Das Abgeordnetenhaus verhandelt über den Haushalt – und das ist die Zeit, in der verschiedenste Gruppen um mehr Ressourcen kämpfen. Die Berliner Krankenhäuser machen geltend, dass sie schon seit Jahren viel zu wenig Geld bekommen. Das Land ist gesetzlich verpflichtet, ihnen Investitionsmittel zu zahlen – und tut das unbestritten nicht im vorgesehenen Umfang. Wir sprachen mit Marc Schreiner, dem Geschäftsführer der Berliner Krankenhausgesellschaft, über den Pflegenotstand, marode Technik und andere Folgen des Spardrucks.

Herr Schreiner, eine Studie der Bertelsmann-Stiftung hat kürzlich konstatiert, dass es in Deutschland eine Überversorgung mit Krankenhäusern gibt. Mal ehrlich: Wie viele Kliniken braucht Berlin?

Ach, wissen Sie, diese internationalen Vergleiche halten häufig einer kritischen Prüfung nicht stand. Die Organisation der Gesundheitssysteme lässt sich nicht so einfach vom einen aufs andere Land übertragen. Die Kahlschlagtheorie der Bertelsmann-Studie orientiert sich am Beispiel aus Dänemark und der dortigen Entscheidung, Krankenhausversorgung nur noch in Großkrankenhäusern zu bieten. Vor ein paar Jahren waren es noch die Niederlande, an denen Deutschland sich messen sollte. Tatsächlich gibt es selbst innerhalb Europas noch nicht einmal eine einheitliche Definition dafür, was überhaupt ein Krankenhaus ist. Fakt ist aber: In Deutschland kommen Patienten nur ins Krankenhaus, wenn alle anderen Behandlungsmethoden keine hinreichende Lösung bieten. Wenn wir uns daran nicht halten, bekommen wir von den Kassen keine Vergütung.

Aber auch die Krankenkassen behaupten, dass in Deutschland zu viele Patienten stationär betreut werden, die auch ambulante Hilfe bekommen könnten. Könnte Berlin die Zahl der Klinikbetten reduzieren?

Das ist schon längst geschehen, und zwar in dramatischem Umfang. Wir haben uns seit der Wende gewissermaßen gesund geschrumpft, von 40.000 auf heute 22.000 Betten. Die Bettendichte in Berlin ist deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. In Berlin gibt es eher mehr Bedarf an Betten, Schließungen sind deshalb absurd.

Sie fordern dafür massive Unterstützung der öffentlichen Hand. Der Senat will die Investitionsmittel für die Kliniken im nächsten Haushalt auf 110 Millionen Euro erhöhen, dazu kommen Bürgschaften für Kredite von bis zu 90 Millionen Euro. Sie fordern 350 Millionen. Wofür brauchen sie so viel Geld?

Berliner Kliniken haben viele Jahre lang zu wenig Mittel bekommen, Berlin hat die gesetzlichen Verpflichtungen nicht bedient. Und die Folgen sind längst spürbar. Wir haben unsere Krankenhäuser befragt, welche Investitionen bei ihnen notwendig sind in den nächsten zehn Jahren. Diese Umfrage hat einen Nettobedarf von 3,5 Milliarden bis 2030 ergeben, pro Jahr also 350 Millionen Euro. Das ist keine politische Forderung, sondern es geht um ganz konkrete Projekte, die umgesetzt werden müssen, damit die Berliner Patienten eine angemessene Gesundheitsversorgung bekommen. Ohne ausreichende Mittel kommen wir immer mehr an unsere Grenzen.

Wie macht sich der Mangel bemerkbar?

Bei Stromausfällen wurde festgestellt, dass mancherorts die Notstromaggregate nicht auf dem neuesten Stand sind. Es gibt Krankenhäuser, wo der Platzmangel so drastisch ist, dass Patientenzimmer als Lager benutzt werden müssen. Es fehlt aber auch an modernen Medien – ein großer Teil der Dokumentation müsste längst digital funktionieren, gerade in den Operationssälen. Stattdessen herrscht dort vielerorts noch Zettelwirtschaft, was dringend benötigte Ressourcen bindet. Auch die Ansprüche der Patienten werden aber nicht überall befriedigt. Es gibt immer noch viele Mehrbettzimmer und Sanitärräume auf dem Flur statt im Zimmer. Unsere Bedarfsrechnung ist übrigens noch konservativ, denn das Bauen wird ja jährlich teurer und eine wirkliche Digitalisierungsstrategie ist nicht eingerechnet.

Sie gehen aber von den heutigen Strukturen aus. Muss die stationäre Versorgung nicht alleine aufgrund des Pflegekräftemangels anders organisiert werden?

Auch die Situation der Pflegekräfte ist wesentlich bedingt durch die massiven Ausfälle bei den Investitionsmitteln. Die Krankenhäuser sind seit Jahren gezwungen, aus den Geldern zu investieren, die sie erwirtschaftet haben. Das führt dazu, dass sie sparen müssen. Bei den Sachmitteln geht das nicht. Das führt dazu, dass sie die Personalkosten reduziert werden. Und die Arbeitslast ist obendrein höher als nötig, weil uns das Geld fehlt, in effizientere Technik und kurze Wege zu investieren, und die Bürokratielast enorm wächst.

Wie viele zusätzliche Pflegekräfte brauchen die Berliner Krankenhäuser denn?

Die Berliner Krankenhausgesellschaft hat dazu beim Deutschen Krankenhausinstitut eine Prognose in Auftrag gegeben. Demnach brauchen wir bis 2030 zusätzliche Fachkräfte im fünfstelligen Bereich Das ist ein immenser Bedarf. Wir haben einen Maßnahmenplan aufgestellt, um das Ziel zu erreichen. Das fängt an mit einer generellen Verbesserung des Images. Wir müssen aber auch gezielte Recruitingbemühungen an den Schulen starten. Und wir wollen die Ausbildung attraktiver gestalten, um die Abbrecherquote zu senken, die doch recht hoch ist.

Meinen Sie tatsächlich, dass das Image das größte Problem ist, nicht die Arbeitsbelastung? Laut einer DGB-Studie trauen sich 75 Prozent der Krankenpfleger nicht zu, dass sie bis zur Rente in ihrem Beruf arbeiten.

Ja, das ist besorgniserregend. Es ist unsere Aufgabe, dringend mehr Pflegende in den Beruf zu bekommen, damit sich die Arbeitslast auf mehr Schultern verteilt. Um das zu schaffen, müssen alle gemeinsam eben auch die positiven Aspekte dieses Berufs besser vermitteln. Und es gibt viele weitere Themen: die Vergütung, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, berufliche Weiterentwicklung. Derzeit bleiben Pflegekräfte durchschnittlich nur siebeneinhalb Jahre in ihrem Beruf, dann orientieren sie sich anderweitig. Wir müssen Lösungen finden, wie wir diese fertig ausgebildeten Fachkräfte zurückholen.

Seit Anfang des Jahres gelten für bestimmte Stationen Personaluntergrenzen in der Pflege. Halten die Berliner Krankenhäuser sie ein?

Wir haben gerade die Zahlen für das zweite Quartal ermittelt. Die Untergrenzen werden zu 92,4 Prozent erfüllt. Unter den schwierigen Bedingungen des Fachkräftemangels halten die Krankenhäuser die Untergrenzen also im Wesentlichen ein. Aber: der Bürokratieaufwand ist enorm und die Begrenzung von Patientenaufnahmen ist nicht im Interesse des Patientenwohls.

Das Gespräch führte Frederik Bombosch.