jugendlichen überfordert. Sie müssen Schritt für Schritt begleitet werden. In Dänemark hat jedes Straßenkind einen Bezugsbetreuer auf unbestimmte Zeit. Das ist bei uns nicht so geregelt. Sie müssen wissen: Über 60 Prozent dieser Mädchen und Jungen leiden unter Traumata, weil sie Gewalt und Missbrauch erleben mussten. Für diese Jugendlichen sind aber Mitarbeiter der Jugendämter nicht ausgebildet. Jugendamt und Sozialarbeiter agieren oft an den Interessen der Jugendlichen vorbei.

Warum?

Es gibt zu wenig Empathie. Die Mitarbeiter haben zu wenig Vorstellungskraft, wie es den Jugendlichen auf der Straße geht. Für die Jugendlichen ist eine verlässliche und liebevolle Umgebung sehr wichtig, Betreuer mit Respekt, mit viel Zeit und Geduld. So ein Jugendlicher, der das Martyrium seiner Familie erlebt hat und dann auf der Straße war, da brauchen Sie zwei bis drei Jahre stationäre therapeutische Betreuung.

Sie helfen Straßenkindern seit 25 Jahren. Was wünschen sich diese Jugendlichen?

Familie! Sie suchen sehnsüchtig nach einer Familie und sie werden sie nicht finden. Sehr viele Jugendliche haben Gewalt erfahren und Missbrauch, dann gehen sie auf die Straße und erleben das Ganze dort noch einmal. Das manifestiert sich, wenn wir nicht schnell eingreifen.

Fordern Sie die Jugendlichen auf, zu ihren Familien zurückzukehren?

Nein, die Entscheidung der Jugendlichen, von zu Hause wegzulaufen, ist richtig und die können wir nur begrüßen. Aber diesen Jugendlichen ist auch die Vorstellungskraft verloren gegangen, ein anderes Leben zu führen. Sie können sich nichts anderes mehr vorstellen als ein Leben auf der Straße.

Was motiviert Sie in Ihrer Arbeit?

Jedes Jahr treffen wir uns auf dem Friedhof wieder, weil Jugendliche an Drogen sterben, durch Suizid oder durch Unfälle, die mit ihrem Leben auf der Straße zu tun haben. Das ist unhaltbar. Aber man darf bei all dem eines nicht unterschätzen: Viele Straßenkinder haben den Wunsch, sich politisch einzumischen, wenn es um ihre Belange geht. Ihr Wille nach Veränderung ist groß, nur steht da immer der Alltag im Weg, das ständige Beschaffen von Lebensmitteln und Geld - damit beschäftigen sie sich den ganzen Tag. Sie kommen also gar nicht dazu, sich um ihre Zukunft zu kümmern und sich eine Perspektive aufzubauen. Wir werden die Jugendlichen ermutigen, Vorschläge zu machen und sich bei diesem Kongress darüber auszutauschen.

Das Gespräch führte Stefan Strauß.