Berlin - Das Wichtigste zuerst: Seien Sie freundlich zu ihrem Postmann oder zu ihrer Postbotin, wenn sie sich im Hausflur begegnen. Denn die, die mit übervollen Fahrradtaschen bis zum Umfallen Sendungen austragen, fühlen sich von Berichten über die Schnecken-, oder Chaospost ziemlich auf den Schlips getreten.

Freundlich formuliert: „Die Postler, die ihren Job ernst nehmen, haben das Gefühl, es werde nur noch auf ihnen herumgehackt“, sagt Lutz Kämmerer. Er ist als Gewerkschafter bei Verdi für ihre Belange zuständig.

Post lobt Prämie aus

Es ist wie mit allem, was einem lieb und manchmal auch zu teuer ist: Ein guter Postler muss gepflegt werden. Und das hat die Deutsche Post AG nach Ansicht Kämmerers in den letzten Jahren schmerzlich versäumt. „Die verfehlte Personalpolitik, die man jahrelang betrieben hat, rächt sich jetzt.“ 

Als notwendige Wiederbelebungsmaßnahme sucht die Post seit Wochen also händeringend nach fähigen Mitarbeitern. Aber: „Der Arbeitsmarkt ist leer gefegt“, weiß Kämmerer. Und die Leute, die auf dem Markt noch zur Verfügung stünden, hätten keine Lust auf die Post.

Lieber gehen sie zu Versandhändlern aus dem Internet. Feste Schichten, pünktlich Feierabend. Auch wenn nicht so gut gezahlt wird, die Sicherheit einer Festanstellung zu verlässlichen Konditionen sei mehr wert. Gerade hat das große Versandhaus Amazon angekündigt, Privatpersonen in Berlin als selbstständige Paketboten einzusetzen. „Wir wollen in den nächsten Wochen die ersten Kunden beliefern“, sagte eine Amazon-Sprecherin.

Zwölf-Stunden-Tage waren keine Seltenheit

In dieser angespannten Situation versucht die Post alles, um Mitarbeiter zu werben. Hilflos – so nennt Lutz Kämmerer die Ideen. Sogar eine Kopfprämie wird ausgelobt: Wer von den derzeitigen Postmitarbeitern einen neuen Mitarbeiter anwirbt, bekommt bei erfolgreicher Einstellung 200 Euro. Außerdem sollen Ex-Postler im Ruhestand reaktiviert werden. Auch wenn man ihnen den Dienst auf der Straße nicht mehr zumuten will, zumindest im Haus könnten sie beim Sortieren helfen.

Auf Betriebsversammlungen heißt es, man wolle alles dafür tun, die Personalsituation zu verbessern. Denselben Text hörten die Postler schon im Juni. Und so bleiben sie hängen auf einem Krankenstand von 10 bis 15 Prozent, der zur Folge hat, dass Kollegen die Post aus dem nächsten Zustellabschnitt mit austragen.

„Viele Zusteller taten mit Leib und Seele auf Biegen und Brechen alles, um die zu großen Touren abzuarbeiten. Zwölf-Stunden-Tage waren keine Seltenheit, zehn Stunden ganz normal. Doch jetzt kippt die Stimmung und auch ich sage: Ist mir scheißegal, wann die Sendungen ankommen“, sagt ein Zusteller.