BerlinDie Zahl der Corona-Infektionen steigt weiter und es ist von der zweiten Welle die Rede. Mit der Zahl der Infektionen steigt auch die Zahl jener schwer erkrankten Covid-19-Patienten, die in den Krankenhäusern behandelt werden müssen. Ein Gespräch mit Peter Bobbert vom Marburger Bund, der Interessensvertretung der Klinikärzte, darüber, wie gut die Krankenhäuser vorbereitet sind – und über die Forderung vieler Mediziner, das Gesundheitssystem nicht weiter zu kommerzialisieren.

Berliner Zeitung: Herr Bobbert, Sie sind seit 2006 Arzt. Sind Sie es derzeit gern?

Peter Bobbert: Ja. Ich bin sehr gern Arzt – auch und gerade jetzt. Ich habe es niemals bereut, mich dafür entschieden zu haben, die ärztliche Profession anzustreben. 

Was sind die besonderen Herausforderungen für Ärzte in Zeiten einer globalen Pandemie?

Die Herausforderung besteht darin, dass wir es mit einer Erkrankung zu tun haben, von der wir noch wenig wissen, die aber häufig auftritt. Deshalb müssen wir sehr schnell sehr viel lernen.

Wie sehen Sie die Berliner Krankenhäuser vorbereitet auf eine zweite Welle?

Ich bin überzeugt davon, dass wir die Zeit seit März haben nutzen können, um besser vorbereitet zu sein als bei der ersten Welle. Wir konnten Vorkehrungen treffen, um nun eine höhere Anzahl von Erkrankten zu bewältigen. Die Experten sagen uns aus den Erfahrungen der Pandemien der Vergangenheit, dass bei einer zweiten Welle oft mit mehr Fallzahlen zu rechnen ist.

Foto: Lichtschwärmer
Peter Bobbert

ist 42 Jahre alt, verheiratet und Vater dreier Kinder. Seit 2011 ist er Facharzt für Innere Medizin und auch Kardiologe. Er arbeitet als Oberarzt am Evangelischen Krankenhaus Hubertus in Berlin und ist Lehrbeauftragter an der Charité. Zudem ist er Vorsitzender des Marburger Bundes in Berlin-Brandenburg und Mitglied im Bundesvorstand. Der Bund ist eine Art Ärztegewerkschaft, die 70 Prozent der Klinikärzte vertritt. Bobbert ist auch im Vorstand der Bundesärztekammer.

Teilen Sie die Meinung, dass nicht die Anzahl der Intensivbetten das Problem ist, sondern der massive Mangel an Fachpersonal für diese speziellen Stationen?

Definitiv. Das ist die große Aufgabe, vor der wir jetzt stehen. Wir haben eine hohe Anzahl an Betten und Beatmungsplätzen. Die strukturelle Voraussetzung, also die Bettenkapazität, ist da, aber es fehlt der menschliche Faktor, es fehlen die Ärzte und Pflegekräfte, um die Patienten dort zu betreuen.

Ist das Problem zu lösen?

Es wäre ein Illusion, zu glauben, das Problem sei auf kurzfristige Sicht zu lösen. Solche Fachkräfte müssen über Monate oder Jahre ausgebildet werden. Die Krankenhäuser haben aber reagiert und Personal aus anderen Abteilungen geschult.

Wie geht es in Berlin und Brandenburg im Idealfall weiter und wie im dramatischsten Fall?

Ach, diese Denkweise mag ich nicht. Es lohnt sich doch derzeit nicht, immer nur die Extremvarianten zu diskutieren. Die Realität heute ist doch: Die Zahl der Erkrankten steigt. Punkt. Das wird ganz klar die zentrale Herausforderung. Wir müssen Tag für Tag reagieren, müssen lernen, müssen unsere Kräfte bündeln.

Wie gehen die Mitarbeiter selbst mit den Gefahren um?

Uns allen sind die Risiken bewusst, die wir bei unserer Arbeit eingehen, dass wir selbst an Covid-19 erkranken. Wir wissen, dass wir damit auch ein Risiko für unsere Familien darstellen. Das ist für jeden von uns eine erhebliche Belastung. Dazu kommt das Bewusstsein, dass im Krankheitsfall die Kolleginnen und Kollegen den eigenen Ausfall kompensieren müssen. 

Sie sind Chef des Marburger Bunds in Berlin-Brandenburg. 2019 haben Sie eine Umfrage unter knapp 2000 Klinikärzten in Berlin und Brandenburg durchgeführt, über die Arbeitsbedingungen. Sie sprechen von einem alarmierenden Ergebnis. Was heißt das?

Wir konnten mit dieser Umfrage klarstellen, dass die Arbeitsbelastung der Ärzte bereits vor Covid-19 sehr, sehr hoch war. Die Ärzte arbeiten meist weitaus länger, als sie vertraglich müssen – 50 statt der durchschnittlichen 38,4 Stunden. Sie sind zu wenig am Patienten. Der bürokratische Teil der Arbeit, die Aktenführung, beansprucht knapp 40 Prozent der Arbeitszeit. Viele Ärzte haben auch keine Zeit mehr für Weiterbildungen.

