Schon auf dem Weg bekommt man eine Ahnung von der Stille später. Das Vorher trägt Abendfarben – Nachthimmelblau, Straßenlaternengelb, Scheinwerferweiß – und geht von denen aus, die den Klang besuchen. In dunklen Wintermänteln gehen sie allein, zu zweit oder in Gruppen und sprechen nur leise oder gar nicht.

Das hat nichts Bedrücktes oder Trostloses, im Gegenteil. Auf den Gesichtern liegt festliche Erwartung. Eine Karawane der Vorfreude bewegt sich hier Richtung Philharmonie, langsam und zielgerichtet. Lichtgewimmel und Verkehrslärm können ihr nichts anhaben, dieser Gemeinschaft von Fremden mit gleichem Ziel.

Konzert-Besuche: Die Atmosphäre auf dem Weg schmeckt wie ein Aperitif zur Musik 

An der Garderobe wird das Dunkle abgeben. Die Kälte ließ man draußen. Im Glanz der tausend Lampen wirkt sogar das viele Schwarz der Anzüge lebensfroh. Mitgekommen ist die Zurückhaltung im Ton. Zwar wird überall gesprochen, man blättert raschelnd im Programmheft, lässt die Gläser klingen, doch alles leise. Schluckt der Raum die Geräusche? Oder machen die Besucher instinktiv Platz für das, was kommt? Schaffen maximal Raum für die Musik, in ihren Ohren, Herzen, Köpfen?

Jedes Mal, wenn ich ein Konzert besuche, fällt sie mir auf: die Ruhe, die auch das Vorher bestimmt. Still ist es nicht, das wird später kommen, aber die Atmosphäre auf dem Weg, im Foyer schmeckt wie ein Aperitif zur Musik, vor allem aber zu den Momenten, in denen das Orchester schweigt: kurz bevor der Dirigent den Wink zum Auftakt gibt, zwischen den Akten, zwischen zwei Tönen. Und nach dem letzten.

Musik ohne Stille ist ein Mono-Ton

Der erste Moment ist winzig – noch ein Hüsteln hier, ein Scharren dort – und gespannt wie eine Leine. Die beiden nächsten nennt man Pausen, als wären diese Sekunden und Bruchteile davon ein Nichts zwischen dem Eigentlichen. Dabei wäre das vermeintlich Eigentliche nichts ohne sie. Musik ohne Stille ist ein Mono-Ton. Lärm.

Im vierten Moment bleibt die Zeit stehen. Von jetzt auf gleich verstummen alle Instrumente. Egal, ob ein donnerndes Finale oder leise Töne den Schluss bilden, ich kann mich nicht satthören an dem Augenblick. Er klingt jedes Mal wie nie gehört.

Ein Riesensaal voller Menschen und Klangkörper – und mit einem Wink ist alles still. In einem Film würde ich draußen die Autos, Bahnen und Busse anhalten lassen. Die bewegten Lichtreklamen. Die Passanten, den Pinkelstrahl eines Hundes. Nur so lange bis der Applaus einsetzt. Er ist eine Erlösung, obwohl, oder gerade weil die Starre so besonders war.

Die besondere Stille, in der einer dasteht und mit seinen Händen die Zeit kurz anhält

Es gibt viele Orte in der Stadt, an denen man Stille finden kann. Kirchen. Museen. Einige Parks im Winter. Friedhöfe. Doch diese ganz besondere, in der einer dasteht und mit seinen Händen die Zeit kurz anhält, ich glaube, die gibt es nur im Konzerthaus.

Sie klingt wie ein Musikstück, das noch niemand notiert hat, das aber alle im Ohr behalten, auch wenn sie es nur ein einziges Mal gehört haben. Riesig und zerbrechlich wie es ist, würde es vermutlich auch kaputtgehen, in Zeilen gezwängt.