Ich stehe vor dem Berghain mit klopfendem Herzen. Darf ich mich anmelden oder werde ich abgewiesen? Die Flure meines Berghains sind in einem warmen Orange gestrichen, das Licht ist leicht gedimmt. An der Wand hängt ein Bild von Paula Modersohn-Becker, das eine stillende Frau und ihr Baby zeigt. Mein Berghain ist nicht der bekannte Klub, sondern ein Krankenhaus-Kreißsaal im Norden Berlins.

Wenn man kein Kind hat oder es schon größer ist, mag der Vergleich seltsam vorkommen. Doch die Jagd nach einem guten Krankenhaus erinnert mich an früher, als ich nachts noch ausging. Und ich bis zuletzt zitterte, ob mein Name wirklich wie versprochen auf der Gästeliste stand. Ähnliche Qualitäten sind jetzt gefragt. Mein Berghain warnt schon auf seiner Website davor, dass dort nicht jeder hineinkommt. „Zur Gewährleistung unserer Qualität“.

Timing ist wichtig: Man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. In manchen Krankenhäusern, wie in einem begehrten im Westteil der Stadt, sollte man sich bereits in der achten Schwangerschaftswoche für die Geburt anmelden, noch besser nach dem positiven Schwangerschaftstest. Wer wartet, bis die ersten drei Monate vorbei sind, hört nur: „Längst ausgebucht.“ Andere Frauen gehen lieber in die namhafte Klinik, die Frauen ab Ende 30 routinemäßig einen Wunschkaiserschnitt anbietet. Das Baby to go sozusagen. Man sucht sich Datum und Uhrzeit im Kalender aus – und nach einer Stunde ist alles vorbei. Sehr praktisch. Andere Kliniken wollen am liebsten Frauen, die sich beim Anmeldegespräch verpflichten, ihr Kind bis zum 21. Lebensjahr zu stillen.

Unverbindliche Anmeldelisten

Einmal war ich bei einem Info-Abend in einer großen Geburtsklinik, der eher einer Verkaufsveranstaltung ähnelte, Geburten bringen auch Geld. Hundert Frauen, vor ihnen eine gut gelaunte Hebamme, die die Vorzüge des Hauses pries, die Worte Wohlfühlbad, Körperpackungen und Musikprogramm fielen. Es war, als sei ich in einem Wellness-Hotel gelandet. Danach meldeten sich viele an. Ich dachte, wenn man sich anmeldet, wird ein Platz reserviert, doch das stimmt so offenbar nicht mehr, weil der Andrang so groß ist. Anmeldelisten sind in manchen Häusern so unverbindlich wie die Gästeliste im Klub. Wenn man Pech hat, muss man durch die Stadt zur nächsten freien Klinik kurven, wenn die Wehen losgehen – und kann nur hoffen, dass der diensthabende Doktor im Krankenwagen kein Augenarzt ist.

Weil mehr Berlinerinnen als in den Jahren zuvor Kinder bekommen, sind einige Krankenhäuser, zum Beispiel die Klinik Neukölln, so überlastet, dass sie für einige Tage den Kreißsaal komplett schließen müssen. Die Klinik Neukölln ist eine der größten Geburtsstationen Deutschlands, 2015 wurden über 3700 Kinder geboren, ein Rekord, die Zahl für 2016 wurde noch nicht veröffentlicht, liegt aber wohl ähnlich hoch. Hochschwangere mit Wehen mussten offenbar trotz Anmeldung weggeschickt und in eine andere Klinik gefahren werden. Solche Zustände habe sie in fünfzehn Berufsjahren nicht erlebt, sagt eine Neuköllner Frauenärztin.

Das Krankenhaus, das ich ausgesucht habe, ist viel kleiner, aber auch hier macht sich die höhere Geburtenrate bemerkbar. Könnte es sein, dass ich trotz Anmeldung abgewiesen werde? Nein, sagt die Türsteherin, unsere Gästeliste ist verbindlich.