Brandenburg - Für das Hamburger Landgericht war der Fall klar: Am 27. Juni 1940 verurteilte es den Schiffszimmermann Ernst Borgmeier wegen Diebstahls zu einer dreieinhalbjährigen Zuchthausstrafe. Borgmeier sei ein „gefährlicher Gewohnheitsverbrecher“, dem auch Betrug sowie Unterschlagung in drei Fällen nachgewiesen worden sei.

„Gefahr für die Volksgemeinschaft“ 

Deshalb ordnete das Gericht die Sicherungsverwahrung gegen den 33-Jährigen an, da er eine „Gefahr für die Volksgemeinschaft“ darstelle und „zweifellos auch arbeitsscheu“ sei. Im Dezember 1942 wurde Borgmeier aus dem Zuchthaus Gollnitz in das Konzentrationslager Sachsenhausen überstellt. Nur ein halbes Jahr später, am 17. Juni 1943, verstarb der Handwerker dort.

Der Fall des Hamburger Schiffszimmermanns wird in einer jüngst im Berliner Metropol Verlag erschienenen Studie der Historikerin Dagmar Lieske mit dem Titel „Unbequeme Opfer?“ behandelt. Die 38-Jährige, derzeit noch wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Gedenkstätte Sachsenhausen, hat sich in ihrer Dissertation einer Häftlingsgruppe angenommen, die in der bisherigen KZ-Forschung und Gedenkkultur kaum eine Rolle gespielt hat: die sogenannten „Berufsverbrecher“, die während der NS-Zeit in Konzentrationslagern interniert waren.

Die mit den grünen Winkel

Für das im Sommer 1936 faktisch als Berliner KZ in Sachsenhausen errichtete Lager lassen sich bereits in der Aufbauzeit als „Berufsverbrecher“ kategorisierte Häftlinge nachweisen. Nach der „März-Aktion“ 1937, der ersten reichsweiten Polizeiaktion gegen „Berufsverbrecher“, verdoppelte sich ihre Zahl auf 995. Dagmar Lieske recherchierte in ihrer Arbeit allein für Sachsenhausen eine Zahl von mindestens 9181 inhaftierten „Berufsverbrechern“, die mit einem grünen Winkel auf ihrer Häftlingskleidung gekennzeichnet wurden; darunter befanden sich mehr als 400 Straftäter, gegen die eine Sicherungsverwahrung verhängt worden war.

1843 „Berufsverbrecher“ und 218 Sicherungsverwahrte

Wie viele von ihnen das Lager überlebten, lässt sich nicht mehr eindeutig nachvollziehen. Das von der Gedenkstätte angelegte Totenbuch erfasst wegen der zu Kriegsende vernichteten KZ-Unterlagen schätzungsweise nur die Hälfte der Opfer. Danach starben in Sachsenhausen mindestens 1843 „Berufsverbrecher“ und 218 Sicherungsverwahrte.

Trotz dieser Todesrate, die sich von der in anderen Häftlingsgruppen – einmal abgesehen von den sowjetischen Kriegsgefangenen – kaum unterscheidet, sind die in den Lagern inhaftierten „Berufsverbrecher“ bis heute von Stigmatisierung und Vorurteilen betroffen. Dagmar Lieske sieht hierfür mehrere Gründe. Zum einen sei die Gedenkkultur im Nachkriegsdeutschland sehr stark geprägt worden von solchen Häftlingsgruppen, die vom Staat als Opfer gesetzlich anerkannt wurden.

„Einen Rechtsanspruch darauf gibt es jedoch nicht.“

„In der Entschädigungsgesetzgebung galt ja nur als Opfer, wer aus politischen, rassischen und religiösen Gründen inhaftiert worden ist“, sagt die Historikerin. „Wer also nicht materiell und finanziell für seine KZ-Haft entschädigt wurde, der ist in der gesellschaftlichen Diskussion auch nicht als Opfer anerkannt worden. Das betraf einerseits „Berufsverbrecher“, aber über eine sehr lange Zeit hinweg auch als Homosexuelle Verfolgte, Sinti und Roma sowie sogenannte Asoziale.“

Im Grundsatz habe sich diese Gesetzgebung bis heute nicht geändert. Zwar gebe es inzwischen eine Härtefallregelung, die es theoretisch auch als „Berufsverbrecher“ verfolgten Personen erlaubt, eine einmalige Geldentschädigung zu beantragen. „Einen Rechtsanspruch darauf gibt es jedoch nicht.“

Bis in die 1960er-Jahre 

Hinzu komme, dass es in den Strafverfolgungsbehörden nach dem Krieg personelle und formale Kontinuitäten gab, die eine Aufarbeitung des Unrechts an verurteilten Straftätern in den Lagern verhinderten. „Die Kategorie des Berufsverbrechers wurde für Kriminelle ja noch bis in die 1960er-Jahre kritiklos in den Behörden angewandt“, sagt Lieske.

Dadurch aber, dass damit eine Häftlingsgruppe aus der gesellschaftlichen Wahrnehmung verdrängt wurde, habe sich diese auch nicht an der Aufarbeitung in den Gedenkstätten beteiligen können. „Das hatte natürlich Auswirkungen auf die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema der Konzentrationslager, die in Deutschland erst in den 1990er-Jahren intensiver einsetzte. Die Forscher orientierten sich natürlich zunächst an dem, was in den Gedenkstätten schon diskutiert worden ist. Hinzu kommt die komplizierte Quellenlage, die besonders bei den lange ignorierten Häftlingsgruppen große Lücken aufweist.“

Wenig Berichte, wenig Erinnerung

So gebe es hier im Vergleich etwa zu den politischen Häftlingen wenige Erinnerungsberichte oder Nachlässe, auf die der Historiker zurückgreifen könne. „Wir haben also ein doppeltes Problem“, sagt Lieske. „Weil man sich lange nicht für diese Gruppen interessiert hat, ist daher auch wenig dazu dokumentiert und gesammelt worden. Das hat die Forschung erschwert und dazu geführt, dass sich Forscher erst spät dieser Gruppe zugewandt haben.“

Materielle Entschädigung

Die Kontinuität der gesellschaftlichen Ausgrenzung, die die in den Lagern inhaftierten „Berufsverbrecher“ während und nach der NS-Zeit erleben mussten, habe viele Betroffene und ihre Familien geprägt, glaubt Dagmar Lieske. „Eine materielle Entschädigung wäre richtig und für diejenigen, die noch leben und das in Anspruch nehmen können, wichtig, weil es ihnen auch eine gesellschaftliche Anerkennung verschaffen würde“, sagt sie.

„Worum es heute aber vor allem gehen müsste, wäre eine wissenschaftliche und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit den Biographien dieser Menschen und eine Anerkennung ihrer Verfolgungsgeschichten.“