Berlin - Im Haus Nr. 10 hat jemand seine Ballettkarriere an den Nagel gehängt. Oder sind sie nur zu klein, die zertanzten rosa Spitzenschuhe, die das Nummernschild zieren? Und sieht das lustig aus oder traurig? An der Fassade nebenan rankt, wie an etlichen Häusern rund ums Kottbusser Tor, Wein oder Efeu noch recht blattlos gen Himmel. Die Äste so zart, dass auch das Gewächs zu schweben scheint. Das passt schön zu den Schuhen, das Arrangement strahlt Heiterkeit aus. Bestimmt tanzt das Mädchen noch, die Schuhe eine Nummer größer. Gegenüber am Zaun prangt ein aufwendig gestaltetes Banner. Die Bewohner, dargestellt als naserümpfende Gesichter, haben darauf geschrieben: „Eure Toilette = unsere Haustüre. Respektiert die Nachbarn.“

Daneben das Ganze auf Englisch. Wie viel Urin muss da geflossen sein, dass man so groß an etwas erinnert, das doch jeder wissen sollte: dass man nicht in Höfe pinkelt. Überhaupt spielen menschliche Ausscheidungen in dieser Gegend eine recht öffentliche Rolle. In der Naunynstraße liegt ein kaputter Toilettenspülkasten auf dem Bürgersteig, um ihn herum Plastikteile. Der Kontrast zwischen der kolossalen Gleichgültigkeit gegenüber dem Lebensraum so vieler und der liebevollen Ausstaffierung desselben kratzt einem fast die Augen aus.

Kottbusser Tor zeigt, was Menschen in Berlin fertigmacht und fertigbringen

Der Schmuck ist allgegenwärtig: Frühblüher umkreisen Straßenbäume und stecken ihre bunten Köpfe aus steinernen Trögen. Die Sockel links und rechts einer Tür hat jemand gekonnt mit Mosaiksteinchen verziert. Viele Hausnummern erfährt man von mediterranen Fliesen oder selbst getöpferten Schildern.

Ein Fahrrad trägt auch Blumen. Sonnen, aus Plastik. So leuchten sie länger. Wenn man genau hinsieht, lächelt einem der Kiez von überall her zu. Die Freude am Verschönern überdeckt Unrat und Verwahrlosung, lässt die hässlichen Graffiti in einem versöhnlichen Licht erscheinen und leuchtet die gelungenen aus.

Lenkt den Blick auf das, was Nachbarschaft auch ist, außer Wehr gegen Wildpinkler: In jedem vierten Haus befindet sich irgendein Hilfebüro oder eine Initiative. Für jede Gruppe, jedes Problem. Eltern, Frauen, Alte, Väter, Einsame und an der Bürokratie verzweifelnde müssen rund ums Kottbusser Tor nicht lange suchen, um Rat und Begleitung zu finden. „Liebe ist für alle da“, steht auf einer Fassade.

Ein Aufkleber ruft zur „Revolution gegen Verdrängung“ auf, ein Zettel zum „Stören, sabotieren, besetzen, verhindern!“ Der brachiale Ton tut dem berechtigen Anliegen (Protest gegen den Bau eines weiteren Hostels) keinen Gefallen und beißt sich mit der rosa Wand dahinter. Ich denke: Rund ums Kottbusser Tor ist eine dieser Gegenden, in denen sich auf kleinstem Raum ballt, was Menschen in der Stadt fertigmacht, und was sie fertigbringen. Was sie schafft und was sie schaffen. Werk und Zerstörung gehen Hand in Hand, Liebe und Verdruss, Enthusiasmus und Alles-egal. Gespräch und Gebrüll, Tanz im Müll.