Wittenberge - Über der Tür des Restaurants Kranhaus in Wittenberge hängt das Heiligtum von Knut Diete, dem Betreiber des Lokals: ein Foto. Es zeigt Diete, der stolz in die Kamera blickt. Neben ihm steht ein älterer Mann, der eine schneeweiße Kochjacke und eine Kochmütze trägt. Der Mann ist kein geringerer als Paul Bocuse, der Jahrhundertkoch aus Frankreich. „Das war vor zwei Jahren in seinem Gourmetrestaurant“, sagt Knut Diete.

Bocuse habe ihn, den Koch aus Wittenberge, in das Heiligste seines Restaurants L’Auberge du Pont des Collongnes geführt – in die Küche. „Das war wie eine Privataudienz beim Papst“, sagt der 44-jährige Diete. Diese Begegnung sei reiner Zufall gewesen. Dass er fast auf Anhieb einen Tisch in dem sonst lange im Voraus ausgebuchten Gourmetpalast bekommen habe und dass dann auch noch Bocuse persönlich an seinen Tisch kam. Diete weiß nicht genau, woher Bocuse wusste, dass er einen Kollegen vor sich hatte. Noch dazu einen ziemlich erfolgreichen.

Seit elf Jahren führt Knut Diete das Kranhaus in einer Stadt, die immer wieder als Region des Niedergangs von sich reden machte. Man glaubt es nicht, wenn man es nicht selbst gesehen hat: Aber selbst in der Woche zur Mittagszeit ist es schwer, vor allem auf der Terrasse über der Elbe einen Tisch zu ergattern.

Das Kranhaus ließ einst der Kaufmann Johannes Runge für seine Speditions- und Handelsfirma Hofmann und Roemer bauen. Das war 1884, und Wittenberge war damals ein florierender Umschlagplatz. Zu DDR-Zeiten verfiel das Gebäude immer mehr, so dass es 1968 gesperrt werden musste. „Man hat schon darüber nachgedacht, es abzureißen“, erzählt Diete. Denn die Ruine drohte abzusacken und in die Elbe zu stürzen. Doch dann wurde das Kranhaus unter Denkmalschutz gestellt. 1998 begann die Sanierung. 2001 boten die Gesellschafter Diete an, das Restaurant zu übernehmen. Heute hat Diete 18 Angestellte. „Was mir hier in der Pampa gelingt, geht nur mit einem guten Team“, sagt er. Selbst seine 80-jährige Mutter lässt es sich nicht nehmen, zu helfen. Sie macht 70 bis 80 Torten im Monat.

Hochwertige Küche, einfache Kost

Diete hat im Kranhaus hochwertige Küche mit einfacher Kost verbunden. Er sagt, bei ihm könnten Millionäre ebenso essen wie Handwerker. „Ich finde es toll, wenn ich den Leuten eine Backkartoffel aus der Prignitz mit Sauercreme und Kaviar reichen kann. Und dann mit einem Kohlrübeneintopf weitermachen darf“, sagt der Koch. Er liebt diese Kombination aus Luxus und Regionalität. 80 Prozent der Gerichte, die serviert werden, stehen nicht in der Karte. Da gibt es auf Dietes Empfehlung ein wohlschmeckendes Zanderfilet mit zarter Gänsebrust, Pfifferlingen, buttriger Hummersauce und schlichten Salzkartoffeln für 22,50 Euro, aber man kann auch ein Bauernfrühstück aus Bratkartoffeln mit Speck und Zwiebeln im Omelett für sieben Euro aus der Karte wählen.

Der Chef des Kranhauses zelebriert seine Kochkunst. Er begrüßt jeden seiner Gäste wenn möglich persönlich, immer in schwarzer Hose, weißer Jacke und Schlips. Gerne empfiehlt er neue Eigenkreationen. Eine Menge Stammkunden wissen das mittlerweile zu schätzen.

Knut Diete stammt aus Wittenberge. Er ist Koch geworden, weil sein Bruder Koch gelernt hatte. „Wenn ich ihn mal abgeholt habe, war ich immer fasziniert, wie minuziös das Essen rausgegangen ist“, sagt er. 1987 fing er eine Ausbildung im Hotel Germania in Wittenberge an. Mit dem Ende der DDR wurde er entlassen. Er fand in einem kleinen Dorf-Gasthof in der Prignitz Arbeit. „Da habe ich manchmal 360 Eier am Wochenende für Bauernfrühstück verarbeitet“, erinnert er sich. Dafür brauche man keinen Koch, war seine Meinung. Also brachte er schließlich ein paar „neue Sachen auf die Karte“ und machte sie den Gästen schmackhaft.

Dort ist ihm auch seine Erfolgskreation gelungen: Erdbeeren in Senfsauce. Eigentlich war es ein Missgeschick. Damals brachte ein einheimischer Bauer zwei Körbe mit Erdbeeren vorbei. Diete war gerade damit beschäftigt, die Senftöpfchen für ein Spanferkelessen zu füllen, als eine Erdbeere in den Senf fiel. „Ich habe sie herausgeangelt, gegessen und gestaunt“, sagt er. Es war vielleicht der Beginn seines Erfolgs. Rund 300.000 Mal hat er sein Rezept nach eigenen Angaben bisher um die Welt geschickt.

Knut Diete, der es auch als Radiokoch in Brandenburg zu Berühmtheit gebracht hat, nennt sich den „Marktführer auf dieser Ecke der Welt“. Und das ist nicht zu hoch gestapelt. Er hat für Manfred Stolpe gekocht und für Gerhard Schröder, für Frank Schöbel und Franz Müntefering. Er hat Minister auf Reisen beköstigt. Und seine Erdbeeren in Senfsauce haben, so sagt er, schon Putin und Madonna probiert.

Der Küchenchef von Wittenberge hat nur noch einen Gast auf seinem Wunschzettel: den für ihn letzten großen deutschen Filmschaffenden. „Ich würde gerne einmal Armin Müller-Stahl im Kranhaus begrüßen.“