Werner Türk ist normalerweise ein eher ruhiger Mensch. Doch seit einigen Wochen ist es mit seiner Ruhe vorbei. Der Mittsechziger wohnt an der Fidicinstraße in Kreuzberg, nur 15 Meter entfernt von der ehemaligen Bockbrauerei, auf deren Gelände 30 Firmen und Kulturprojekte angesiedelt sind. Das knapp 13 000 Quadratmeter große Areal wurde Anfang des Jahres verkauft, seither sind Türk und viele seiner Nachbarn im Protest-Modus. Denn der neue Eigentümer, die Bauwert Investment Group, plant auf dem Brauereigelände Wohnungsbau. Dafür sollen die Flachbauten auf dem Hof abgerissen werden. Die meisten Firmen müssen raus. Türk und viele im Kiez sind gegen diese Pläne.

„Unser Kiez an der Bergmannstraße ist schon voller Luxuswohnungen und -läden, immer mehr Mietwohnungen werden in Eigentum umgewandelt und Altmieter verdrängt“, sagt er. Als Beispiele für Luxusbauten nennt Türk die 15 Gebäuderiegel an der Schwiebusser Straße und am Columbiadamm. Die Mehrgeschosser stehen dort, wo früher Kleingärten und Kleingewerbe waren. Die Verdichtung sei ausgereizt, sagen die Anwohner.

Bauherr will 140 Wohnungen

Auch die Stadtteilinitiative „Wem gehört Kreuzberg“, die seit fünf Jahren soziale Verwerfungen im Ortsteil anprangert, protestiert gegen die Baupläne. „Wir sehen mit Sorge, dass wieder ein Stück Kreuzberg verschwinden soll“, sagt Christiane Brückner von der Initiative. Etliche Projekte auf dem Brauereigelände – zwei Trommelschulen oder das Theater Thikwa, in dem auch Behinderte spielen – bildeten ein Stück Kiezkultur. Die gelte es zu erhalten, ebenso die anderen Arbeitsplätze.

Auf dem Brauereihof gibt es unter anderem Weinhändler, ein Beratungszentrum der Caritas, eine Klavierwerkstatt und das preisgekrönte Archiv der Jugendkulturen. Dort werden seit 1998 Daten zu den unterschiedlichsten Lebenswelten aus den Bereichen Kunst, Musik und Alltag gesammelt.

Beim Investor kann man die Befürchtungen nicht nachvollziehen. „Wir wollen dort Wohnungen bauen, die in Berlin dringend benötigt werden“, sagt Bauwert-Chef Jürgen Leibfried. Geplant seien hauptsächlich Eigentumswohnungen, aber auch „preisgedämpfte“ Mietwohnungen. Leibfried spricht von insgesamt gut 140 Wohnungen. Luxus sei nicht geplant, vielmehr ein „normales Quartier“. So wie man es auf dem Freudenberg-Areal in Friedrichshain gerade baue. Dort werden insgesamt 650 Wohnungen errichtet. 120 davon übernimmt die landeseigene Howoge, 90 sollen für 6,50 Euro pro Quadratmeter vermietet werden. So ähnlich könnte es auch in Kreuzberg laufen.

Leibfried kündigte zügige Gespräche mit allen Gewerbetreibenden auf dem Brauereigelände an. Kündigungen schließt er aus, aber Pachtverträge werden nicht verlängert. Mietern wie dem Thikwa-Theater und den im Kiez so beliebten zwei Trommelschulen will er neue Angebote machen.

Bezirk ändert Baurecht

Bei den Gewerbetreibenden stoßen die Pläne auf ganz verschiedene Reaktionen. Öffentlich äußern will sich kaum jemand. Einige wie eine Werbeagentur haben schon neue Räume in Steglitz gefunden.

Tobias Umbach, der seit elf Jahren auf dem Brauereihof eine Klavierwerkstatt betreibt, sagt, für ihn werde es schwer, etwas neues Passendes zu finden. Bernhard Heinz und Jürgen Hess, die seit den 1980er-Jahren ihr Weinlager auf dem Hof haben, von dem aus sie ihr Geschäft an der Bergmannstraße bestücken, bedauern das Ende vieler Existenzen. „Auch daran, dass die einstigen Nischen verschwinden, sieht man, dass Berlin zu einer Metropole wird, in der nur das Geld zählt“, sagen sie.

Wann die Flachbauten abgerissen werden, ist ungewiss. Denn auch der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, der über die Planungen befindet, will dort keine Wohnungen haben. Deshalb soll jetzt das Baurecht geändert werden. Bislang darf es auf dem Areal, das als Mischgebiet gilt, Wohnungsbau geben. Aber, so sagt Julian Schwarze von den Grünen: „Wir wollen das Gelände ausschließlich als Gewerbestandort sichern und dafür das Baurecht ändern.“ Das Bezirksparlament hat dies am Mittwochabend so beschlossen. Dem Investor wurde mitgeteilt, dass alle seine Bauanträge zurückgestellt werden.

Ob sich das die Bauwert-Gruppe gefallen lässt, bleibt abzuwarten. „Wenn der Bebauungsplan rechtskräftig wird, werden wir damit umgehen“, sagt Bauwert-Chef Leibfried. Umgehen heißt nicht akzeptieren. Nicht auszuschließen ist, dass Leibfried beim Senat um Unterstützung bitten wird. Auch beim Freudenberg-Areal in Friedrichshain hat er es schon so gemacht. Das Ergebnis: Die Baugenehmigung wurde ihm vom Senat gegen den Willen des Bezirks erteilt.