Konzepte gegen Leerstand in Brandenburg: Super Halle, falscher Standort

Vor dem Eingangstor der früheren Wollfabrik wächst das Gras, Fenster sind zugemauert, der Putz ist von den Wänden geblättert. Seit dem Ende der DDR versucht die südbrandenburgische Grenzstadt Guben (Spree-Neiße), wieder Firmen in diese riesige Produktionsstätte in wirklich guter Innenstadtlage zu holen. Bislang fand sich kein Investor für dieses Denkmal.

Die Zeit läuft, denn die Witterung setzt dem Gebäude zu. Leerstand bei Produktionsstätten und Gewerbeimmobilien beschäftigt vielerorts Kommunen in Deutschland. Aber nicht überall ist das ein Problem.

10 Prozent Leerstandsquote

Wie viele solcher Gebäude bundesweit leer stehen, ist nicht zentral erfasst, wie das Statistische Bundesamt mitteilt. Der Handelsverband Deutschland (HDE) geht davon aus, dass sich bei Gewerbeimmobilien die Lage in den vergangenen Jahren eher verschärft hat. „Nach Schätzungen des HDE hat sich die Zahl der Handels-Standorte zwischen 2012 und 2017 um 11.000 verringert“, sagt der Bereichsleiter für Standort- und Verkehrspolitik, Michael Reink.

Bei den Gewerbeimmobilien rechnet der Verband bei der Leerstandsquote mit durchschnittlich zehn Prozent. Schuld ist auch der Boom bei der Online-Konkurrenz, der dem stationären Handel schon lange zusetzt.

Gewerbe- und Industrieleerstände

Der Immobilienspezialist Bulwiengesa schätzt den Leerstand im sogenannten marktfähigen und aktiven Segment – damit sind Gewerbeparks, Logistikzentren und moderne Produktion gemeint – bundesweit auf weniger als fünf Prozent.

Baurechtsexpertin Tine Fuchs vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) betont: „In industriell eher dünn besiedelten Regionen gibt es größere Gewerbe- und Industrieleerstände.“

Die Bundesstiftung Baukultur schätzt, dass der Leerstand höher ist als der von Wohnungen in Deutschland. Es sei häufig schwierig, eine Nachnutzung für Produktionsstätten zu finden, sagt der Stiftungs-Vorstandsvorsitzende Reiner Nagel.

Guben zu weit weg von Berlin

Ähnlich wie bei Kirchen handele es sich um Spezialbauten mit gewissen Deckenhöhen und Tiefen. Oftmals passen die Produktionsbedürfnisse einer neuen Firma nicht zu dem alten Gebäude. Ab Donnerstag diskutieren Experten, darunter die Bundesstiftung, auf einer zweitägigen Leerstandskonferenz im brandenburgischen Luckenwalde (Teltow-Fläming) über dieses Thema. Es sollen Beispiele aufgezeigt werden, wie eine Nachnutzung und Strategien für eine Zukunft für die einstigen Produktionsstätten entwickelt werden könnten.

Die Kleinstadt Guben ist ein Beispiel dafür, dass ganze Branchen wie die Textilindustrie in der Region nach der Wende wegbrachen. Die großen Produktionsstätten blieben zum Teil stehen. Für die frühere Wollfabrik gab es zwar Anfragen von Investoren, wie die Fachbereichsleiterin für Stadtentwicklung, Carola Huhold, sagt. „Für viele kleinere Investoren ist das Gebäude aber zu groß.“ Die Stadt entwickelte Konzepte: vom Wohnen über Einzelhandel bis hin zum Frischemarkt. Nichts fruchtete. „Immer wieder hören wir von Interessenten: ’Super Gebäude, aber falsche Stadt’. In Berlin wäre der Verkauf und die Nachnutzung einer solchen Immobilie überhaupt kein Problem“, sagt Huhold.

Produktionsstandorte werden umfunktioniert

Nicht überall in Deutschland haben Städte Probleme mit leerstehenden Firmengebäuden. In industriell starken Regionen sei es schwierig, noch leerstehende Gewerbeimmobilien oder Produktionsstätten zu finden, sagt DIHK-Expertin Fuchs. „Aus Düsseldorf und München wissen wir beispielsweise, dass es gar keine frei verfügbaren Gewerbeflächen mehr gibt und nun versucht wird, gemeinsam mit dem Umland neue Wirtschaftsstandorte zu erschließen.“

In manchen Städten werden einstige Produktionsstandorte umfunktioniert – und zum Wohnraum gemacht. Die Umwandlung nehme gerade in Städten, in denen bezahlbarer Wohnraum Mangelware ist, zu, sagt der Städtebauexperte beim Deutschen Städte- und Gemeindebund, Norbert Portz. Heute sei es sowohl bau- als auch immissionsrechtlich einfacher, Wohnungen in ehemaligen und nun leerstehenden Gewerbegebäuden unterzubringen. Wo einst Fabriken mit viel Lärm und rauchenden Schornsteinen angesiedelt waren, seien diese Negativerscheinungen heute oft verschwunden.

Auch als Veranstaltungsorte von Kulturevents erhalten manche alte Produktionsstätten heute neue Bedeutung. Besonders im Ruhrgebiet lässt sich das beobachten: An Orten wie der Essener Zeche Zollverein oder dem Landschaftspark Duisburg-Nord. (dpa)