Kostenlos aus dem Internet: Hunderte historische Zeitungen, leicht zu lesen

Geschichte aus erster Hand: Das Deutsche Zeitungsportal stellt kostenlos Zeitungen aus den Jahren 1671 bis 1950 bereit.

Historische Zeitungen aller Art gibt es digital über das Deutsche Zeitungsportal, hinten in der Mitte erinnert der Titel des Berliner Tageblatts daran, wo Traditionen der Berliner Zeitung liegen.
Historische Zeitungen aller Art gibt es digital über das Deutsche Zeitungsportal, hinten in der Mitte erinnert der Titel des Berliner Tageblatts daran, wo Traditionen der Berliner Zeitung liegen.Deutsche Digitale Bibliothek

Über ein kostenloses Abonnement für sage und schreibe 247 deutsche Zeitungen verfügt ab sofort jedermann – jederzeit und an jedem Ort für beliebig lange Dauer. Nie wieder geht der Lesestoff aus, denn es stehen 4,5 Millionen Zeitungsseiten aus 600.000 Ausgaben bereit. Und das alles gelangt ohne Papier zu den Leserinnen und Lesern.

Schülern, Studenten, Journalisten, interessierten Laien, professionellen Historikern, Familienforschern in Kleinstädten, auf dem Land – allen eröffnen sich nie gekannte Möglichkeiten, Recherchen in die Breite und Tiefe auszuweiten.

Möglich gemacht hat das die Deutsche Digitale Bibliothek (DDB). Diese von Bund und Ländern finanzierte virtuelle Bibliothek vernetzt 30.000 deutsche Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen und macht deren Bücher, Fotos, Werke der bildenden Kunst, Noten, Musik und Filme allen Bürgern frei zugänglich. Als zentralen Zugang für die Presseerzeugnisse hat sie Ende Oktober 2021 das Deutsche Zeitungsportal eingerichtet.

Weitere Zeitungen kommen dazu

Man muss sich nicht anmelden, also anders als beispielsweise bei Google hinterlässt eine Recherche keine Daten. Nur eine Internetadresse eingeben – https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/newspaper – und schon öffnet sich die Tür in eine Textwelt so vielfältig wie das wahre Leben. Zeitungen aus 300 Jahren, die älteste, Il corriere ordinario, ist 1671 erschienen, die jüngste, die Badischen Neuesten Nachrichten, am 30. Dezember 1950. Seite für Seite wurden die Journale digitalisiert. Ihr Volltext ist zu 84 Prozent erschlossen und kann mithilfe von Stichwörtern durchsucht werden. Die meisten digitalisierten Ausgaben, die bislang über das Angebot auffindbar sind, stammen vom Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts und wurden von neun Bibliotheken zu Verfügung gestellt.

All das ist erst der Anfang, teilte die DDB mit: Weitere Zeitungen sollen hinzukommen, auch die Funktionen werden verbessert und erweitert. Stück für Stück werden alle historischen Zeitungen digitalisiert zugänglich gemacht, die in deutschen Kultur- und Wissenseinrichtungen aufbewahrt werden. Die DDB lädt alle ein, sich mit ihren Zeitungsbeständen zu beteiligen.

Dieser Digitalisierungsschub erbringt auch einen Beitrag zur Demokratisierung des Landes, zur Schaffung gleicher Verhältnisse, zur Milderung der Kluft zwischen Stadt und Land. Man erahnt die Möglichkeiten, die sich noch bieten, wenn digitale Angebote in Stadt und Land, fern von großen Bibliotheken, Archiven und anderen zentralen kulturellen Einrichtungen überall Nutzen stiften.

Alltag aus Sicht der jeweiligen Zeit

Wer in historischen Zeitungen liest, darf sich auf Überraschungen freuen, denn er löst sich aus der Rückschau, die ja immer schon das Ende einer Geschichte kennt. Die Texte von 1932 haben Menschen geschrieben, die noch nichts vom Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust wussten und daher ihre Gegenwart anders sahen als Menschen der heutigen Zeit.

Verblüffend modern erscheinen Reportagen aus der Kaiserzeit, die von den sozialen Kämpfen, aus dem Alltag, aus Kultur und Politik berichten. Wer sich auf eine solche Reise in die Vergangenheit begibt, taucht in andere Zeiten ein, nimmt andere als gewohnte Töne war.

Alle, die sich schon einmal in einem Archiv am Lesegerät für Mikrofiches, also Filme mit abfotografierten Seiten, an der Lektüre alter Zeitungen versucht haben und nach ein paar Stunden verzweifelter Suche auf unübersichtlichen Darstellungen mit brennenden Augen und brummendem Schädel kapitulierten, können sich freuen.

Volltextsuche und Kopierfunktion

Freude bereitet zum Beispiel, dass neben der Volltextsuche verschiedene Hilfsmittel und Filter zum gezielten Auffinden bestimmter Thematiken bereitstehen. Die Wege zum Gesuchten sind vielfältig: Man kann den Einstieg über den Namen der Zeitung wählen, über den Erscheinungsort oder das Erscheinungsjahr. Auch Einzelfilter können eingestellt werden: Wer also eine bestimmte Zeitung für einen bestimmten Zeitraum durchschauen möchte, kann diesen entsprechend eingrenzen. Man kann nach genau bestimmten Ausgaben oder Seiten suchen. Oder – ganz einfach – einen Begriff oder Namen eintragen und staunen, was die Volltextsuche so alles hervorbringt.

Die jeweilige Zeitungsseite erscheint als Faksimile, das gesuchte Stichwort ist im Text leicht zu entdecken, denn es ist farblich markiert. Noch besser: Eine Funktion liefert den Text in einem Extra-Fenster in besser lesbarer Normalschrift (mit den bekannten Scan-Fehlern). Von dort aus kann – hurra, hurra – kopiert werden. Es gibt Funktionen zum Downloaden und Teilen. Die Zeitungsseiten können stufenlos vergrößert beziehungsweise verkleinert und mithilfe der Maus hin- und herbewegt werden.

