Berlin wird zur Hauptstadt der Diebe. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Diebstähle auf ihren höchsten Wert seit zehn Jahren, auf 242.800 Fälle. Sie machen fast die Hälfte aller registrierten Straftaten aus. Nicht einmal ein Fünftel der Diebstähle konnte aufgeklärt werden. Das geht aus der aktuellen Kriminalstatistik hervor, die am Montag von Innensenator Frank Henkel (CDU) und Polizeipräsident Klaus Kandt vorgestellt wurde.

Den deutlichsten Anstieg gibt es beim Taschendiebstahl. Hier stieg die Zahl der registrierten Fälle um 54,5 Prozent auf 32.121 an. Die Polizei konnte mehr Diebe schnappen als im Vorjahr. Eine spezielle operative Einheit macht rund um die Uhr Jagd auf die Täter. „Doch der Druck durch Taschendiebe auf die Hauptstadt steigt“, sagte Polizeichef Kandt. Die Täter haben es vor allem auf Touristen abgesehen, die laut Kandt unter den Opfern überrepräsentiert seien. Beliebte Beute sind Smartphones.

Immerhin hatte Berlin im vergangenen Jahr 28,7 Millionen Übernachtungen – ein Rekord. Darauf haben sich auch die Täter eingestellt, die in Banden europaweit agieren und gezielt Städte wie Barcelona, Paris oder eben auch Berlin ansteuern. 80,8 Prozent der ermittelten Taschendiebe haben keine deutsche Staatsbürgerschaft.

Der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die zum Klauen losgeschickt werden, liegt bei den erwischten Tätern mittlerweile bei 19,4 Prozent. 31,1 Prozent der Täter kommen aus Rumänien. Die Berliner Polizei hat deshalb ihre Zusammenarbeit mit den rumänischen Behörden verstärkt. Im vergangenen Jahr gingen Fahnder erstmals zusammen mit rumänischen Kollegen auf Streife.

Mehr Schwarzfahrer erwischt

Einen markanten Anstieg gibt es auch beim Fahrraddiebstahl: 30 758 Fälle wurden erfasst. Die Polizei sieht hierfür zwei Gründe: Immer mehr Menschen nutzen in Berlin das Fahrrad – und stellen es in der Öffentlichkeit ab, womit auch die Zahl der Tatgelegenheiten zunimmt. Die Polizei sieht auch ein „gesteigertes Anzeigeverhalten“, weil immer mehr Radfahrer eine Fahrradversicherung abgeschlossen haben. „Erstes Mittel gegen einen Diebstahl bleibt ein hochwertiges Fahrradschloss“, so Kandt, der selbst passionierter Radfahrer ist. Er empfiehlt Fahrradbesitzern, die Rahmennummer des Gefährts zu notieren, damit man sie im Diebstahlsfall parat hat.

Nach dem Rückgang der Fälle im Vorjahr hat auch wieder der Wohnungseinbruch zugenommen. Allerdings scheitern die Täter immer öfter an besseren Sicherungsvorkehrungen von Mietern und Eigentümern. Mittlerweile enden 38,9 Prozent aller Taten im Versuchsstadium. Die Einbruchskriminalität erklärte Henkel zu einem der „strategischen Schwerpunkte“. Er verwies darauf, dass im vergangenen Jahr die gemeinsame Ermittlungsgruppe Berlin-Brandenburg verstärkt wurde.

Zudem soll die internationale Zusammenarbeit verstärkt werden, um reisende Täter, die einen Großteil der Einbrecher ausmachen, zu fassen. „Mein Haus wird auch den Einsatz der Analyse-Software Precops prüfen“, sagte Henkel. Bei derartigen Programmen wird der Computer mit Daten wie Tatzeit, Tatort, Beute und Art der Tatbegehung gefüttert. Er berechnet, in welchem Gebiet wahrscheinlich die nächsten Einbrüche verübt werden. Polizeibehörden in den USA und in Zürich schwärmen vom so genannten Predictive Policing, der voraussehenden Polizeiarbeit. Dadurch sei die Zahl der Einbrüche gesenkt worden.

Die Gesamtzahl aller Straftaten in Berlin stieg um 7,9 Prozent auf 543 156. Dieser scheinbar rasante Anstieg wird nur zum Teil durch mehr Diebstähle verursacht, sondern vor allem durch Schwarzfahren. Die BVG kontrolliert verstärkt und meldete solche Fälle aus den Vorjahren nach. So stieg die Zahl von rund 7 000 auf fast 35 000. Ohne die Schwarzfahrer liegt der Kriminalitätsanstieg nur bei 2,5 Prozent.

Weniger Gewalt

Zurückgegangen ist dagegen die Gewaltkriminalität. Die Zahl der Delikte sank auf den niedrigsten Stand sei 1996 – auf 61.070 Fälle. Es gab weniger Raube und Körperverletzungen. Die Polizei führt dies zum Teil auf die demografische Entwicklung zurück, wonach es immer weniger testosterongesteuerte männliche Jugendliche gebe. Zudem befasst sie sich speziell mit den Intensivtätern, also jenen Jugendlichen, die mindestens zehn schwere Gewalttaten auf dem Konto haben. Ihre Taten werden jetzt schneller geahndet.

Nach Meinung der Ordnungshüter greifen auch die Präventionsprogramme an den Schulen. Fahnder beobachten allerdings auch, dass sich Kriminelle, die früher Leute auf der Straße überfielen, auf Wohnungseinbrüche verlegt haben, weil hier das Entdeckungsrisiko niedriger ist und niedrigere Strafen drohen.

Als Konsequenz aus all den Entwicklungen will Henkel mehr Polizisten einstellen. In den Nullerjahren seien über tausend Stellen abgebaut worden, sagte er. „Der von mir geschaffene Personalzuwachs ist nur Reparatur.“ Für den nächsten Doppelhaushalt habe er zusätzliche Stellen in dreistelliger Größenordnung angemeldet.