Kreative in Lichtenberg: Kunst, auferstanden aus Ruinen

Berlin - Ist das Kunst oder nur ihre Kulisse? Axel Haubrok steht in seinem Ausstellungsraum und preist dessen rauen Charme der Vergangenheit: notdürftig verputzte Wände, deren Risse eigene Strukturen bilden; rostige Heizkörper, die nie Lack gesehen haben; nackter Estrich, auf dem man Bilder erkennt – wenn man den Blick dafür hat. Der Sammler liebt Konzeptkunst, Abstraktes. Dass diese Kunst sich vom Hintergrund nicht unbedingt abheben muss, gehört dazu. So wie das matt-silberfarbene Bild, das mit der hellgrauen Wand zu verschmelzen scheint.

Kein schicker Ausstellungsort

Für seine Ausstellungen hat Haubrok ein knapp zwei Hektar großes Areal in der Lichtenberger Herzbergstraße 40-43 gefunden, auf dem einst die Fahrbereitschaft der SED saß. Der 61-Jährige, der sein Geld mit einer Agentur verdiente, besitzt heute eine beachtete Kunstsammlung mit 800 Werken. An der Herzbergstraße wird der neue Standort der Haubrok-Sammlung ein Zugpferd sein. „Fahrbereitschaft“ will Haubrok den Ort nennen. „Das soll kein schicker Ausstellungsort werden. Wir wollen Altes erhalten.“

Dabei galt das Areal fernab der Innenstadt als wenig anziehend für Kreative. Die Straße führt durch ein Gewerbe- und Industriegebiet und wirkt heruntergekommen: brachliegende Industrieflächen, Schrotthändler, verbarrikadierte Mietshäuser und kleine Kfz-Betriebe.

Dabei entsteht tatsächlich viel Neues. Längst sorgt nicht mehr nur der beliebte vietnamesische Großmarkt Dong Xuan Center, für Publikum. In alten Fabrik- und Gewerbegebäuden haben sich Künstler, Musiker und kreative Handwerker angesiedelt. Da ist etwa das HB55, ein altes Backstein-Gebäude, früher Margarinewerke, heute „Kunstfabrik“. 2007 kauften ein Franzose und ein Amerikaner das Haus und vermieten die Räume seither an Künstler. 70 Prozent der 200 Ateliers seien belegt, sagt die Hausverwaltung. „Das Interesse ist riesig“, heißt es.

Gegenüber, im leeren Bürohochhaus mit der Nummer 100, haben Musiker Probenräume und Studios, im Erdgeschoss wurde eine Kantine wiedereröffnet. In 123 befindet sich die Alte Gießerei. Dort sind Studenten der UdK, Tischler, Weber, Designer und Siebdrucker eingezogen.

Viele Künstler sind jedoch noch nicht legalisiert, weil in einem Gewerbegebiet andere Nutzungen nicht erlaubt sind. Die Ämter fürchten Ärger um Lärm zwischen den ungleichen Nachbarn. Dennoch arbeitet das Bezirksamt an einer Aufwertung der Gegend. „Die rechtlichen Bedingungen sind schwierig“, sagt Stadtentwicklungsstadtrat Wilfried Nünthel (CDU). „Aber wir wollen das Ganze auch nicht verhindern.“ Unkompliziert seien Künstler, die ihre Werke hier nur herstellen, sagt er. „Wenn wir aber jede Woche eine Vernissage hätten, wäre das ein Problem“, so Nünthel. Denn öffentliche Veranstaltungen seien eigentlich verboten. Man müsse hier im Einzelfall entscheiden.

„Die Schutzbedürfnisse beider Seiten müssen verhandelt werden“, sagt auch Arno Brandlhuber. Der Architekt und Stadtplaner beobachtet die Entwicklung der Gegend schon längere Zeit. Der Franke, ein Fan der Herzbergstraße, wie er sagt, hat mit zwei Kollegen gerade die Türme des VEB Elektrokohle gekauft. „Ganz ohne ökonomische Interessen“, sagt er. „Wir wissen noch nicht, was wir damit machen.“ Das Gelände sei einfach inspirierend.

Laut und geruchsintensiv

Brandlhuber plädiert dafür, Mischung zuzulassen, das Nagelstudio neben der Schrottpresse neben der Karaoke-Bar. „Man sollte das nicht als reines Industriegebiet betrachten“, sagt er. „Die Fähigkeit, Unterschiedliches zu versammeln, macht Berlin aus.“ Dennoch müssten Industrie und Gewerbe geschützt werden. Am besten seien die Künstler selbst laut und geruchsintensiv.

Dass es in der Herzbergstraße durch den Zuzug von Kreativen zu Gentrifizierungsprozessen wie anderswo kommt, glaubt Brandlhuber nicht. Das verhinderten schon die Plattenbausiedlungen der Umgebung. „Modeläden wird es hier nie geben“, sagt er.

Während des Gallery Weekends ist in der „Fahrbereitschaft“, Herzbergstr. 40-43, die Ausstellung „abstrakt“ zu sehen. Fr-So 12-18 Uhr. Eintritt frei.