„Russland muss verlieren“: Berliner Russen protestieren für ein Leben ohne Putin

Offiziell heißt es oft, eine Mehrheit der Russen unterstütze den Krieg in der Ukraine. Aktivisten in Berlin wollen ein anderes Zeichen setzen, direkt am Pariser Platz.

Der russische Oppositionspolitiker Leonid Gosman nimmt an einer Kundgebung teil für die Freilassung von politischen Gefangenen in Russland.
Der russische Oppositionspolitiker Leonid Gosman nimmt an einer Kundgebung teil für die Freilassung von politischen Gefangenen in Russland.Elizabeth Rushton/Berliner Zeitung

Vor dem Brandenburger Tor läuft die Russin Anastasia Yerschowa am Rande einer Versammlung von etwa 300 Menschen umher, fast wie in einem Schutzkreis. Sie trägt ein Schild, weiß, mit einem blauen Streifen. Sie hält es so, in einem solchen Winkel, dass es auch die Touristen am Pariser Platz lesen können. Dort steht auf English: „Ich will, dass Russland sich verändert. Russland muss verlieren.“

Seit fünf Jahren wohnt die 28-Jährige im finnischen Tampere, sie ist gerade auf einer Dienstreise in Berlin. Am Sonnabend will sie aber unbedingt zum Pariser Platz kommen, um an dieser Aktion teilzunehmen – einer Kundgebung der russischen Community in Berlin für die Freilassung von russischen und ukrainischen politischen Gefangenen in Russland. Die Fahne, die auf Anastasias Plakat abgebildet ist, ist die der russischen Friedensbewegung. Auch ukrainische Fahnen sind unter den Demonstranten zu sehen.

„Die Teilnahme an dieser Art von Kundgebungen ist mein Weg, mit meinen Emotionen in diesen Zeiten umzugehen“, sagt sie. „Und ich habe gerade ganz viele Emotionen.“ Sie ist wütend, entsetzt, fühlt sich oft machtlos angesichts der Brutalität, die ihr Land in der Ukraine anrichtet. Sie versuche, jeden Tag mindestens eine Sache zu tun, um sich gegen den russischen Krieg in der Ukraine stark zu machen. „Seit Beginn des Krieges höre ich immer wieder, er sei nicht das Problem normaler Russen wie mir“, sagt Anastasia. „Aber das ist es absolut. Es ist unser gemeinsames Problem und unsere gemeinsame Verantwortung.“

Die ukrainische Journalistin Swetlana Good redet auf der Kundegebung.
Die ukrainische Journalistin Swetlana Good redet auf der Kundegebung.Elizabeth Rushton/Berliner Zeitung

Freiheit für Nawalny, Knast für Putin

Zu der Aktion am Sonnabend hat die aktivistische Gruppe Demokrati-Ja aufgerufen – ein Verein russischer Emigranten in Berlin, die sich gegen den russischen Angriffskrieg in der Ukraine und für die Rechte der politischen Opposition in Russland einsetzen. „Wir wollen die Menschen dazu zu bewegen, die Geschichten der politischen Gefangenen und deren Opfer für ein freies Russland nicht zu vergessen“, sagt Dasha, ein Mitglied von Demokrati-Ja. Das seien Menschen, sagt sie, die für die Hoffnung auf ein Russland ohne die Autokratie von Wladimir Putin stehen.

Tatsächlich sind nicht alle Russen derselben Meinung: Laut jüngsten Statistiken unterstützen bis zu 74 Prozent der russischen Bevölkerung das Vorgehen des russischen Militärs in der Ukraine. Dasha sagt, die russische Diaspora habe aber am Sonnabend rund 60 solcher Kundgebungen in 32 Ländern organisiert. Ob solch eine Aktion in Russland stattfinden kann, bezweifelt sie.

Im Mittelpunkt der Demonstration steht die Figur des Oppositionspolitikers und Korruptionsbekämpfers Alexej Nawalny, der seit zwei Jahren im Gefängnis sitzt. Immer wieder rufen die Demonstranten: „Freiheit für Nawalny, Knast für Putin.“ Dasha und ihre Mitstreiter von Demokrati-Ja verteilen Flugblätter mit einem Musterbrief an Bundestagsabgeordnete, in dem sie Sanktionen für rund 6000 Russen fordern. Sie sollen den Krieg in der Ukraine ermöglicht haben und weiterhin von ihm profitieren.

