Berlin - Hinterher ist man ja immer schlauer. Wenn es mal wieder hieß, die Gegend rund um das Kottbusser Tor sei DER Kriminalitäts-Hotspot in Berlin, habe ich nur müde gelächelt. Ich mag den Kotti. Ich fühle mich dort auch als junge Frau eigentlich nicht unwohl. Und geklaut wurde mir in drei Jahren Berlin noch nie etwas. Bis vor einigen Tagen.

Ich sitze mit zwei Freundinnen in einem Café direkt am Kottbusser Tor, wir trinken Kaffee, essen Kuchen und haben viel zu erzählen, denn die eine macht gerade einen Master in London und ist auf Heimatbesuch. Eigentlich wollten wir auch etwas arbeiten, deswegen haben wir Laptops dabei, die kommen jedoch nicht an gegen unser Mitteilungsbedürfnis und bleiben in den Taschen.

Als ich irgendwann auf die Toilette gehen will, ist mein Rucksack weg, der neben meinem Stuhl auf dem Boden stand. Samt Portemonnaie mit Ausweis, Führerschein, Geldkarten, Kopfhörern, dem neuen Notizbuch aus Portugal, meiner Mütze und dem Laptop. Ich kann nicht glauben, dass ich nichts gemerkt habe, gar nichts! Auch meine Freundinnen, die mir jeweils schräg gegenüber saßen, haben nichts gesehen. Und die anderen Menschen in diesem voll besetzten Café auch nicht.

Lohnt es sich, die Polizei zu rufen?

Ich überlege kurz, ob es sich lohnt, die Polizei zu rufen. Zweifle, ob sie einen einfachen Diebstahl in dieser Ecke Berlins überhaupt verfolgt. Dann tue ich es aber doch, ich will nichts unversucht lassen, und vielleicht ist der Dieb noch nicht weit. Ich wähle also die 110 – und lande in der Warteschleife.

Eine Frauenstimme teilt mir mit, dass alle Leitungen belegt seien, ich solle aber nicht auflegen, gleich gehe es weiter. Eine Männerstimme wiederholt dann alles auf Englisch. Na, da bin ich aber froh, dass ich nur einen Diebstahl melden will und nicht gerade mit einem Messer bedroht werde.

Schließlich komme ich durch, nach gefühlt mindestens fünf Minuten. Tatsächlich stehen kurz danach zwei Beamte im Café, sie haben einen Praktikanten (gut zu erkennen an seinem angehefteten Schild, auf dem in Großbuchstaben PRAKTIKANT steht), im Schlepptau. Sie nehmen alles auf und machen mir auch ein bisschen Mut. Das Café hat Videoüberwachung, vielleicht erkennen sie einen der Täter. Vielleicht kriege ich ja sogar meine Sachen wieder.
Falls der Dieb dies liest: Ich würde mich auch schon über das Notizbuch wirklich freuen!