In diesem Jahr feiert ein Song 40. Jubiläum, der Berlins Ruf als Party-Metropole nachhaltig gefestigt hat: 1978 landeten die Gebrüder Blattschuss mit „Kreuzberger Nächte“ überraschend einen Hit und erlangten deutschlandweit Berühmtheit. Geschrieben hat ihn der Osnabrücker Musiker Beppo Pohlmann (67).

Der türkischstämmige  Rapper Sultan Tunc (42) hat ihm nun zu neuer Beliebtheit verholfen: Seine Version von „Kreuzberger Nächte“ mit orientalischen Beats ist ein Hit auf Youtube. Gedreht wurde das Video in der Jazzneipe  Yorckschlösschen, wo auch dieses Treffen stattfindet  – natürlich bei einem Dunkelbier mit dem Namen „Kreuzberger Nacht“. Ein Gespräch über Legendenbildung, den Wandel im Kiez und die Unterschiede zwischen Berlin und Istanbul.

Herr Pohlmann, „Kreuzberger Nächte“ werden heute eher in Bars und Clubs durchgefeiert. Erkennen Sie „Ihr“ Kreuzberg von damals überhaupt noch wieder?

Pohlmann: Mein Kreuzberg  war 36. Da habe ich in der Liegnitzer Straße gewohnt – mit einer Eierlikör-Manufaktur im Hinterhof! Damals gab es überall diese Hinterhofläden. Inzwischen habe ich eine Eigentumswohnung in Friedenau, ganz bürgerlich. Das Spannendste dort ist, dass da auch mal Graffiti gesprüht werden.

Tunc: Ich wohne seit 20 Jahren am Kotti. Da war es früher ruhiger, heute kommen die Leute aus der ganzen Welt, um hier Party zu machen.

Sind Sie deshalb aus Kreuzberg weggezogen, Herr Pohlmann?

Pohlmann: Ich bin damals zunächst nach Charlottenburg in eine Keller-WG mit Jürgen von der Lippe und anderen Mitgliedern der Gebrüder Blattschuss gezogen, weil wir immer dort in den Kneipen aufgetreten sind. Kreuzberg mochte ich immer – ich komme gerne her, weil man hier noch die Vibes von früher spürt, in Musikkneipen wie dieser. Den Leierkasten und die Kleine Weltlaterne gibt es ja leider nicht mehr. Damals waren die Läden noch nicht so in Szenen aufgeteilt, da trafen verschiedenste Typen aufeinander.

Tunc:  Früher galt es noch als cool, anders zu sein. Heute hören eigentlich alle dieselbe Musik und tragen dieselbe Mode.

Ist das Berliner Nachtleben langweiliger geworden?

Pohlmann: In meinem Alter geht man ja nicht mehr viel aus, nur in der Scheinbar bin ich regelmäßig. Wir haben damals  die klassische Eckkneipe besungen, die steht heute unter Naturschutz. Die „Kreuzberger Nächte“ sind im Alt-Berlin entstanden – da ist heute ein Latte-Macchiato-Laden namens Uschi Nation drin. Immerhin wird die ehemalige Wirtin  Ursula Montinaro noch im Namen gewürdigt.

Tunc: Ich war Ende der Neunziger viel in Mitte, da gab es lauter innovative Läden. Alle weg. Auch in Kreuzberg gibt es nur noch eine Döner-Kette, der die ganze Straße gehört. Früher gab es mehr Freiraum. Ich bekomme hier nicht mal eine Wohnung, in der ich Musik machen darf.

Pohlmann: Die Leute beschweren sich viel schneller, wenn es mal etwas lauter wird. Aber den Freiraum gibt es immer noch und das zieht die Leute her: Weil es hier so viele verrückte, völlig verschiedene Sachen gibt. Diese Gegensätze, die manchmal auch schwer auszuhalten sind, machen Berlin aus.

Aber die sozialen Gegensätze werden auch  immer größer: Viele können sich eine Wohnung in Kreuzberg gar nicht mehr leisten. Erst kürzlich wurden aus Protest gegen die hohen Mieten symbolisch ein leer stehendes Haus in der Reichenberger Straße besetzt.

Tunc: Coole Aktion! Das einzig Gute ist, dass die Menschen durch die Probleme mit den Mieten näher zusammengerückt sind. Auch Deutsche und Türken, wie man an den Kreuzberger Initiativen Bizim Kiez oder Kotti & Co am Südblock sieht.

Pohlmann: In der Liegnitzer Straße, wo ich gewohnt habe, gab es damals gar keine Türken. Deshalb kommt in „Kreuzberger Nächte“ auch kein Döner vor. In unserer Tour-Band gab es dagegen alles, einen Araber, einen Südamerikaner, einen DDR-Flüchtling…

Tunc: Die Türken haben damals nicht am kulturellen Leben teilgenommen, aber das ändert sich jetzt. Auch beim Myfest oder bei Fußballspielen kann man sehen: Es stimmt nicht, dass Multikulti gescheitert ist. Wir feiern gerne zusammen!

Die orientalische Version von „Kreuzberger Nächte“ klingt wie ein Appell an genau dieses Kreuzberg der Diversität und Nachbarschaft.

Pohlmann: Ja, und das war eine schöne Überraschung! Es gab ja schon eine Punkversion, eine Disco-Version, ein Sample von Tim Bendzko... aber noch nie ein türkisches Cover. Ich bekomme so alle zwei Jahre eine Anfrage und   habe bisher alle zugesagt – bis auf eine von Neonazis und eine für einen Softporno. Artur Brauners „Kreuzberger Liebesnächte“ mit Sascha Hehn.

Wegen der Sexszenen?