Aber es ging nicht nur um Nawalny: Auch die Geschichten ganz normaler Russen, die für ihren Widerstand gegen den Krieg in der Ukraine verhaftet worden sind, werden erzählt. Wie etwa der 66-jährigen Galina Dovgopolaya, die wegen angeblicher Spionage für die Ukraine zu zwölf Jahren Haft verurteilt wurde. „Nur ein voller Sieg der Ukraine kann Europa vor der Gewalt schützen, die Russland unter Wladimir Putin ausgelöst hat“, heißt es in einem Brief von Dovgopolaya aus dem Gefängnis, der vorgelesen wird. Der Brief endet mit der patriotischen ukrainischen Phrase „Slawa Ukraini“ (Ruhm der Ukraine). Die Demonstrierenden rufen: „Gerojam slawa“ (Ruhm den Helden).

Dann spricht die ukrainische Journalistin Swetlana Good, die nach Kriegsbeginn aus der Stadt Mikolajiw nach Berlin geflüchtet ist. Sie redet über die geschätzt mehr als 13.000 ukrainischen Kinder aus von Russland besetzten Gebieten, die entführt und in Waisenhäuser und Pflegefamilien in weit entfernten russischen Städten gebracht worden sind. „Jedes einzelne Leben ist wichtig“, sagte sie. „Und auch nach deren Freilassung werden sie unsere Unterstützung brauchen.“

„Ich will, dass Russland sich verändert“: Die russische Aktivistin Anastasia Yerschowa.
„Ich will, dass Russland sich verändert“: Die russische Aktivistin Anastasia Yerschowa.Elizabeth Rushton/Berliner Zeitung

Jeder Redebeitrag der Aktion wird auf Deutsch sowie auf Russisch vorgelesen. Letzteres sei besonders wichtig – „damit auch die Vatniki uns verstehen“, sagt ein Demonstrant. Vatniki, so heißen Anhänger der Kreml-Propaganda, es ist abwertend gemeint. „Wir können nur hoffen, dass unsere nächsten Demonstrationen nur noch größer werden und immer mehr Menschen anziehen“, sagt Dasha. Es gebe derzeit fast 26.000 Russen, die in Berlin leben.

„Nach dem Krieg wird die Welt das Wort ‚Russe‘ mit ‚Faschist‘ gleichsetzen“

Nach fast einem Jahr Krieg sei es jetzt die Aufgabe dieser Menschen, der Welt zu zeigen, dass nicht alle Russen „Kriegstreiber“ seien, so der russische Oppositionspolitiker Leonid Gosman, der ebenso auf der Aktion spricht. Er hat aber auch bittere Wahrheiten für sein Publikum: „Nach Ende dieses Krieges wird die ganze Welt uns hassen“, sagt er, während die Demonstranten ihm schweigend zuhören. „Alle werden das Wort ‚Russe‘ mit ‚Faschist‘ gleichsetzen.“ Damit müssten sich Russen abfinden, so Gosman. Er sagt, der russische Angriffskrieg müsse mit dem Sieg der Ukraine enden. „Nur dann kann das Putin-Regime fallen“, sagt der 72-Jährige. „Und wenn es fällt, wird es in die Hölle fallen.“

Nicht weit vom Pariser Platz weht Russlands weiß-blau-rote Fahne vor der Botschaft Unter den Linden. Dort ist auch eine Mahnwache mit Kerzenlicht, frisch niedergelegten Blumen und Kinderspielzeug. Sie soll der 45 Zivilisten gedenken, die letztes Wochenende bei einem russischen Raketenangriff auf ein Wohnhochhaus im ukrainischen Dnipro getötet wurden. 

Diese Trikolore als Symbol sei von Putin gestohlen worden, sagt Leonid Gosman, die russische Botschaft nennt er ein „finsteres Gebäude“, das keine der anwesenden Demonstranten am Pariser Platz vertritt. „Aber wir werden uns unser Land zurückholen“, sagt er. „Dann wird eine andere Fahne über Russland wehen – und zwar unsere weiß-blau-weiße.“ Er lächelt. „Ich glaube, eines Tages werden wir alle frei sein.“