Thorsten Willenbrock in seinem Buchladen Kisch & Co in der Oranienstraße 25.
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Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

BerlinDas darf getrost als Unverfrorenheit bezeichnet werden. Den Ladeninhabern des Buchladens Kisch & Co in Kreuzberg wurde vom Vermieter bei Verhandlungen über eine Mietvertragsverlängerung eine Klausel vorgelegt, in der sie sich verpflichten sollten, in der Öffentlichkeit positiv über dessen angebliches Entgegenkommen zu berichten: Und zwar in einem Video auf YouTube und per Mitteilung gegenüber Politikerinnen und Journalisten. Ein solches Verlangen wäre schon ungewöhnlich, selbst wenn es Grund zum Lobhudeln gäbe. 

Tatsächlich gibt es den im vorliegenden Fall aber nicht. Denn der Vermieter bot dem Buchladen nur eine Vertragsverlängerung um sieben Monate bei leicht verminderter Miete an. Also nicht mehr als eine Gnadenfrist. Nachvollziehbar, dass sich die Ladeninhaber darauf nicht eingelassen haben und auch einen abgeänderten Vertrag, der die Lobhudel-Klausel nicht enthielt, ablehnten.

Unterdessen wird klar, was die Eigentümer des Hauses in der Oranienstraße vorhaben. So wurde einem dort sitzenden Architekturbüro eine Mietsteigerung von bisher 13 auf 38 Euro je Quadratmeter angeboten. Kein Wunder, dass nun auch die übrigen Mieter befürchten, dass sie verdrängt werden.

Das Problem: Wegen der Niedrigzinsphase versuchen viele Anleger, ihr Geld in Immobilien zu investieren. Die Kaufpreise sind jedoch so hoch, dass sich der Erwerb mit den aktuellen Mieten selten refinanzieren lässt. So wächst gerade bei spekulativ tätigen Käufern der Druck, die Mieten hochzutreiben. Ohne weitere gesetzliche Regulierung, etwa einen Gewerbe-Mietendeckel, wird dem kaum Einhalt geboten werden. Für Vermieter, die schon jetzt was Positives über sich hören wollen, gibt es freilich einen Ausweg: Sie müssen nur so handeln, dass ihr Geschäft ohne Verdrängung funktioniert.