Kreuzberg - Die Änderungsschneiderei am Kottbusser Damm in Kreuzberg, in der seit 30 Jahren für wenig Geld Kleidung geflickt wurde, steht neuerdings leer. Das Restaurant für türkische Spezialitäten ist weg, ebenso wie der Blumenladen um die Ecke und die türkische Buchhandlung ein paar Meter weiter. An der Schaufensterscheibe der leeren Schneiderei steht: „Tourists, Berlin hates you“ – „Touristen, Berlin hasst euch.“

Lesen Sie auch die Reportage vom Kottbusser Damm. Wir haben drei Menschen besucht, die vom Wandel betroffen sind. 

Bald werden auch hier wohl neue Mieter einziehen. Solche, die sich die Miete leisten können, die von etwa 1500 Euro auf einen Schlag auf mehr als 3000 Euro erhöht wurde.

Berlin wandelt sich. Ständig. Der Moloch ist in Bewegung, genau wie seine Bewohner. Immer mehr Leute ächzen unter immer höheren Mieten. Sie ziehen weg, wohin auch immer, Hauptsache, sie können es sich noch leisten. Ihre Wohnungen werden teuer vermietet, und ringsum entstehen neue Läden: vegane Burgerrestaurants und Cafés, in denen ein Donut vier Euro kostet. Sie verdrängen die kleinen Läden, die seit Jahrzehnten ihre Nachbarschaft mit all den kleinen Dingen des Alltags versorgt haben: Stoffe, Mode, Handwerk und Dienstleistungen.

Kotttbusser Damm ist ein exemplarisches Beispiel für den Wandel

Viele Straßen in Prenzlauer Berg, Friedrichshain, Kreuzberg und Neukölln haben sich längst komplett gewandelt. Dort reiht sich Restaurant an Restaurant, Touristen und Berliner aus anderen Bezirken fluten an den Abenden und Wochenenden die Kieze. Von einer „Gastro-Monokultur“ spricht der Kreuzberger Wirtschaftsstadtrat Andy Hehmke (SPD) ebenso wie sein Kollege Jochen Biedermann (Grüne), Stadtrat für Stadtentwicklung in Neukölln. Beide sehen zwar generell auch Gutes am Wandel, doch sie fürchten diese Eintönigkeit gleichermaßen.

Der Kottbusser Damm – die Grenze von Kreuzberg zu Neukölln – ist ein exemplarisches Beispiel für einen solchen Wandel, der sich dort mit aller Macht in der Nähe der U-Bahn-Station Schönleinstraße zeigt: Dort gibt es noch einen Netto – aber ihm stehen zwei Bioläden gegenüber. Es gibt noch kleine türkische und arabische Läden, die Kleidung und Toaster verkaufen – doch die Zahl der aufwendig gestalteten Restaurants und der Cafés mit Retro-Charme wächst ständig.

Gewerbetreibende sind völlig schutzlos

Wer sich unter Gewerbetreibenden umhört, stößt auf Verzweiflung: Die Alten erzählen von zwei- und dreifachen Mieterhöhungen auf einen Schlag. Von Bestechungen und Schmiergeld, um überhaupt einen Laden zu bekommen, berichten fast alle. Während Privatmieter sich auf einige Rechte berufen können – wie zum Beispiel die Mietpreisbremse oder den Milieuschutz – sind Gewerbetreibende vollkommen schutzlos.

Von Wucher ist ständig die Rede, und der gedeiht dort am besten, wo starke Nachfrage auf unternehmerische Gier trifft. In den Handel zwischen Gewerbetreibenden – business to business – mischt sich der Staat üblicherweise nicht ein.

„Das führt dazu, dass viele Vermieter nehmen, was auch immer sie maximal nehmen können“, sagt Andy Hehmke. Sein Neuköllner Kollege Biedermann hat im Reuterkiez den Exodus der kleinen Händler erlebt. Er fordert deswegen ein Ende der kompletten Vertragsfreiheit: „Wir brauchen dringend eine Art Gewerbemilieuschutz.“

„Die Leute haben Angst“

Pascal Meiser, Linken-Bundestagsabgeordneter aus Kreuzberg, macht sich in der Oranienstraße für Kioske und Buchhändler stark. Nun schreibt er Briefe an Eigentümer am Kottbusser Damm, die alteingesessene Betriebe mit horrenden Forderungen vertreiben. Er beobachtet auch einen Mentalitätswechsel in den Kiezen: „Die Leute haben Angst, dass es sie als nächstes trifft. Diese Verunsicherung führt zu einer aggressiven Abwehrhaltung. Das kann niemand wollen.“

Das Land Berlin brachte im November eine Initiative in den Bundesrat ein, die einstimmig beschlossen wurde: Die Regierung soll bis zum Sommer Maßnahmen für einen besseren Gewerbeschutz erarbeiten.

So lange sind die Händler auf sich gestellt. Das Problem ist in vielen Teilen Berlins inzwischen so gravierend, dass oft selbst die neuen Mieter, die die alten verdrängt haben, über zu hohe Mieten stöhnen.

Drei Geschichten vom Kottbusser Damm. Lesen Sie auch die Reportage.