Berlin - Seit drei Jahren wird geplant, gezeichnet und gerechnet. Zwei Millionen Euro stehen bereit, ebenso eine Architektin. In der Kita an der Methfesselstraße 14 in Kreuzberg, unmittelbar am Viktoriapark, freut man sich auf Zuwachs. Wo derzeit 92 Kinder betreut werden, sollen es bald 185 Kinder sein. Ein Erweiterungsbau für 93 Plätze ist geplant. Doch ob dieser Anbau jemals realisiert wird, ist mehr als ungewiss: Vom Bauamt Friedrichshain-Kreuzberg kam vor wenigen Tagen die Mitteilung, der Neubau werde „aus planungsrechtlichen Gründen“ abgelehnt.

Die genannten Gründe stehen im Kitagarten, es sind acht alte Eichen, wie der scheidende Baustadtrat Hans Panhoff erklärt: Die 80 Jahre alten Bäume seien von einer Gutachterin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung als schützenswert eingestuft worden und dürften nicht gefällt werden. Dass acht Bäume 93 Kita-Plätze verhindern, versteht im Kiez kaum jemand. „Das ist doch ein Unding“, sagt Anwohner Oliver Hartmann, dessen Kind in der Kita betreut wird.

300 Plätze fehlen bis 2020 im Kiez

Als Nachbar erlebe er nahezu täglich, wie sehr gerade im dortigen Kiez Betreuungsplätze für Kinder benötigt werden. Ganz in der Nähe, so Hartmann, auf dem Gelände der ehemaligen Schultheiss-Brauerei, würden derzeit die letzten fertiggestellten Häuser bezogen. Vor allem junge Familien fühlten sich dort wohl. In der Tempelhofer Vorstadt, wie die Region um die Methfesselstraße offiziell heißt, müssen nach Auskunft aus dem bezirklichen Jugendamt bis zum Jahr 2020 gut 300 neue Kitaplätze her. Derzeit gibt es dort rund 3 300 Plätze, angesichts der zu erwartenden Bevölkerungsentwicklung werde für 2020 ein Bedarf von 3 700 Plätzen prognostiziert. Der Anbau an der Methfesselstraße käme da gerade recht, findet auch Anwohner Oliver Hartmann. Er fragt: „Wie kann ein Bezirksamt so bizarre Abwägungen vornehmen, die das Wohl der Kinder so gering schätzen?“

Krisenstimmung im Bezirksamt

Auch im landeseigenen Kita-Eigenbetrieb City, zu dem die Kreuzberger Einrichtung gehört, ist man geschockt. „Wir sind alle zutiefst frustriert, zumal alles für den Anbau vorbereitet war, wir aber erst so spät Bescheid vom Bauamt bekamen“, sagt Geschäftsführerin Susanne Kabitz. Seit fast drei Jahren plane man den Anbau. Zwei Millionen Euro aus dem „Sondervermögen Infrastruktur wachsende Stadt“, kurz Siwa genannt, waren dafür bewilligt. Wenn bis zum Jahresende nicht mit Bauarbeiten begonnen wird, werde das Geld woanders eingesetzt, so Kita-Chefin Kabitz.

Im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg herrscht offensichtlich Krisenstimmung. Man habe schon mehrfach über das Bauvorhaben und die damit verbundenen Probleme diskutiert, sagt die grüne Bürgermeisterin Monika Herrmann. „Wir haben dabei sehr deutlich gemacht, dass der Anbau für uns höchste Priorität hat.“ Genützt hat es nichts, der Baustadtrat Hans Panhoff (ebenfalls Grüne) habe deutlich gemacht, dass er die Baugenehmigung nicht unterschreiben werde. Im bezirklichen Rechtsamt habe er dabei juristische Unterstützung gefunden, auch dort sei man der Meinung, die Eichen dürften nicht gefällt werden. Herrmann: „Ich bin stinksauer, weil wir die Kita-Plätze wirklich brauchen.“ Die Absage sei schwer nachvollziehbar, zumal der Viktoriapark ein „Naturerlebnisraum“ sei und für den Anbau schließlich keine Betonwüste geschaffen werde.

Das Bauamt hat der Kita jetzt einen Alternativ-Vorschlag unterbreitet. Man möge doch den Neubau an einer anderen Stelle des weitläufigen Gartens setzen, teilt Susanne Kabitz vom Kita-Eigenbetrieb City mit. Dort befindet sich aber ein früherer Weltkriegsbunker – mit einem Einflugkasten für Fledermäuse. Der Kasten war vor Jahren aufgesetzt worden, als die Arbeiten auf dem Gelände der ehemaligen Brauerei begannen. Die Fledermäuse von dort sollten im unterirdischen Bunker ein Notquartier erhalten. „Ob da je eine Fledermaus war, wissen wir aber nicht“, sagt Susanne Kabitz.

Sollte es dort wirklich Fledermäuse geben, stünden die nächsten Naturschützer vor der Tür. Aber auch ohne die Flattertiere wäre ein Neubau dort unmöglich: Er sei schlicht zu aufwendig und damit viel zu teuer, sagt Susanne Kabitz. Denn statt der derzeitigen Planung, die eine Verbindung von Alt- und Neubau vorsieht, müssten zwei einzelne Gebäude geplant werden. Dafür reichen die zwei Siwa-Millionen aber nicht.

Neue Prüfung angekündigt

Bürgermeisterin Herrmann, die auch das Jugendamt verantwortet, will noch nicht aufgeben. Sie kündigte an, dass sie von ihrem Rechtsamt nochmals überprüfen lassen werde, ob es irgendeinen Ermessensspielraum gibt, damit der Anbau doch noch möglich wird.

Am 15. Dezember soll das neue Bezirksamt gewählt werden. Baustadtrat Panhoff wird ihm nicht mehr angehören.