Koyote in Kreuzberg: Ein experimenteller Mix in bester Lage

Lage, Lage, Lage, behaupten Marktforscher, sei das A und O. Doch was die Gastronomie betrifft, habe ich in den vergangenen Jahren schon die überraschendsten Dinge erlebt. Etwa direkt an der Kreuzberger Admiralsbrücke. Ein Top-Standort – denkt man. Die Pizzeria Il Casolare platzt seit jeher aus allen Nähten. Genau gegenüber, am Fraenkelufer, ist ein schönes Ecklokal, ebenfalls eine Spitzenlage. Ich gehe nun schon zum dritten Mal dorthin, um ein Restaurant zu testen. Immer ein anderes.

Ich komme gern in diese Gegend. Am Fraenkelufer, das ins Paul-Lincke-Ufer übergeht, ist Kreuzberg grün, weltstädtisch, fast ein wenig mondän. Das Restaurant an dieser so guten wie offenbar schwierigen Lage ist das Koyote. Im Eingangsraum steht eine etwas schummrige Mezcal-Bar. Seitlich geht es weiter in zwei große Gasträume, in denen Kunst an den erdfarbenen Wänden hängt. Holzstühle und Polsterbänke wechseln sich ab. Es soll sowohl edel als auch gemütlich wirken. Im Koyote werden tagsüber unter anderem Birchermüsli und Frühstückseier angeboten, am Abend ambitioniertes Essen.

Was die Abendkarte angeht, scheinen die Besitzer auf die gerade sehr angesagte Südamerika-Welle zu setzen. Der Spagat zwischen Birchermüsli, Ceviche und Mezcal, also Alltagsrestaurant, feinem Ausgehlokal und verruchter Bar macht mir etwas Angst. Ich glaube mit den Jahren eines über die Gastronomie verstanden zu haben: Restaurants sind wie Frauen: Unentschiedenheit wird bestraft. Dem Vorgänger des Koyote, ein Laden namens Soul Food, wurde genau dies zum Verhängnis: Es gab unter anderem Quiche, Burrata, Burger und Wiener Schnitzel. Wer so viel Verschiedenes macht, macht am Ende alles nur mittelmäßig.

Das Koyote bietet spannende Fusion-Küche

Auch im Koyote ist mir die Karte, trotz ihrer prinzipiell südamerikanischen Ausrichtung, noch zu unentschieden. Als Snack konkurrieren mexikanische Chips mit Guacamole mit mediterraner Pulpo-Bruschetta; und bei den Vorspeisen ein peruanisches Ceviche vom Kabeljau mit einem Blutwursttörtchen mit Kohlrabi.

Doch schon bei der Pulpo-Bruschetta verfliegt etwas von meiner ersten Skepsis: aromatische, sehr kleingeschnippelte Tomaten, Limettensaft und rote Zwiebel mit einem Hauch Chili beizen den Belag in Richtung Ceviche. Dazu kommen hauchdünne Scheibchen des wunderbar weichen Pulpos. Auch handwerklich hat die Küche sorgfältig gearbeitet und die Weißbrotscheiben vorab knusprig getoastet, damit nichts vom saftigen Belag durchweicht.

Auch das Ceviche selbst ist alles andere als langweilig. Der rohe, von Limettensaft durchzogene Kabeljau ist auf einer Süßkartoffel-Creme angerichtet. Zwar ist sein Fleisch etwas kauig, doch die Aromen und Zutaten gefallen mir. Granatapfelkerne und Süßkartoffel-Bananenchips sorgen für Frucht- und Crunch-Gefühl, rohe rote Zwiebel und Chili für Schärfe. Dazu kommt noch der typische Geschmack von Koriander.

Ein experimenteller Mix in bester Lage

Trotz Fusion auf der Karte hält sich die Küche des Koyote innerhalb eines Tellers an einen – zugegeben sehr weitgefassten – Kulturraum. So auch bei meinem nun eher deutsch-französischem Blutwursttörtchen: Von der Wurst gibt es nur das weiche, ausgelöste Innere, das auf eine Creme aus Kohlrabi geschichtet wurde. Die süßlich-erdigen Aromen verbindet sich ganz natürlich, genial durchbrochen werden sie von sauren Granny-Smith-Apfelschnitzen oben auf und einem mit Rotwein eingemachten Zwiebel-Confit.

Ich ahnte Schlimmes, als der Abend begann. Doch der experimentelle Mix aus südamerikanischen, mediterranen, französischen und deutschen Einflüssen schmeckt hier nicht beliebig. Ich hoffe, die Betreiber halten das durch – und sind noch da, wenn ich das nächste Mal in dieser schönen Gegend vorbeischaue. Sie verdienen es.

Koyote, Admiralstr. 20, Kreuzberg, Dienstag bis Freitag ab 16 Uhr, Samstag bis Sonntag ab 9 Uhr, Tel.: 8597-7738