Berlin - Als Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) und Polizeipräsidentin Barbara Slowik im Februar die Polizeiliche Kriminalstatistik für das Jahr 2018 vorstellten, zeigte sich eine zunächst erfreuliche Entwicklung: weniger Straftaten, weniger Täter, eine gestiegene Aufklärungsquote. Berlin sei im Vergleich zum Vorjahr wieder ein Stück sicherer geworden, hieß es. Und das stimmt auch – zumindest in Bezug auf die Zahl aller von der Polizei erfassten Verbrechen, vom Diebstahl über Onlinebetrug bis hin zum Mord. Doch es gibt noch andere Zahlen – und die sind mehr als beunruhigend. Denn die Gewalt ist weiter gestiegen. Wie schon seit Jahren.


Die registrierten Zahlen der Rohheitsdelikte wie Raubtaten (4267), Körperverletzungen (43.340, davon gefährliche Körperverletzungen: 10813) sowie Sexualdelikte (4181) sind leicht gestiegen. Auch die Angst der Menschen, Opfer einer Straftat mit Gewaltcharakter zu werden, nimmt zu. Zu Recht? Was bedeutet das für das Zusammenleben in unserer Stadt? Und wie können Politik, Sicherheitsbehörden und Bürger dieser Entwicklung entgegensteuern?

Weltweit größter Jahreskongress zu Kriminalprävention

Mit diesen und vielen weiteren Fragen werden sich 600 Vortragende und Fachinstitutionen und mehr als 3000 Teilnehmer aus den Bereichen Präventionspraxis, -politik und -wissenschaft beim 24. Deutschen Präventionstag (DPT) beschäftigen. Der DPT ist der weltweit größte Jahreskongress zur Kriminalprävention und findet am 20. und 21. Mai statt. Ziel in diesem Jahr sei „insbesondere, staatlich und nichtstaatlich Agierende in den Bereichen Kriminal-, Gewalt- und Extremismusprävention zusammenzubringen“, so der Geschäftsführer des Deutschen Präventionstages, Erich Marks.

Auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP) nimmt an dem Kongress teil. Bereits im Vorfeld sagte GdP-Landeschef Norbert Cioma, in Berlin herrsche zwar „kein Sodom und Gomorrha, aber hinter allen Straftaten stehen eben nicht nur Straftäter, sondern auch Menschen, die bestohlen, verletzt oder gar getötet werden“.

Bewaffnung nimmt zu

81.263 Berliner wurden nach Angaben der Polizei Opfer von Straftaten gegen die Freiheit und körperliche Unversehrtheit. Pro hunderttausend Einwohner gerechnet sind das 2182 Geschädigte – mehr als noch im Vorjahr. Gleichzeitig steigt die Angst der Menschen, Opfer einer solchen Straftat zu werden. Und das zeigt sich auch daran, dass sich immer mehr Berliner bewaffnen. Vom Jahr 2014 bis Ende Oktober 2018 hat sich die Zahl der beantragten Kleinen Waffenscheine von knapp 9000 auf fast 19.000 mehr als verdoppelt.

Die Polizei sieht diese Entwicklung mit Sorge und rät Bürgern dringend davon ab, sich zu bewaffnen. „Auch zu Verteidigungszwecken sollten Waffen wie Messer, Pfefferspray und Schreckschusswaffen nicht mitgeführt werden“, heißt es in einer offiziellen Mitteilung. Demnach könnten Waffen zur Gewalteskalation führen, die eigene Risikobereitschaft erhöhen und es für Helfer und die Polizei erschweren, zu erkennen, wer Täter und wer Opfer sei.

Zudem böten Waffen ein trügerisches Sicherheitsgefühl, was dazu führen könne, dass andere, möglicherweise sogar deeskalierende Verhaltensmöglichkeiten vernachlässigt werden. Mit anderen Worten: Wer ein Messer zieht, weil er sich bedroht fühlt, provoziert womöglich eine lebensgefährliche Situation, die ohne das Messer erst gar nicht entstanden wäre.

Subjektive und objektive Sicherheit

"Das Sicherheitsgefühl entspricht häufig nicht der tatsächlichen Sicherheitslage, sondern geht meist von einer größeren Gefahr aus, Opfer zu werden, als es tatsächlich der Fall ist“, heißt es in einer Studie der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt. Demnach gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen subjektiver und objektiver Sicherheit.

Das Sicherheitsgefühl der Menschen und die individuellen Anforderungen an Sicherheit seien je nach Alter, Geschlecht, kulturellem Hintergrund, persönlicher Konstitution und Erfahrung zwar unterschiedlich ausgeprägt. Grundsätzlich jedoch würden Kriminalitätsängste nicht unbedingt die tatsächlichen Gefahren widerspiegeln.

