Berlin - Um Berlin zu einem europäischen Spitzenstandort in der Medizin zu machen, sollen die Kliniken der Charité und der Vivantes GmbH eine Fusion vollziehen, ohne zu fusionieren. So in etwa lautet das Fazit der vor knapp einem Jahr vom Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) eingesetzten Zukunftskommission „Gesundheitsstadt Berlin 2030“. Berlins Potenzial in diesem Bereich sei außergewöhnlich groß, sagte der Vorsitzende der Kommission, Karl Lauterbach (SPD), am Montag bei der Präsentation der Ergebnisse im Roten Rathaus. Das elfköpfige Gremium plädiert in seinem Bericht für eine engere strukturelle Verknüpfung von Charité und Vivantes, um die stationäre Krankenversorgung weiterzuentwickeln.

„Dabei sollte sich die Charité auf Hochleistungsmedizin konzentrieren, etwa schwere Krebsleiden“, sagte Lauterbach. Die zehn Vivantes-Kliniken sollten die Routineversorgung übernehmen – etwa planbare Eingriffe wie Gallenblasen-Operationen. Um die Kliniken für die Zukunft zu rüsten, halten die Experten abgestimmte Strategien, gemeinsame Strukturen und koordinierte Standortplanung für erforderlich. Sie schlagen vor, eine Dachgesellschaft einzurichten und einen Senatsbeauftragten zu entsenden, der den Prozess begleitet und steuert. Sehr wichtig sei es, IT- und Dateninfrastruktur zusammenzuführen. Mit einer gemeinsamen elektronischen Patientenakte zum Beispiel ließen sich Patienten zukünftig optimal versorgen und Forschungsprojekte beschleunigen. „Vivantes ist bisher nicht ausreichend in Forschungsaktivitäten eingebunden“, sagte Lauterbach.

Auch bei der Ausbildung sollten sich Charité und Vivantes zusammentun. Das Gremium begrüßt daher die bereits existierenden Pläne für eine gemeinsame Akademie für Gesundheitsberufe. Mit einer gezielten Personalbedarfsplanung lasse sich so auch dem Mangel an Hebammen und Pflegekräften begegnen. „Keine andere Stadt in Deutschland hat so gute Voraussetzungen, diesen Mangel in den Griff zu bekommen“, sagte Lauterbach. Denn in der Berliner Bevölkerung sei der Anteil der gut qualifizierten 20- bis 25-Jährigen überdurchschnittlich hoch. Weiterer Pluspunkt Berlins sei die Tatsache, dass sich hier eine große Zahl der Krankenhausbetten in Landeshand befinden, nämlich 45 Prozent.

Zusammenarbeit von Vivantes und Charité sei laut Michael Müller ein „Mammutvorhaben"

Doch die Kommission nennt auch Probleme. An der Charité zum Beispiel seien 90 Prozent der technischen Geräte bereits abgeschrieben. „Für Spitzenmedizin braucht man aber neueste technische Ausstattung“, sagte Lauterbach. Fraglich sei auch, ob die drei Standorte der Charité optimal seien. „Dadurch erhöhen sich die Kooperationsanforderungen“, gab er zu bedenken.

Michael Müller machte bei der Pressekonferenz deutlich, dass er an den drei Charité-Standorten nicht rütteln werde: „Für eine Vier-Millionen-Stadt ist das vertretbar.“ Die Vorschläge, einen Senatsbeauftragen zu installieren und eine gemeinsame Holding einzurichten, bezeichnete er als sinnvoll und richtig. „Wir werden uns nun im Senat, im Parlament und in den Aufsichtsräten damit auseinandersetzen.“ Insgesamt bestärke ihn der Bericht, die strukturelle Zusammenarbeit voranzutreiben. Müller: „Das ist ein Mammutvorhaben, das eine breite Beteiligung, gute Koordination und einen langen Atem benötigen wird.“