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Beispiel Vorwärts
Gründung: Der 1. Oktober 1876 war die Geburtsstunde des Vorwärts. Er erschien fortan dreimal in der Woche als „Centralorgan der Sozialdemokratie Deutschlands“. 

Verbot: Zwei Jahre später wurde er als Folge des Sozialistengesetzes verboten und musste sein Erscheinen am 26. Oktober 1878 bereits wieder einstellen. Ab 1879 erschien er in Zürich wieder: illegal und unter dem Titel Der Sozialdemokrat.

Neugründung: Nach Aufhebung des Sozialistengesetzes wurde die Zeitung am 1. Januar 1891 unter dem Titel Vorwärts – Berliner Volkszeitung, Central-Organ der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, in Berlin erneut gegründet. In dieser Ausgabe von 1907 geht es um „Sozialdemokratie und Kolonialpolitik“. 

Sicherlich wird die Praxis noch weitere Funktionen offenbaren. Die nächsten Monate mit coronabedingt limitiertem Zugang zu Archiven und Bibliotheken könnten sich als gute Zeit erweisen, um den freien digitalen Weg zu erkunden. Das Stöbern hat Suchtpotenzial – erste Erfahrungen zeigen: Mittags angefangen und unversehens war es dunkel.

Die Testerin hat sich zum Beispiel festgelesen im Berliner Tageblatt, dem 1906 bis 1933 der große Journalist Theodor Wolff als Chefredakteur vorstand. Der 21. Mai 1928 sei herausgegriffen. Am Tag zuvor hatten die Deutschen einen neuen Reichstag gewählt. Die bürgerlichen Parteien waren geschwächt, die linken, also vor allem SPD und KPD, hatten zugelegt. Die NSDAP schien Kraft zu verlieren. Eine erhebliche Verschiebung der Verhältnisse. Die Seite-1-Schlagzeile des linksliberalen Massenblattes lautete: „Der Reichstag der großen Koalition“. Leitartikler Dr. Ernst Feder ordnet ein: „Der deutsche Wähler hat gestern klar und deutlich Nein gesagt. Er will die Rechtsregierung nicht, unter der er über Jahre gelitten hat.“

Originalquellen nachlesen

Die liberal-konservative Deutschnationale Volkspartei beklagte den Verlust von einem Viertel ihrer Stimmen, auch das Zentrum und deren Schwester, die Bayerische Volkspartei, beide Vertreterinnen des politischen Katholizismus, hatten verloren und das „trotz des großen Vorsprungs, den diesen beiden religiös gefärbten Parteien das Frauenstimmrecht gibt“, wie der Leitartikler meinte. Die Nationalsozialisten nennt er „agitatorisches oder Verlegenheitsgebilde“. Der linke Rand, die Kommunisten, erstarkte.

Fünf Jahre später, 1933, im Januar und Februar hatte eine schwere Grippewelle die Deutschen geplagt, stellte sich die Lage völlig anders dar. Aus den Reichstagswahlen am 5. März ging die NSDAP bei großer Wahlbeteiligung mit Riesenabstand und 43,9 Prozent als stärkste Kraft hervor. Was zwischendurch passiert war, kann – wer Zeit hat – anhand von Originalquellen ausgiebig nachlesen.

Mit ihrem neuen Zeitungsportal eröffnet uns die Deutsche Digitale Bibliothek einen faszinierenden Zugang zu unserem publizistischen und damit zugleich kulturellen Erbe.“

Monika Grütters, 2021 Kulturstaatsministerin

Schneller geht es, einmal nachzuschauen, was an Omas Geburtstag los war oder am Tag, als Uropa in den Krieg zog. Das Deutsche Zeitungsportal hält das Publikum für mündig genug, um ihm auch NS-Blätter wie Hakenkreuzbanner oder Der Führer zuzumuten. Andererseits wird man Blätter finden wie The Jewish Chronicle oder The Jewish Voice of the Far East, in dem 1945/46 zum Beispiel die Frage einer neuen Heimat in Palästina debattiert wird.

Weiter zurück in die Geschichte geblickt, taucht das revolutionär gestimmte Blättchen Verfolger der Wahrheit auf, das 1849 unter dem Motto „Kein halbes Leben, lieber gar keins / Drum deutscher Michel aufgewacht / das Morgenroth / verscheucht die Nacht!“ über Waisenhäuser, falsche Bürgermeister und Gerüchte über die Zuckerversorgung berichtet.

Die Frauenzeitung – das Organ für die höheren weiblichen Interessen

Vergnüglicher geht es zu im Magazin Blätter für Scherz und Ernst. Da gibt es am 2. Juli 1843 etwas zum Schmökern, nämlich die Novelle „Die schwarze Dame“, die mit folgendem vielversprechenden Satz anfängt: „An einem regen- und sturmvollen Winterabende saßen drei Offiziere von dem Garderegimente der Gensdarmen des Königs zu Berlin beisammen, lachend, rauchend, prahlend und halbtrunken von Wein und Jugendlust …“

Die Frauenzeitung – Das Organ für die höheren weiblichen Interessen macht sich 1851 Gedanken über das Mädchenturnen, die Natur und Planeten sowie die „Neue Frauenkleidung“.

An dem Deutschen Zeitungsportal arbeiten die Deutsche Nationalbibliothek als Projektleitung, die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB), die Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz und das FIZ Karlsruhe – Leibniz-Institut für Informationsinfrastruktur. Finanziert wird das Deutsche Zeitungsportal von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).