Das Problem sieht auch die Berliner Polizei. Im kommenden Jahr soll erstmals eine sogenannte Dunkelfeldstudie unter Führung des Bundeskriminalamtes belastbare Zahlen liefern. An der Studie sei auch die Humboldt-Universität (HU) beteiligt, sagte Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik Mitte März im Innenausschuss des Abgeordnetenhauses. Für die Erhebung sollen zufällig ausgewählte Berliner zum Thema Kriminalität befragt werden.

Nach Angaben des Bundeskriminalamtes wird es um ihre Erfahrungen als Opfer oder Täter von Straftaten gehen – sofern sie solche gemacht haben. Ohne diese Zusatzinformationen aus der Dunkelfelduntersuchung bliebe nach Ansicht des BKA weiterhin ungewiss, ob die Zahlen der amtlichen Kriminalstatistik tatsächlich die Entwicklung der Kriminalitätswirklichkeit widerspiegeln.

Städtebauliche Kriminalprävention

Unabhängig von statistischen Fragen, von der Kluft zwischen subjektivem und objektiven Sicherheitsgefühl und dem tatsächlichen Risiko, in Berlin Opfer einer Gewalttat zu werden, zeigen Untersuchungen dennoch, dass dieses Risiko in Ballungszentren und Großstädten grundsätzlich größer ist als in dünn besiedelten und ländlichen Regionen.

Aus diesem Grund beschäftigt sich die Senatsverwaltung auch mit der sogenannten städtebaulichen Kriminalprävention. In diesem Zusammenhang biete die Polizei kostenlose Beratungen für alle an, „die planen, bauen, entscheiden und raum- und baubezogene Konzepte entwickeln“, so die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

Dabei werde zunächst die „den jeweiligen Ort und sein Umfeld betreffende Kriminalitätslage betrachtet“ und unter anderem darauf geachtet, ob es Auffälligkeiten wie eine Häufung bestimmter Delikte gebe. Auf der Grundlage von Ortsbegehungen und Fotodokumentationen werde dann eine Analyse der „vorhandenen räumlichen Strukturen und Gestaltungselemente in Bezug auf Sicherheitsaspekte erstellt“.

Diskussion über Videoüberwachung

Zudem werde untersucht, „ob sich die erfassten Straftaten mit den konkreten räumlichen Gegebenheiten in Verbindung bringen lassen“. Abschließend werde ein „ortsbezogenes kriminalpräventives Maßnahmenkonzept“ entwickelt „und mit den Entscheidungsträgern abgestimmt“.

In diesem Zusammenhang wird in Berlin auch immer wieder über eine mögliche Ausweitung der Videoüberwachung diskutiert. Vertreter von Polizei und Politik fordern deren Ausweitung, Datenschützer und andere Gegner kritisieren Kameras als weitgehend wirkungslos und unverhältnismäßig.

Eine große Mehrheit von 83 Prozent der Berliner hält Kameras auf zentralen Plätzen, in Bahnhöfen, Stadien oder in U- und S-Bahnen hingegen für richtig. Nur 13 Prozent der im Auftrag der Berliner Zeitung von dem Meinungsforschungsinstitut Forsa Befragten sind der Meinung, dass diese Art der Überwachung zu sehr in die Privatsphäre des Einzelnen eingreife.

Fahndung nach Straftätern

Ebenfalls eine große Mehrheit, 73 Prozent, ist der Meinung, dass die Videoüberwachung im öffentlichen Raum künftig weiter ausgebaut werden sollte. Benjamin Jendro, Sprecher der Berliner Polizeigewerkschaft GdP, sagte dieser Zeitung nach Bekanntwerden der Umfrageergebnisse, Videoaufnahmen seien zwar definitiv hilfreich bei der Ermittlung nach Verbrechen und der Fahndung nach Straftätern. Ob sie allerdings auch präventiv wirken könnten, sei nur schwer zu messen. „Lieber als jede Kamera wäre mir ein zusätzlicher Kollege.“

Um die Gewalt in der Öffentlichkeit einzudämmen und die Bürger besser zu schützen, ist auch nach Ansicht des GdP-Landesvorsitzenden Norbert Cioma vor allem mehr Personal notwendig. „Keinem Opfer hilft es weiter, wenn die Zahlen generell nach unten gehen“, sagt der Landeschef. „Wir müssen der wachsenden Stadt gerecht werden und die Polizeipräsenz in der Öffentlichkeit mittels einer sauberen Aufgabenkritik und zusätzlichen Stellen sinnvoll steigern.“ Seine Lösung ist einfach: „Eine Vielzahl von Tätern würde weder klauen noch zuschlagen, wenn ein Polizeibeamter dahinter steht.“