Kriminalgeschichte: Die Straße der Diebe

Taschendiebe liebten schon immer den Kurfürstendamm. Kein Wunder, sagen Polizisten. Bei 8 000 Menschen, die in einer Stunde auf der Meile unterwegs sind, bieten sich für die Ganoven ideale Arbeitsbedingungen. 

Beklaut werden vor allem Touristen in den Geschäften oder in überfüllten Linienbussen. Nur selten werde ein Täter erwischt, sagen Fahnder, die auf Berlins bekannter Straße in Zivil unterwegs sind. Mehrere Tausend Euro stehlen Diebe täglich auf der Flaniermeile.

Zahl der Kriminalfälle zurückgegangen 

Der Kudamm war schon immer Tatort spektakulärer Kriminalfälle. Doch ihre Zahl ist in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen. Händler und Banken haben in Sicherheitstechnik investiert, und auch Polizisten lassen sich auf dem Boulevard häufiger sehen als auf anderen Straßen. 

Die gehobenen Kriminellen sind längst in ruhigere und unauffälligere Straßen ausgewichen. Heute hat es die Polizei auf dem Kurfürstendamm hauptsächlich mit Betrügern, Dealern und Dieben zu tun. Ab und zu bekriegen sich auch arabische Großfamilien und schießen aufeinander. Zuletzt im August 2009. Bei einem Streit zwischen zwei arabischen Großfamilien vor einem Lokal wurde ein 28-jähriger Mann niedergeschossen. Aber so etwas ist eher die Ausnahme. Zum Glück für Passanten.

Berliner Kiezgrößen kämpften um ihre Reviere 

Das war in den 60er- und 70er-Jahren anders. Revierkämpfe unter Zuhältern auf dem Kudamm waren nicht selten. Deutsche Luden wollten ihre Reviere vor arabischen Zuhältern schützen, die das Geschäft für sich beanspruchten und die Bars mitsamt der Mädchen übernehmen wollten. 

Berliner Kiezgrößen kämpften mit allen Mitteln um ihren Einfluss. Einer von ihnen war Klaus Speer. Der gelernte Lagerarbeiter wurde zum Club-Geschäftsführer und Kiez-König. Später wurde er als Boxpromoter bekannt. Im deutschlandweiten Milieu machte er sich am 27. Juni 1970 einen Namen. 

Blutige Machtkämpfe 

Er und seine Clique waren es, die an der Ecke Bleibtreustraße einen iranischen Konkurrenten ausschalteten. Bei der Schießerei starb der persische Zuhälter, drei seiner Komplizen wurden schwer verletzt. In dieser Zeit wurde die Ecke Kurfürstendamm/Bleibtreustraße von manchen zynisch „Bleistreustraße“ genannt.

In den Achtzigerjahren war der Streit um die Bars und die Clubs nahezu beigelegt. Die deutschen Zuhälter hatten verloren. Russische Ex- und Importfirmen etablierten sich am Kudamm und darum herum, um Geld zu waschen oder mit verbotenen Waren, wie Waffen und Kunstgütern zu handeln. 

Auch der illegale Auto- und Schnapshandel florierte. Es kam vermehrt zu blutigen Machtkämpfen unter russischen Banden. Sie endeten manchmal auch tödlich. So wurde der Ikonenhändler Abraham Gleser in seiner Galerie am Kurfürstendamm mit einem Schuss in den Kopf getötet. Die Polizei nahm zwar einen 45-jährigen staatenlosen Mann fest. Doch ein Gericht konnte ihm den Mord nicht nachweisen. Er wurde aus Mangel an Beweisen freigesprochen. 

Raub von Geldbomben nicht aufgeklärt 

Einer der aufregendsten Kriminalfälle am Kudamm war 1981 der Überfall auf die Spielbank am Europacenter. Unbekannte stiegen in der Nacht zum 8. Februar, einem Sonntag, auf das Dach der Bank. Dort öffneten sie gewaltsam eine Stahltür, hinter der sich die Rohrpostanlage befand. Mit dieser Rohrleitung wurden die Geldbomben von der Hauptkasse im Spielsaal des ersten Stocks in den Tresorraum im Keller befördert. 

Die Räuber schnitten das Rohr gegen Mitternacht, einer Zeit in der noch reger Spielbetrieb herrschte, auf. Dann fingen sie die Geldbomben auf dem Weg zum Tresor ab und schickten die leeren Röhren wieder nach oben zur Kasse. Damit es nicht sofort auffiel, ließen sie jede zweite Geldröhre durch. 

Der Kassierer bemerkte erst gegen 6 Uhr die Unregelmäßigkeit. Als er bei den Kassenangestellten nachfragte, warum so wenig Geld ankomme, waren die Diebe längst weg und mit ihnen 269 Tausendmarkscheine, 230 Fünfhundertmarkscheine, 2 000 Hundertmarkscheine und mehr als 700 Fünfzigmarkscheine. Die Scheine waren alle gebraucht und nicht registriert. Die Täter wurden nicht gefasst.

Größter Brand in Berlin 

In die Kriminalgeschichte ging der Kudamm auch durch den größten Brand in Berlin seit 1947 ein. Acht Menschen starben, und 37 Menschen wurden dabei verletzt. Am 16. Dezember 1989 war an der Ecke zur Wielandstraße im Hotel Central ein Feuer ausgebrochen. Der angetrunkene 46-jährige Hilfsarbeiter Hans-Werner B. hatte mit einer brennenden Zigarette eine Tischdecke angezündet. 
Der Gebäudekomplex brannte bis auf die Grundmauern nieder. Mehr als 200 Feuerwehrleute hatten versucht, das Hotel zu retten. Einige von ihnen haben die Tragödie bis heute nicht vergessen. 

Auch die Juweliere der Firmen Wempe und Sedlatzek haben den Kudamm in schrecklicher Erinnerung. Mehr als zehn Mal wurden ihre Filialen überfallen. Silvester 1997 entkamen die Täter aus dem Wempe-Laden mit Schmuck und drei Kilogramm Gold im Wert von einer Million Mark. Zwar war die Polizei schnell vor Ort, doch sie konnte zunächst nichts ausrichten. 

Juwelierfiliale ist heute best gesicherte Berlins 

Die Täter hatten den Eingang mit einem Kantholz blockiert und im Laden Öl verteilt, sodass sich die Schutzmänner kaum auf den Beinen halten konnten. Trotz des geschickt eingefädelten Coups wurden die vier Täter gefasst. Den Juwelier Sedlatzek am Kurfürstendamm traf es viermal. Inzwischen gehört die Filiale zu den am besten gesicherten Läden Berlins.

Die Chefs von Wertheim dachten jahrelang, dass ihr Kaufhaus sicher sei. Aber vier Mal stiegen Einbrecher Ende der 1990er-Jahre über das Dach in das Kaufhaus ein und klauten Schmuck. Obwohl Bewegungsmelder anschlugen, konnten die Ganoven fliehen, bevor die Polizei kam. Fliehen konnten auch die beiden Männer, die am 25. Januar 2009 in das KaDeWe einstiegen. 

DNA- Test bei Zwillingen nicht eindeutig 

Der bislang letzte der spektakulären Kriminalfälle am Kurfürstendamm. Die Diebe nahmen Schmuck im Wert von sieben Millionen Euro mit. Festgenommen wurden zwei Zwillinge. Eine DNA-Spur hatte die Ermittler auf die Spur der Männer gebracht. Doch sie mussten freigelassen werden, weil die Zuordnung einer identischen DNA-Spur bei eineiigen Zwillingen nicht möglich ist. Der geklaute Schmuck ist immer noch weg.