Die beiden Ärzte Babett R. (l.) und Klaus V. (r.) sitzen neben ihren Anwälten. Sie bestreiten den Vorwurf des Totschlags.
Foto: Olaf Wagner / Berliner Zeitung 

BerlinTotschlag. So lautet der Vorwurf. Die Angeklagten werden an diesem Dienstag trotzdem nicht aus der Untersuchungshaft vorgeführt. Sie sind auf freiem Fuß, was bei so einem Anklagepunkt ungewöhnlich ist. Babett R. ist promovierte Gynäkologin und Oberärztin der Klinik für Geburtsmedizin an einem Berliner Krankenhaus.

Die 58-Jährige arbeitet noch immer dort. Der mitangeklagte Klaus V. war in der Klinik   Chefarzt. 2012 ging der Professor, einst auch Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, in den Ruhestand. Er ist heute 73 Jahre alt.

In dem Verfahren vor der Schwurgerichtskammer geht es um einen Fall, der neun Jahre zurückliegt. Es geht um einen getöteten Zwilling, um die Frage, bis zu welchem Zeitpunkt ein Spätabbruch der Schwangerschaft zulässig ist – und wann aus einem Fötus ein Mensch wird.

Schwere Hirnschädigung

In der Klinik, an der die beiden Angeklagten tätig sind oder waren, kommen jedes Jahr 3500 Kinder zur Welt. Ein Drittel davon durch eine Risikogeburt. Wie auch am Tattag, dem 12. Juli 2010. Am Morgen dieses Tages leiteten die beiden nun angeklagten Ärzte bei einer 27-jährigen Patientin die Geburt ihrer Zwillinge ein.

Die Frau war erst in der 32. Schwangerschaftswoche, die Wehen hatten eingesetzt. Sie hatte bereits bei der seit Mitte Juni dauernden Behandlung in der Klinik einem selektiven Fetozid, der Tötung eines Zwillings im Mutterleib, zugestimmt, da der Fötus eine schwere Hirnschädigung aufwies und das andere Kind dadurch in Gefahr war.

Laut Gesetz hätte der Spätabbruch vor der Geburt noch im Mutterleib stattfinden müssen. Doch die Mediziner holten das gesunde Mädchen per Kaiserschnitt auf die Welt, dann durchtrennten sie die Nabelschnur der kranken Zwillingsschwester und spritzten dem Kind 20 Milligramm Kaliumchlorid. Es kam zum Herzstillstand.

Kaliumchlorid gespritzt

Für die Staatsanwältin Silke van Sweringen haben damit die beiden Mediziner das Kind getötet, als es rechtlich nicht mehr zulässig gewesen sei. Weil es sich mit der Geburt, in diesem Fall mit dem Öffnen der Gebärmutter, bereits um einen Menschen gehandelt habe und nicht mehr um einen Fötus.

Die angeklagten Mediziner geben zu, dass sie dem kranken Fötus erst beim Kaiserschnitt das Kaliumchlorid injiziert haben. Eine Tötung vor der Geburt im Mutterleib, so wie es das Gesetz zulässt, sei zu riskant gewesen für das gesunde Kind, erklärt die Oberärztin. Die Zwillinge seien in einer Plazenta gewachsen. Zu groß sei die Gefahr gewesen, das gesunde Kind durch Kaliumchlorid ebenfalls zu schädigen oder gar zu töten.

Babett R. fügt hinzu: Solange sich das kranke Kind noch in der Gebärmutter befunden habe, sei es für sie ein Fötus gewesen. Die Ärzte hätten sich „auf der sicheren Seite“ gewähnt.

Eigentlich, so sagt es die Oberärztin, habe man die 34. Schwangerschaftswoche abwarten wollen. Kliniken seien kontaktiert worden, um andere Möglichkeiten zu finden, das gesunde Kind gefahrlos auf die Welt zu bringen. Ohne Erfolg.

Das Richtige getan

Der einstige Chefarzt Klaus V. erklärt, man habe damals nichts verschleiert, auch den Operationsbericht nicht geschönt. Im Team habe es damals keine Diskussion um die Vorgehensweise gegeben. „Weil wir der Meinung waren, das Richtige zutun.“ Der Kaiserschnitt sei der optimale Zeitpunkt für die Geburt des gesunden Kindes gewesen. „Im Vordergrund stand für uns Ärzte nicht das Juristische, sondern das gesunde Kind“, sagt der Mediziner.

Erst drei Jahre nach dem Tod des Zwillings wurde Anzeige erstattet. Anonym. Der Anzeigende nannte sich „Mitarbeiter“. Er gab an, die in der Klinik praktizierten Spätabtreibungen nicht mehr hinnehmen zu wollen. 2016 erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen die beiden Mediziner.

Die lange Dauer von wiederum drei Jahren seit der Anklageerhebung bis zum Beginn des Strafverfahrens wird damit begründet, dass Haftsachen in dem ohnehin unterbesetzten Landgericht Vorrang hätten.   Bis zum Prozessbeginn darf ein Angeklagter in der Regel nicht länger als sechs Monate in Untersuchungshaft sitzen.

Eltern sind Zeugen

Es ist ein Prozess, der ratlos macht und der nach einem Urteil vermutlich höchstrichterlich entschieden werden muss. Denn die Ärzte würden nicht auf der Anklagebank sitzen, wenn sie den Fetozid des kranken Fötus noch vor der Geburt im Mutterleib vorgenommen hätten – und dabei auch das gesunde Zwillingskind gestorben wäre. „Das muss man so sehen“, sagt selbst die Staatsanwältin Silke van Sweringen.

Am nächsten Prozesstag sollen die Eltern des getöteten Zwillings als Zeugen vor Gericht aussagen.