Kriminalgericht in Berlin-Moabit: Von Mördern, Terroristen und Fassadenkletterern

Serienmörder saßen hier auf der Anklagebank, Taschendiebe, Terroristen, dreiste Bankräuber und Frauen, die ihre Kinder getötet haben. Im Kriminalgericht in Moabit wurden sie abgeurteilt. „Die Prozesse dort waren und sind noch immer ein Spiegelbild der Berliner Geschichte, der Gesellschaft aber auch der Politik“, sagt Georg Schertz. Doch deren öffentliche Wahrnehmung in der Stadt habe sich in den mehr als einhundert Jahren Moabiter Prozessgeschichte geändert. Was heute manchmal nur noch eine Zeitungsmeldung wert sei, sei früher in der ganzen Stadt heiß diskutiert worden, sagt er.

Georg Schertz muss es wissen, der Jurist hat sich lange Zeit mit der Geschichte von Europas größtem Strafgericht befasst und dazu auch publiziert. 14 Jahre lang war er selbst Vizepräsident des Amtsgerichts Tiergarten und damit des Moabiter Kriminalgerichts, bevor er 1987 für fünf Jahre Polizeipräsident von Berlin wurde.

Als Paradebeispiel für die enorme öffentliche Wahrnehmung von einst nennt Schertz den fast in Vergessenheit geratenen Mordfall Dietrich Derz. Der Mann hatte im März 1952 seinen Vater und dessen Verlobte auf ungewöhnliche Weise umgebracht. Er hatte in die über ihm liegende Wohnung des Vaters Gas eingeleitet, an dem das Paar erstickte. 1955 wurde Derz dafür zu lebenslanger Haft verurteilt. „Ganz Berlin diskutierte damals, wie jemand auf diese Weise seine Eltern umbringen konnte. Und das spiegelt sich auch in den Zeitungen wider“, erzählt Schertz. Aber auch technisch Interessierte erörterten den Fall in der Presse ausgiebig.

Exemplarisch für den Spiegel der Geschichte dieser Stadt sieht Schertz den Fall der Krankenschwester Elisabeth Kusian. Die Frau hatte in der Kantstraße im Westteil der Stadt gelebt, und 1949 einen Mann und eine Frau in ihre Wohnung gelockt, sie hinterrücks erdrosselt und die Leichen zerstückelt. Die Leichenteile legte die Frau dann überwiegend in Ost-Berlin ab. „Wohl wissend, dass die Polizei in beiden Teilen der Stadt seit 1948 gespalten war und nicht mehr zusammenarbeitete“, erzählt Schertz.

So führten die Ermittlungen erst nach zwei Jahren zu Elisabeth Kusian. „Sie ist dann in Moabit zu lebenslanger Haft verurteilt worden und im Gefängnis an Krebs gestorben“, sagt der Jurist. Das Motiv für die Taten: Elisabeth Kusian wollte sich bereichern. Der Frau zum Beispiel stahl sie auf diese Weise eine Schreibmaschine – ein Luxusgerät für damalige Zeiten.

Georg Schertz kann aber durchaus auch von kuriosen Prozessen berichten. So kam der zu seiner Zeit bekannte Fassadenkletterer Herbert Michaelis 1927 seiner Vorladung nicht etwa wie jedermann über das Hauptportal des Gebäudes nach. Michaelis kletterte in Hut und Mantel an der Fassade des Gerichts bis in den vierten Stock, um dort seiner Berufung folgend zünftig durch das Fenster in den Gerichtssaal zu gelangen.

In Georg Schertz Amtszeit als Vizegerichtspräsident am Kriminalgericht fallen die Berliner Terroristenprozesse. Im November 1974 wurde der Kammergerichtspräsident Günter von Drenkmann in seiner Berliner Wohnung von der RAF ermordet. Scherzt kannte ihn persönlich, er war von Drenkmann ins Amt eingeführt worden. Drei Monate nach dem Tod des Kammergerichtspräsidenten entführten Terroristen Peter Lorenz, den Landesvorsitzenden der CDU. Sechs Verdächtige wurden gefasst und im Schwurgerichtssaal 700 in Moabit vor Gericht gestellt.

Kugelsichere Scheiben

In dem altehrwürdigen Gebäude an der Turmstraße begann die Zeit der „Hochrüstung“. „Dass die Gefangenen durch eigene Gänge von der Untersuchungshaft bis in den Gerichtssaal gelangten, ohne auf irgendwelche Zeugen oder Besucher zu treffen, war und ist noch heute genial“, sagt Schertz. Doch da sei auch noch die Bedrohung von außen gewesen. Kugelsichere Fensterscheiben wurden in die Schwurgerichtssäle eingebaut, die Boxen für die Angeklagten mit ebensolchen Glas versehen. An den Eingängen wurden Sicherheitskontrollen eingeführt, die es bis heute gibt.

Georg Schertz erinnert sich, dass er damals als Vizepräsident durchaus geprüft habe, ob die Kontrollen durch das Wachpersonal sorgfältig genug vorgenommen würden. Mit ungewöhnlichen aber wirksamen Aktionen. „Zweimal in der Woche wurde versucht, eine Waffen- oder Granatattrappe ins Gericht zu schmuggeln“, sagt er. Stets seien sie gefunden worden.

Der Terroristenprozess um die Lorenz-Entführung und den Mord an Drenkmann dauerte zwei Jahre und endete 1980 mit Freiheitsstrafen zwischen fünf und 15 Jahren. Die Ermordung des Kammergerichtspräsidenten blieb jedoch ungesühnt. „Das war auch für mich bitter, weil ich den Mann gut kannte. Aber keinem der Angeklagten konnte die Tat zugeordnet werden“, so Schertz.

Bitter, so nennt er auch den Prozess um den Mord an dem Terroristen und V-Mann des Verfassungsschutzes Ulrich Schmücker 1974. Die Tat zog den bisher längsten Prozess der Bundesrepublik nach sich. Sechs Verdächtige saßen auf der Anklagebank, es gab sogar einen Kronzeugen. Doch nach 591 Verhandlungstagen endete das Verfahren 1991 mit der Einstellung des Verfahrens. „Dem Gericht wurden eine Fülle von Unterlagen nicht vorgelegt. Selbst die Tatwaffe, die der Verfassungsschutz hatte, wurde nicht ausgehändigt“, sagt Schertz. In dem Prozess habe sich gezeigt, wie der Strafanspruchs des Staates mit den Interessen des Verfassungsschutzes, bestimmte Leute nicht zu enttarnen, kollidiert sei. „Das ist bis heute ein Problem“, sagt Schertz.