Pohlmann: Nein, weil der Film mit Kreuzberg überhaupt nichts zu tun hatte, sondern in irgendeinem Neubaugebiet gedreht war. Und weil die nur 25.000 Mark geboten haben – das war damals wenig Geld.

Wie viel musste Herr Tunc bezahlen?

Pohlmann: Gar nichts! Seine Moll-Version hat mir sofort gefallen, weil sie mich sehr an meine eigene Originalfassung erinnert. Die war auch viel melancholischer, ein Gitarrensong über Leute in Kneipen. Erst der Produzent im Studio hat dem Lied ja mit der Drehorgel so einen Jahrmarkt-Sound verpasst und einen Stimmungshit draus gemacht.

Tunc: Das Ganze war riskant, denn ich habe das Lied mit einem Streichorchester in Istanbul eingespielt, ohne ihn vorher zu fragen. Beppo wurde also vor vollendete Tatsachen gestellt.

Pohlmann: Aber ich fühlte mich geehrt. Ich bin stolz darauf, dass das Lied so vielen etwas bedeutet. In der DDR zum Beispiel war es für viele eine Hymne der Systemkritik, weil der Text so zweideutig ist. Das haben wir erfahren, als wir nach der Wende in Ostberlin aufgetreten sind. Jeder verbindet damit etwas anderes…

Tunc: …weil jeder seine eigene Geschichte mit Kreuzberg hat. Ich hatte als Grundidee für meine Version diese Szene im Kopf: ein dickes Auto mit lauter, wehleidiger Arabesk-Musik cruist durch den Kiez, an einer Kneipe vorbei, aus der  Gitarrenrock auf die Straße schallt. Genau diesen Sound-Mix wollte ich. Außerdem hatte ich schon lange einen deutschen Song geplant, und der sollte unbedingt  eine Liebeserklärung an meine zweite Heimat Kreuzberg sein.

Haben Sie vorher nur türkische Texte geschrieben?

Tunc: Die lezten Jahre schon, denn obwohl ich in Marburg aufgewachsen bin und dort mit dem Rappen  angefangen habe, habe ich mein Debütalbum in der Türkei veröffentlicht. Die deutschen Plattenfirmen wollten, dass ich den bösen Ghetto-Gangsterrapper gebe. Darauf hatte ich keine Lust – und die Neunziger in Istanbul waren genauso spannend wie in Berlin. Am Taksim-Platz lebten lauter Kreative. Ich habe meinen Zweitwohnsitz noch immer dort.

Sie treten offen kritisch gegenüber der türkischen Regierung  auf,  haben zum Beispiel an einem Konzert für die Pressefreiheit teilgenommen. Hatte das Konsequenzen?

Tunc: Nach dem Putsch bin ich lange nicht eingereist, weil so viele Künstler unter Druck gesetzt wurden. Auch ich wurde überwacht und durfte nicht im Fernsehen oder Radio auftreten. Ich bin erst vor kurzem wieder nach Istanbul zurückgekehrt und habe mir als Künstler ein zweites Alter Ego zugelegt, Rasta Baba. Unter diesem Namen habe ich auch die „Kreuzberger Nächte“ gemacht.

Im Juni sind Parlamentswahlen in der Türkei…

Tunc: …und ich glaube, dass sich diesmal etwas ändern wird. Der Wirtschaft geht es schlecht, das hat bisher immer zu einem Wechsel geführt. Außerdem spüre ich eine große Aufbruchsstimmung, auch jenseits der Großstädte. Sie geht von der Jugend aus und ist nicht politisch, sondern vom Wunsch nach Freiheit und Abgrenzung von den eigenen Eltern motiviert. Die Jugendlichen wollen genauso frei reisen können und Kultur konsumieren, wie die aus der EU, denen sie auf Instagram folgen. HipHop zum Beispiel war in der Türkei nie angesagt, aber jetzt schon. Und Erdogan kann nicht jeden kleinen Auftritt verbieten.

Die neue Version von „Kreuzberger Nächte“ soll in diesem Sommer auch in der Türkei erscheinen. Gehen Sie  dann auch zusammen auf Tour?

Pohlmann: Wer weiß? Die Gebrüder Blattschuss bestehen ja nur noch aus Kalle Ricken und mir, und wir werden in Berlin nur noch wenig gebucht. Dafür trete ich mit meinem Comedy-Soloprogramm jetzt öfter in Reha-Kliniken auf, da muss ich mir keine Gedanken machen, wie viele Karten verkauft werden.

Tunc: Ich will bald in meinem Stammladen Trinkteufel auftreten, wenn die neuen Songs mit der Rasta Baba Band fertig sind – die Texte werden diesmal alle deutsch sein und die Musik ein Mix aus Punkrock und HipHop. Dieses Album wird politischer, es ist auch ein Lied über den NSU dabei, aber wir wollen auch eine Punkrock-Version von „Kreuzberger Nächte“ aufnehmen. Und zu jedem Song entsteht eine kleine Comicgeschichte – die erste ist schon fertig gezeichnet.

Wird es auch einen Comic zu den „Kreuzberger Nächten“ geben?

Tunc: Klar, und ein Video! Es soll im Trinkteufel spielen, das Thema Gentrifizierung behandeln und eine Art Berliner Version von Tarantinos „From Dusk Till Dawn“ sein. Beppo soll auch darin vorkommen. Und ich würde gerne Ende des Jahres mit ihm gemeinsam in Istanbul spielen – in einer traditionellen Raki-Kneipe.

Pohlmann: Mit Schnaps statt Bier? Dann muss ich  aber aufpassen, dass ich nicht zu viel trinke. Obwohl – das Lied schaffe ich in jeder Lebenslage.

Das  Gespräch führte Maike Schultz.