Sie fahren mit einem Auto durch die Scheibe in eine Saturn-Filiale im Berlin Boulevard in Steglitz. Sie lassen sich in Mariendorf in eine Bankfiliale einschließen und knacken seelenruhig die Schließfächer. Sie stehlen die Einnahmen aus dem Apple-Laden oder zerschlagen – wie erst am Samstag – mitten im Weihnachtstrubel im KaDeWe Vitrinen und erbeuten Uhren und Schmuck für fast eine Million Euro: Räuber sind in diesen Tagen recht einfallsreich und dreist. Seit Sonntagabend muss die Polizei einen neuen Überfall aufklären. Diesmal im Tempodrom.

Mit dem Tod gedroht

Gerade ist in der Veranstaltungshalle eine Vorstellung von Roncallis Weihnachtszirkus zu Ende gegangen, und die Besucher sind noch auf dem Weg zu den Ausgängen. Da betreten zwei maskierte Männer ein Büro der Verwaltung des Tempodroms am Anhalter Bahnhof. Es ist gegen 20.50 Uhr. Im Büro sitzt eine 31 Jahre alte Angestellte. Die Männer drohen ihr, sie zu töten, wenn sie nicht das Geld aus dem Tresor abliefert. Sie gehorcht. Die Männer flüchten mit mehr als 10 000 Euro. Die Frau muss von Sanitätern wegen eines Schocks behandelt werden.

Als die Polizei eintrifft, sind die Räuber weg. Besucher der Zirkus-Veranstaltung wundern sich zwar über die Polizeiautos, die vor der Tür stehen, aber sie fragen nicht weiter nach.

Jetzt sucht die Polizei Zeugen, die die beiden Räuber bemerkt haben. Sie flüchteten mit einer Reisetasche, in der sich offenbar das Geld befand. Hinweise nimmt jede Polizeidienststelle entgegen.

Auf Zeugenhinweise sind auch die Fahnder im Fall des KaDeWe angewiesen. Am Samstagvormittag waren, wie berichtet, vier maskierte Männer über den Eingang Ansbacher Straße am Wittenbergplatz in das Luxus-Kaufhaus gestürmt. Mitten im Weihnachtsgeschäft mit Zehntausenden Besuchern versprühten sie Reizgas, verletzten dabei insgesamt elf Personen, attackierten einen Wachmann und zerschlugen Vitrinen. Dann entkamen sie in einem dunklen Audi A4. Dessen Fahrer hatte während des Überfalls am Wagen vor der Tür gestanden. Das ergab die erste Auswertung der Videobänder. Darauf soll auch zu sehen sein, dass ein Täter eine Pistole bei sich hatte.

50 Hinweise waren noch am Samstag bei der Polizei eingegangen. Zeugen wurden bereits im Kaufhaus befragt. Neun kamen bis zum Montagabend dazu. Sie hatten sich auf der Internetwache gemeldet. „Uns sitzt die Zeit im Nacken“, sagt ein Fahnder. Mit jedem Tag wird das angeblich Gesehene undeutlicher, und nach sieben Tagen sei so ein Überfall von Zeugen kaum noch detailliert rekonstruierbar.

Die Geschäftsführung des KaDeWe verschickte am Montag auf Anfrage eine Stellungnahme. Darin heißt es, ihre Sicherheitsstandards gehörten zu den höchsten im Handel. Die Systeme und auch die Zusammenarbeit mit den Behörden hätten am Sonnabend schnell und effektiv funktioniert. Zu Details könne man aus Sicherheitsgründen keine Stellung nehmen. Klar sei aber: „Ein Kaufhaus ist immer ein offenes Haus.“

Ganz so einfach will die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi den Überfall nicht zu den Akten legen, erst recht, weil auch Angestellte des Hauses verletzt wurden.

Verdi fordert mehr Personal

Verdi fordert mehr Sicherheit für die Beschäftigten. Aus Sicht von Erika Ritter, in der Gewerkschaft für den Bereich Handel zuständig, werde mehr Personal benötigt. „Der vierte Adventssonnabend ist der wichtigste Einkaufstag des Jahres, und der muss besonders geschützt werden“, sagt sie. Unter der Hand wurde am Montag bekannt, dass in den nächsten Tagen tatsächlich zehn Sicherheitsleute zusätzlich im KaDeWe eingestellt werden sollen.

Auch die Technik gehöre auf den Prüfstand, sagt die Gewerkschafterin. „Das Reizgas ist über die Klimaanlage im gesamten Haus verbreitet worden. So etwas darf nicht passieren.“