Kritik an Elterntaxis: „Wer sein Kind zur Schule fährt, nimmt ihm die Freiheit“

Zum Schulbeginn in Berlin plant die Polizei 1600 Einsätze. Eine Politikerin fordert radikale Schritte, damit Schüler sicher zum Unterricht kommen.

Bitte langsam fahren! Zum Verkehrssicherheitstag auf dem Tempelhofer Feld hat die Berliner Polizei eine Figur mitgebracht, die Kraftfahrer am Straßenrand zur Vorsicht mahnen soll.
Bitte langsam fahren! Zum Verkehrssicherheitstag auf dem Tempelhofer Feld hat die Berliner Polizei eine Figur mitgebracht, die Kraftfahrer am Straßenrand zur Vorsicht mahnen soll.Berliner Zeitung/Peter Neumann

Die Sommerferien sind vorbei und sie sind wieder unterwegs: die Elterntaxis. Vor vielen Schulen stauen sich morgens Autos, mit denen Mütter und Väter ihre Kinder zum Unterricht bringen. Am Mittwoch hat die Berliner Polizei angekündigt, dass sie in den kommenden Tagen insgesamt rund 1600 Einsätze plant, um Autofahrer auf Regeln hinzuweisen und Knöllchen zu verteilen.

Die Grünen-Verkehrspolitikerin Oda Hassepaß fordert nun, Straßenabschnitte vor Schulen zeitweise zu sperren. „Das kann mithilfe von mobilen Barrieren geschehen, fest eingebaute, versenkbare Poller wären ebenfalls möglich“, sagte sie der Berliner Zeitung. Doch obwohl der Koalitionsvertrag solche „Schulstraßen“ vorsieht, wird es zu diesem Schuljahresbeginn in Berlin nicht eine einzige geben.

Auf Berlins Straßen ist es voller geworden. Die meisten Berliner Kinder und Jugendlichen gehen seit Montag wieder zur Schule. Am nächsten Montag kommen mehr als 37.000 Jungen und Mädchen dazu, die Sonnabend eingeschult werden.

Vor allem in den Außenbezirken werden viele Schüler mit dem Auto zum Unterricht chauffiert. Dafür lassen sich diverse Gründe finden. Zum Beispiel: Die Schule liegt morgens auf dem Weg der Eltern zur Arbeit, oder sie ist verhältnismäßig weit entfernt. Die Zeit drängt und es muss morgens schnell gehen. „Oder es gibt mehrere Kinder, die unterschiedliche Schulen besuchen“, sagt Edgar Terlinden vom Allgemeinen Deutschen Automobilclub (ADAC). In vielen Fällen heißt es auch: Der Fußweg zur Schule ist unsicher, es drohen Gefahren durch Autos.

Beim Verkehrssicherheitstag konnten Kinder lernen, wie man sich um Unfallopfer kümmert. Schüler stellten sich für Übungen zur Verfügung, Reanimationspuppen lagen bereit.
Beim Verkehrssicherheitstag konnten Kinder lernen, wie man sich um Unfallopfer kümmert. Schüler stellten sich für Übungen zur Verfügung, Reanimationspuppen lagen bereit.Berliner Zeitung/Peter Neumann

Damit halten viele Eltern allerdings einen fatalen Kreislauf in Bewegung, sagt Oda Hassepaß. „Elterntaxis sind ein Problem“, sagt die Grünen-Sprecherin für Rad- und Fußverkehr, die Mutter von drei Kindern ist. „Je mehr Eltern ihre Kinder mit dem Auto zum Unterricht bringen, desto größer ist die Gefahr, dass es zu Verkehrsbehinderungen und Unfällen kommt. Das wiederum kann dazu führen, dass noch mehr Eltern ihre Kinder zur Schule fahren – weil es zu gefährlich ist. So setzt sich eine gefährliche Spirale in Gang, was dazu führt, dass kaum noch jemand zur Schule läuft.“

„Zeit nehmen und nicht neben der Ampel über die Straße huschen“

Verkehrserziehung ist ein wichtiges Thema, sagt Berlins Schulsenatorin Astrid-Sabine Busse. „Zeit nehmen und nicht neben der Ampel über die Straße huschen“, rät die SPD-Politikerin den Erstklässlern, die am Mittwoch zum Verkehrssicherheitstag auf dem Tempelhofer Feld gekommen sind. Busse verteilt Reflektoren, die dafür sorgen sollen, dass Kinder im Straßenverkehr besser gesehen werden. Am Stand der Kinderneurologie-Hilfe Berlin/Brandenburg wird den Schülern mithilfe farbiger Hühnereier gezeigt, wie wichtig ein Fahrradhelm ist. An einem anderen Stand können sie anhand von fleischfarbenen Reanimationspuppen lernen, wie man sich um Unfallopfer kümmert.

Es gebe Verkehrsregeln, sagt Mobilitätssenatorin Bettina Jarasch (Grüne), die ebenfalls auf das Tempelhofer Feld gekommen ist. „Aber sie müssen auch eingehalten werden. Deshalb brauchen wir Kontrollen“ – was sich an die Polizei richtet. „Wir haben das Gefühl, dass wir die Verkehrsteilnehmer immer wieder daran erinnern müssen, dass es Schwächere gibt“, ergänzt Polizeivizepräsident Marco Langner.

Bei den Schulwegkontrollen im vergangenen Jahr stellte die Berliner Polizei 6762 Geschwindigkeitsüberschreitungen fest, 2604 Halte- und Parkverstöße vor Schulen wurden geahndet. Auch in diesem Jahr wird es wieder viele Einsätze geben – in der Landespolizeidirektion wird ihre Zahl mit rund 1600 beziffert.