Welche Folgen hat das für Fachkräfte, bei deren Arbeit es um Leben und Tod gehen kann?

Viele Mitarbeiter im Gesundheitswesen haben das Gefühl, tagtäglich an die Belastungsgrenze zu gehen – oder auch darüber hinaus. Knapp 70 Prozent fühlen täglich einen massiven Zeitdruck. Wohlgemerkt war das bereits vor Corona so, also im Normalbetrieb. 53 Prozent der Klinikärzte sagten, sie seien täglich frustriert, 35 Prozent sind ausgebrannt und würden sich schon bald einen Burn-out attestieren. Das muss alarmieren. Es ist doch so: Die, die dafür da sind, den Patienten zu helfen, sind selbst oft angeschlagen oder krank. Aber nur wer gesund ist, kann andere gesund machen.

Ihre Forderung ist: Ärzteschutz ist Patientenschutz, so sollten Ärzte zum Beispiel zwei Wochenenden pro Monat frei haben. Aber hatten durch die Pandemie nicht auch viele Ärzte zwangsfrei?

Das muss sehr differenziert betrachtet werden. Das Personal, das auf den Intensivstationen direkt mit Covid-19-Patienten beschäftigt war, berichtet uns von einer enorm hohen Arbeitsbelastung. Aber es mussten auch Krankenhausbetten in anderen Abteilungen freigemacht werden, und so gab es Pflegepersonal und Ärzte, die deutlich weniger belastet waren. Diese haben im März und April in den meisten Fällen ihre oft massiven Überstunden abgebaut. Dann lief wieder der Normalbetrieb. Und der war genauso belastend und überfordernd wie vor der Pandemie. Jetzt, bei der zweiten Welle, hören wir aus allen Bereichen von einer massiven Beanspruchung.

Ärzteschaft oder Pflegepersonal fühlt sich den Patienten verpflichtet, gleichzeitig sind sie Teil eines ökonomischen Systems. Gehen Ihre Kollegen oft mit einem schlechten Gefühl nach Hause, weil sie ihrem eigenen Anspruch nicht gerecht werden können und weil immer weniger das medizinisch Notwendige im Vordergrund steht, sondern das kommerziell Erwünschte?

Ein klares Ja. Das ist die Rückmeldung, die wir bekommen. In der ärztlichen Arbeitsbelastung gibt es immer auch die ökonomische Komponente, die Patienten in einer möglichst effektiven Art zu behandeln – einen ökonomischen Druck, den wir ablehnen und den wir als irritierend empfinden, weil er nicht unserem Anspruch und unser Vorstellung von ärztlicher Hilfe entspricht. Ganz klar: Ein Krankenhaus ist kein Ort zum Geldverdienen, sondern ein Ort, um Menschen zu heilen.

Was sind Ihre Lehren und Ihre Forderungen aus dem bisherigen Verlauf der Pandemie?

Die Lehre ist, dass eine Gesellschaft für ein gutes Gesundheitssystem schlicht Geld ausgeben muss. Denn nur ein gutes Gesundheitssystem funktioniert sowohl in Normalzeiten als auch in einer Pandemie. Eine solche können wir nur bewältigen, wenn wir vorbereitet sind, wenn wir bestimmte Strukturen vorrätig halten. Zum Beispiel Intensivbetten, die nicht jeden Tag akut gebraucht werden, die im Ernstfall aber schnell einsatzfähig sind. Solche Strukturen kosten, und sie vertragen sich nun mal nicht mit einer rein ökonomischen Sicht der Effizienzmaximierung.

Gilt dies auch für den sogenannten Öffentlichen Gesundheitsdienst? Also jene Gesundheitsämter, die derzeit für das Nachvollziehen der Infektionsketten zuständig sind und die oft kritisiert werden?

Unbedingt. Aber dieses Öffentliche Gesundheitssystem trägt nicht Schuld an den derzeitigen Problemen. Viele Bürger haben ihre Infektionen den Behörden mitgeteilt, aber keine Rückmeldung bekommen. Die Mitarbeiter dort tun ihr Allerbestes, aber die Politik hat sich schon vor Jahren entschieden, diesen Bereich stiefmütterlich zu behandeln und finanziell auf so schmale Füße zu stellen, dass nun in der Krise die Aufgaben nicht voll erfüllt werden können. Wie bedeutsam dieser Bereich ist, zeigt sich für viele erst jetzt. 

Es ist also wie bei den Kliniken?

Genau. Die Kosten für die Vorsorge mag in Normalzeiten vielleicht manchmal etwas hoch erscheinen, aber nur so können in Krisenzeiten die Aufgaben voll umfänglich erfüllt werden. Die aktuellen gesellschaftlichen Kosten, die Milliarden, die in einer Pandemie aufgebracht werden müssen, könnten deutlich niedriger sein, wenn vor dem Notfall sinnvoll investiert wird. Diese Debatte muss im Nachgang der Pandemie geführt werden.

Das Gespräch führte Jens Blankennagel.