Sie sprühen ihr Markenzeichen auf Häuserwände, auf S- und U-Bahn-Züge. Die Kreuzberger Sprayer-Gang „One United Power“ mit ihrem Markenzeichen „1 UP“ gehört unter den Berliner Graffiti-Gruppen zu den bekanntesten. Über 300 Strafanzeigen haben sich bereits gegen sie angehäuft, berichtete die Polizei. Die Kosten für die Beseitigung ihrer Schmierereien und Sachbeschädigungen dürften in die Millionen gehen.

Den Graffiti-Sprayern ist das egal. Und: Sie provozieren. Gerade ist im Internet ein professionell gedrehtes Video der Kreuzberger Gang zu sehen. Es zeigt, wie die Sprayer am helllichten Tag am Kreuzberger Bahnhof Schlesisches Tor einen U-Bahn-Zug stoppen und einen Waggon hemmungslos besprühen. Machtlos müssen U-Bahn-Fahrer und Fahrgäste dem Treiben zusehen. Danach fliehen die Beschmierer über die Gleise und seilen sich von der Hochbahnbrücke ab.

Anzeige gegen Unbekannt

Der Überfall ereignete sich nach Angaben der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) vor etwa einem Monat. „Wir haben Anzeige gegen Unbekannt erstattet“, sagt Sprecher Markus Falkner. Keiner der Täter wurde bisher gefasst. „Das Besprühen von Zügen ist Vandalismus, Sachbeschädigung“, sagt Falkner. Die Kosten für die Beseitigung der Schmierereien an Zügen und Bahnhöfen sind hoch. Jährlich muss die BVG eine Million Euro dafür aufwenden. „Damit schaden die Graffiti-Sprayer in erheblichem Maß der Gesellschaft“, sagte der BVG-Sprecher.

Ähnlich sieht man es bei der S-Bahn. „Sechs Millionen Euro kostet uns jährlich die Beseitigung von Vandalismusschäden an Zügen wie Graffiti-Schmierereien“, sagte Sprecher Ingo Prignitz. Nicht nur der öffentliche Nahverkehr ist Angriffsziel der Graffiti-Sprayer, etwa von „1 UP“. „Es betrifft die ganze Stadt, die noch viel mehr zahlen muss, um die Sachbeschädigungen an öffentlichen Gebäuden und Fassaden zu beseitigen“, sagt Prignitz. Und das mit dem Geld der Steuerzahler.

„1 UP“ sind 20 junge Frauen und Männer

Das scheint die „1 UP“-Sprayer nicht zu stören. Seit 2003 ist die Kreuzberger Sprayer-Gang unterwegs. Nach eigenen Angaben besteht die Truppe aus etwa 20 jungen Frauen und Männern. Im Juni prahlten sie damit im Internet, wie sie nachts ungehindert einen S-Bahn-Zug am Bahnhof Wuhlheide fast vollständig besprühten. „Der urbane Raum gehört allen und darf bemalt werden. Graffiti ist keine Zerstörung“, sagen sie in einem Porträt, das in dem Buch „King Cool City Berlin“ 2016 erschienen ist.

Die Sprayer suchen ständig nach dem Kick. Sie besprühen Züge auf Gleisanlagen direkt neben Stromschienen – und immer läuft die Kamera mit. Ihre Videos im Netz werden immer spektakulärer, weil sie innerhalb der Szene weltweit „Fame“ (Ruhm) ernten wollen.

„Das ist kein Abenteuer, die Sprayer spielen mit ihrem Leben“, sagt Thorsten Peters, Sprecher der Bundespolizei. So wurden vor einem Jahr zwei Sprayer – 18 und 19 Jahre alt – von einem vorbeifahrenden S-Bahn-Zug getötet, als sie eine Brücke am S-Bahnhof Wilhelmsruh besprühen wollten.

Zur Verfolgung von Graffiti-Straftaten gibt es seit Jahren eine gemeinsame Ermittlergruppe von Landeskriminalamt und Bundespolizei. 3 280 Graffiti-Vorfälle gab es laut Statistik im Jahr 2016. Sie betrafen Bahnanlagen und Züge in Berlin und Brandenburg, 1 316 Fälle waren es bereits in diesem Jahr. In 109 Fällen konnte die Bundespolizei 178 Sprayer in Berlin und Brandenburg auf frischer Tat festnehmen.

Bis zu drei Jahre Haft

Ein kleiner Erfolg für die Ermittler. Denn im Kampf gegen die Sprayer sind sie scheinbar oft machtlos, wie jetzt das Beispiel der „1 UP“-Gang zeigt. Seit 2003 versucht das LKA bereits, sie zu fassen – bisher erfolglos. „Die Ermittlungen gestalten sich ausgesprochen schwierig“, sagt Sprecher Carsten Müller. Denn die Gang rekrutiere ihre Mitglieder, die aus dem In- und Ausland kämen, immer wieder neu. Bei den Angriffen auf S- und U-Bahnzüge sind sie „stets maskiert, tragen Handschuhe und manipulieren oft im Vorfeld Überwachungskameras“.

Dabei gibt es nun eine Möglichkeit, die Gang zu fassen. Über den Kreuzberger Internet-Sender Aggro-TV, der das aktuelle Video der Graffiti-Truppe veröffentlichte. Das könnte Folgen haben: „Wer Straftaten-Videos heroisch zeigt, macht sich der physischen Beihilfe zur Straftat schuldig“, sagt Medien-Anwalt Marcus Roscher. „Das kann mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden.“