Was nun in der Ukraine geschieht, Gewehrfeuer, Explosionen, dass Bomben fallen und Menschen innerhalb von Minuten vor feindlichen Angriffen aus ihrem Zuhause fliehen müssen – solche schrecklichen Ereignisse kennt Helga Stutenbecker aus ihrer Kindheit. Doch sie werden ihr dank einer positiven, gelassenen Lebenseinstellung nicht zur Last. Als kleines Mädchen erlebte sie den Zweiten Weltkrieg in Berlin. 1937 geboren, wurde die Tempelhoferin als Sechsjährige 1943 vom Krieg weg ins heutige Polen gebracht, kam 1945 mit acht Jahren nach der Kapitulation wieder zurück.

Starke Erinnerungen hat sie. „Ich höre noch, wie die einrückenden Russen im März 1945 in dem Dorf dort in Hinterpommern abends kommandierten: Morgen früh müssen alle raus hier!“ Die Unterkünfte wurden für die Soldaten gebraucht. „Abends haben wir so viel wie möglich vom Fleisch und Obst aus den Weckgläsern aufgegessen.“ Morgens wurden alle warm angezogen und raus auf die Landstraße ging es. Wohin, das wussten sie nicht. „Jeder raffte zusammen, was er tragen konnte, und lief mit. Wir gingen ins Nirgendwo.“ Mit wenig Proviant, ohne Transportgelegenheit. Auf dem Weg übernachteten sie bei Fremden. „35 Menschen in einem Zimmer, das war normal.“

Zu acht waren sie, die Großmutter, zwei Töchter, Schwiegertochter, vier kleine Enkelkinder. Die Männer taten schon jahrelang Dienst an der Front. Helga Stutenbecker war klein, aber an ihre Gefühle kann sie sich heute noch genau erinnern. „Das geht doch nicht, dass wir so einfach vertrieben werden, so habe ich die Situation ganz stark empfunden.“ Heute geht ihr das wieder so beim Betrachten der Ukrainerinnen. „Wie die armen Menschen da jetzt unterwegs sind, die Mütter und ihre Kinder, das ist entsetzlich und absolut überflüssig.“ Ungerecht einfach, meint sie.

Dass sich die derzeitige kriegerische Auseinandersetzung weiterentwickelt, vielleicht auch Berlin erreicht, sieht Helga Stutenbecker gelassen. „Angst habe ich nicht. Wenn es passiert, dann ist es eben so. Wir hier in West-Berlin waren schon oft in solcher Lage. Die Blockade, die Kuba-Krise, das haben wir alles überstanden. Es hat lange gedauert, bis die Mauer fiel und die Zeiten sicherer wurden.“ Zuversichtlich verlässt sie sich aus guter Erfahrung auf mächtige Freunde. „Der Amerikaner hat uns die Freiheit in West-Berlin erhalten, er und die Nato werden uns auch jetzt nicht im Stich lassen. Die haben uns immer geholfen, sie geben Berlin nicht auf!“

Für vier, fünf Tage hat sie immer genügend Lebensmittel in der Wohnung. „Die Eichhörnchenreserve“, sagt sie. „So nannte man das früher, alle waren dazu angehalten, sich Vorräte mit lange haltbaren Lebensmitteln wie Reis und Nudeln anzulegen.“ Mehr könne sie nicht tun. „Ich hoffe, dass alles gut geht und dass mit den Atomkraftwerken und der Atomruine Tschernobyl keine beabsichtigten oder unglückseligen Unfälle geschehen.“ Die tödlichen Emissionen würden sich bis weit nach Europa hinein verteilen. „Das betrifft uns dann auch und keiner kann helfen.“