Beim Wort „Elterntaxis“ rollt man dort die Augen. Sie bedeuten eine Menge Arbeit, heißt es. „Es wachsen immer neue Eltern nach“, so ein Polizist. Immer wieder neue Gespräche und Maßnahmen sind erforderlich, auf die längst nicht immer verständnisvoll reagiert werde.

Mobilitätssenatorin Bettina Jarasch verteilt Reflektoren an Erstklässler.
Mobilitätssenatorin Bettina Jarasch verteilt Reflektoren an Erstklässler.dpa/Christoph Soeder

Oda Hassepaß setzt sich dafür ein, das Problem grundsätzlich zu lösen. „Berlin braucht möglichst bald möglichst viele Schulstraßen“, verlangt die Grünen-Abgeordnete aus Pankow. Damit meint sie nicht die Umbenennung von Straßen. Schließlich gibt es in Berlin sieben Straßen, die diesen Namen tragen, hinzu kommen zwei Schulwege und eine Schulgasse. Die Forderung von Hassepaß lautet: Wenn viele Schüler unterwegs sind, sollen Straßenabschnitte vor Schulen vorübergehend für Kraftfahrzeuge gesperrt werden. Dadurch werden sie temporär zu Schulstraßen – so lautet der Fachbegriff.

Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg richtet erste Schulzonen ein

„Schulstraßen werden 30 bis 45 Minuten vor dem Beginn der ersten Stunde für Kraftfahrzeuge gesperrt und damit für andere Verkehrsteilnehmer geöffnet“, erklärt Hassepaß. „Kurz nach dem Beginn des Unterrichts wird die Sperrung wieder aufgehoben und es können wieder Autos fahren.“

Für Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, müsse es Lösungen geben, gibt  die Abgeordnete zu bedenken. Dass sich der Autoverkehr und das gefährliche Ein- und Aussteigen in benachbarte Straßenbereiche verlagern, befürchtet die Grünen-Politikerin nicht. Es gelte, die Spirale, die zu immer mehr Autoverkehr im Umkreis der Schulen führt, zu durchbrechen. „Wenn uns das gelingt, wird der Verkehr zurückgehen, und es wird attraktiver und sicherer, zur Schule zu laufen.“

Doch selbst in Friedrichshain-Kreuzberg, wo man sich als Berliner Vorzeigebezirk der Mobilitätswende versteht, wird es zu diesem Schuljahresbeginn keine Schulstraßen geben. Es fehle an Menschen, die Barrieren aufstellen und wieder wegräumen, heißt es im Bezirksamt. „Es bedarf der Bereitschaft der Schulgemeinschaft, die Sperrung auf Basis einer Kooperationsvereinbarung täglich durchzuführen und zu betreuen. Das Vorgehen ist ähnlich wie bei den temporären Spielstraßen, die ebenfalls von Ehrenamtlichen betreut werden“, erklärt Sprecherin Sara Lühmann. „Bislang konnten wir noch keine Schule für eine derartige Kooperation gewinnen.“

Senatsverwaltung plant Leitfaden zu Schulstraßen in Berlin

Es sei nicht die Aufgabe der Hausmeister, Sperren aufzustellen, gibt Harald Petters von der Senatsbildungsverwaltung zu bedenken. Es müssten andere Lösungen gefunden werden. Mobilitätssenatorin Jarasch kündigt an, dass ihre Verwaltung einen Leitfaden zu Schulstraßen erarbeiten werde. Er soll die Bezirke unterstützen – „damit sie sich trauen“, so die Senatorin. Edgar Terlinden vom ADAC verweist dagegen auf das Modell der Elternhaltestellen, die Autofahrern sichere Halteplätze bieten.

In Friedrichshain-Kreuzberg setzt das Straßen- und Grünflächenamt auf Schulzonen. „Durch deutliche Verkehrsberuhigung vor dem Schuleingang, den Bau von Radbügeln oder die Verbreiterung des Gehwegs sollen die Querungen sicherer gestaltet sowie die Bringe- und Abholsituation entzerrt und sicherer gestaltet werden“, sagt Bezirkssprecherin Lühmann. „Diese Schulzonen sollen in den kommenden Jahren vor allen Grundschulstandorten umgesetzt werden.“

Tempo 20 ist besser als Tempo 30

In diesem Jahr sollen an zwei Standorten im Bezirk Schulzonen eingerichtet werden. „In der Simplonstraße werden Fahrradbügel gesetzt“, kündigt Lühmann an. In der Scharnweberstraße, ebenfalls in Friedrichshain, werden Poller die Fahrbahn verschmälern. Die Fläche soll für Radstellplätze und Sitzbänke genutzt werden.

Sinnvoll seien auch Gehwegvorstreckungen, damit Fußgänger von Kraftfahrern gesehen werden, sowie Berliner Kissen, die den Verkehr bremsen, sagt Oda Hassepaß. Wichtig sind auch Geschwindigkeitsbeschränkungen, die von der Polizei überwacht werden müssen. „Tempo 30 ist da noch zu schnell. Tempo 20 wäre da schon deutlich besser.“

„Wenn die Wege sicher werden, profitieren auch Senioren und andere Erwachsene“, sagt die Abgeordnete. Sie habe ihre Kinder, als sie klein waren, mit dem Rad zur Schule gebracht. Später bewegten sie sich ohne Aufsicht durch den Verkehr. „Wer seine Kinder mit dem Auto zum Unterricht bringt, erhöht nicht nur das Unfallrisiko für andere. Er nimmt seinen Kindern auch Eigenständigkeit und die Möglichkeit, sich zu bewegen und andere Kinder zu treffen. Wer sein Kind zur Schule fährt, nimmt ihm die Freiheit.“