Das  Zittern dauerte bis in den späten Donnerstagabend. Weder die Mieter des Neuen Kreuzberger Zentrums (NKZ) noch die  Gewobag wollten sich vorzeitig äußern. 56,5 Millionen Euro hatte die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft für den 70er-Jahre-Brückenbau am Kottbusser Tor geboten. Nicht genug. Eine Million mehr wollte eine private Immobiliengesellschaft zahlen. Und damit entzündete sich am Kottbusser Tor ein Streit um eine ganz zentrale Frage: Wie viel Geld muss ein Bezirk oder die Stadt in die Hand nehmen, um preiswerte Wohnungen vor dem Zugriff von Heuschrecken und Investoren zu schützen? Eine Antwort kam um Mitternacht - öffentlich ist sie noch nicht

„Wir äußern uns erst am Freitag, wenn es besiegelt ist“, heißt es von der Gewobag. Denn bis Mitternacht hatte der Höchstbieter Zeit, nachzuweisen, dass er die Millioneninvestition stemmen kann.  Die Protest-Plakate von Mietern, die genau davor Angst haben, hängen am NKZ überall von den Balkonen der rund 300 Sozialwohnungen.

56,5 Millionen Euro hat die Gewobag für das Neue Kreuzberger Zentrum geboten. Das sind ungefähr 1880 Euro pro Quadratmeter. Viel Geld für ein altes, unsaniertes Gebäude aus den 70er-Jahren. Doch was wären die anderen Szenarien?  Entweder übernimmt ein privater Investor – und damit drohen drastische Mietsteigerungen.  Oder die Stadt entscheidet sich für sozialen Wohnungsbau an anderer Stelle. Dann allerdings müsste sie nach aktuellen Marktpreisen rund 3000 Euro pro Quadratmeter investieren und würde die Quartiere weiter zersiedeln.

Mieter haben Angst

Mona Barthelmeß ist froh, wenn sie am Kottbusser Tor wohnen bleiben kann. Die 74-Jährige lebt seit 40 Jahren im Neuen Kreuzberger Zentrum. „Im neunten Stock, direkt unter dem Dach, mit Balkonblick  bis zur Johannisthaler Chaussee“, sagt sie. Sie habe nicht gut geschlafen in den letzten Wochen. Die Nachricht, dass ihr Haus  womöglich zum Spekulationsobjekt werden könnte, habe ihr Angst gemacht. „Obwohl es nicht das erste Mal ist, dass mein Lebensgefährte und ich um unsere Wohnung bangen müssen, ist es diesmal besonders schlimm. Schlimmer als 2003, als das NKZ beinahe pleite ging.“ In ihrem Alter, mit schmalem Geldbeutel – wo soll sie da hinziehen, fragt die Rentnerin.

Ob die Juwelus NKZ Projekt GmbH, der Investor, ihr künftiger Vermieter wird, war gestern noch unklar. Um das Unternehmen  ist es  nach dem Bieterverfahren schnell ruhig geworden – und man konnte den Eindruck gewinnen, dass die Gesellschaft die Frist verstreichen lässt.    

 Wenn die Gewobag den Zuschlag bekommt und der rot-rot-grüne Senat damit den Milieuschutz hier, im Herzen von Kreuzberg, durchsetzen kann, ist der Preis dennoch zu hoch. Das sagt zumindest Stadtsoziologe Andrej Holm. Über Jahrzehnte seien Fördermittel des sozialen Wohnungsbaus in das NKZ geflossen. „Da stecken mehr Gelder drin, als das Haus wert ist. Es ist ein Skandal, dass der Komplex jetzt zu einem so hohen Preis verkauft wird“, kommentierte Holm Anfang der Woche in der Berliner Zeitung.

Private Investoren lassen kaum mitreden

Aufgeteilt wird der Kaufpreis für das NKZ einerseits unter den Anteilseignern der  Kommanditgesellschaft NKZ, der das Gebäude gehört. „Den 360 Personen gehen etwa 12 bis 14 Millionen aus dem Erlös zu“, erklärt der Beiratsvorsitzende Peter Ackermann. „Die restlichen Millionen sind für die Übernahme unserer Schulden.“ Die Summe verlangt die Investitionsbank Berlin zurück, die das NKZ unter anderem 1981 vor der Pleite bewahrte und ihm danach auch immer wieder aushalf. Die notwendige Bedienung der Kredite ist laut Ackermann auch der Grund, warum das Gebäude verkauft werden muss. Angesichts hoher Instandhaltungskosten könnten die Kosten aus den Mieteinnahmen nicht dauerhaft gedeckt werden.

Wie ihre Rechnung aufginge oder ob sie Pläne für das Gebäude hat, verrät die Gewobag noch nicht. Viele Mieter würden sich vor allem wünschen, dass sie im Haus weiter mitgestalten dürfen. „Wir haben hier in den letzten Jahren schon viel erreicht“, sagt Mieterrats-Sprecherin Marie Schubenz. „Die Bewohner  stehen in Verbindung mit der Hausverwaltung, dem Quartiersmanagement, der Polizei und dem Bezirk.  Gemeinsam haben wir Blumen gepflanzt, die Treppenhäuser gestrichen und einen Zaun um den Spielplatz gezogen.“ Ein auf Profit ausgerichteter Investor, so die Befürchtung der Mieter, würde die Anwohner womöglich deutlich weniger mitreden lassen. 

Besser als das Bild

Am dringendsten braucht der Platz vor dem Wohnriegel öffentliche Toiletten und Waschräume, findet Schubenz. „Der Kotti ist ein öffentlicher Ort, der vielfältig genutzt wird“, sagt sie. Täglich treffen sich Obdachlose, Punks und Trinker auf der Fläche vor den Läden. Sie stehen zusammen, quatschen, motzen mal rum – aber sie stören nicht, sagt Schubenz. „Ja, es ist nicht ganz ohne mit den Drogenkonsumenten, aber es klappt! Die Besonderheit hier ist die große Toleranz. Eine Vielfalt, die in vielen Teilen besser funktioniert als das Bild vom gefährlichen Kotti es vermittelt.“

Mona Barthelmeß, die Mieterin aus dem neunten Stock, traut sich noch nicht wirklich, daran zu glauben, dass sie ihre Wohnung behalten darf. Wer weiß, ob  der Drittplatzierte in dem Bieterverfahren sein Gebot nicht doch noch erhöht? Oder die Gewobag doch noch einen Rückzieher macht?  Hier wegzuziehen, nach 40 Jahren, nachdem sie ihren Sohn hier großwerden sah, der als Erwachsener auch ins NKZ zog, nur ein Stockwerk unter Mona Barthelmeß – das sei ein Horrorszenario. „Ich gehe nicht. Und wenn ich doch muss, dann lasse ich mich hier hinaustragen!“ Sie glaube erst, dass sie bleiben darf,  wenn die Würfel wirklich gefallen sind. Und das ist vielleicht schon am heutigen Freitag der Fall.