In einem Kreuzberger Büro soll eine Online-Plattform für Hartz-IV-Empfänger entstehen, denen vom Jobcenter als Sanktionen Leistungen gekürzt wurden. Im Internet sammeln die Gründer der Initiative Sanktionsfrei, darunter Inge Hannemann, derzeit Geld dafür.

Frau Hannemann, Sie waren selbst Arbeitsvermittlerin. Haben Sie mal Sanktionen verhängt?

Der Druck von oben zu sanktionieren, war immer da in meinen acht Jahren als Vermittlerin. Bis auf drei Ausnahmen habe ich es vermieden. Aber teilweise wurden meine Klienten durch Kollegen sanktioniert, wenn ich im Urlaub war.

Was für Fälle waren das, bei denen Sie selbst sanktioniert haben?

Bei einem dieser drei Fälle ging es um die Tochter einer alleinerziehenden Mutter mit fünf Kindern. Die Tochter hatte sehr lange nicht auf meine Anfragen reagiert, in meiner Abwesenheit wurden ihr sämtliche Leistungen gestrichen. Das trifft die ganze Familie und führte bei der Mutter zu Existenzängsten. Später stellte sich heraus, dass die Tochter schwer psychisch krank war und in verschiedenen Kliniken. Ich konnte die Sanktionen rückgängig machen.

Was sind Sanktionen genau und wann werden sie verhängt?

Der Hartz-IV-Regelsatz liegt bei 404 Euro, das gilt als Existenzminimum. Bei Sanktionen kann diese Summe um 10 bis 100 Prozent gekürzt werden. Es besteht also die Möglichkeit, Erwerbslosen den Regelsatz komplett zu streichen – das betrifft auch die Miete. Bei unter 25-Jährigen sollte der gestrichene Mietanteil auf die Familie verteilt werden. Das passiert leider nicht immer. Der häufigste Grund für Sanktionen sind nicht eingehaltene Termine.

Die Ängste der Klienten

Was sind die Gründe, warum Klienten nicht zu Terminen erscheinen?

Oft hat es mit Ängsten zu tun. Manche haben schon Beklemmungen, wenn sie das Jobcenter betreten. Einige leiden unter sozialen Phobien und können im wahrsten Sinne des Wortes die Wohnung nicht mehr verlassen. Andere sind körperlich eingeschränkt oder haben nach dem 20. des Monats nicht mehr das Geld für die Fahrtkosten, das sie vorstrecken müssen. Manche sind auch völlig demoralisiert und sehen keinen Sinn darin zu erscheinen.

Was passiert mit den Betroffenen, wenn der Mindestbetrag von knapp 400 Euro beschnitten wird – und womöglich noch die Miete?

Sie stürzen ab, schämen sich. Jüngere Leute kommen oft bei Freunden unter und beginnen nicht selten, auf der Straße zu betteln oder zum Beispiel Psychopharmaka zu verkaufen. Ältere Menschen bemühen sich häufig um ein Darlehen. Wird das Geld für die Miete gestrichen, droht tatsächlich Obdachlosigkeit.

Müssen Betroffene auch hungern?

Sie können im Notfall Lebensmittelgutscheine beantragen. Die werden nicht von allen Supermärkten angenommen. Ich wollte das mal ausprobieren und war mit einer Klientin bei Aldi. Es war sehr demütigend: Erst rief die Kassiererin quer durch den Laden, dass hier jemand mit Gutschein vom Jobcenter sei. Den Alkohol nahm sie uns wieder vom Band, denn der ist tabu. Obwohl es mich nicht wirklich betraf, wurde ich rot, die Umstehenden reagierten verlegen. Das war heftig.

„Sanktionen funktionieren nicht"

Was halten Sie von der Idee, Menschen mit Sanktionen auf den richtigen Weg zu bringen?

Fakt ist: Es funktioniert nicht. Dahinter steht ein sehr verachtendes Menschenbild. Das System arbeitet mit Angst und Druck, sowohl bei den Leistungsempfängern als auch bei den Mitarbeitern. Der Fokus liegt auf den Zahlen, nicht auf den Menschen.

Wie will Ihre Initiative das ändern?

Wir wollen, dass mehr Menschen gegen Sanktionen Widerspruch oder Klage einreichen. Immerhin 40 Prozent der Klagen sind erfolgreich. Allerdings wissen das viel zu wenige der Betroffenen. Wir sagen: Leute, ihr habt Rechte – fordert sie ein! Wir hoffen, mit einer Klageflut das System zu kippen.

Interview: Katharina Buess