Am Dienstagabend ließ der Ehrenrat des FC Schalke 04 ausrichten, dass der gegen Clemens Tönnies erhobene „Vorwurf des Rassismus unbegründet“ sei. Der Klubchef habe nur „gegen das in der Vereinssitzung verankerte Diskriminierungsverbot verstoßen“. Als Konsequenz werde Tönnies eine dreimonatige Pause einlegen, danach werde er seine Tätigkeit im Aufsichtsrat wieder aufnehmen.
Am Tag zuvor wurde mindestens ein Hakenkreuz entdeckt in Gelsenkirchen, gesprüht auf das Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus im Stadtgarten. „Türken raus!!!“ stand auf den Steinstufen.

Haben diese beiden Meldungen etwas miteinander zu tun? Sicher nicht.
Doch sie zeigen, dass in diesem Land niemand in einem luftleeren Raum redet, wenn er glaubt, der ganzen Welt die Welt erklären zu können.
Clemens Tönnies, 63 Jahre alt, ist mit Schweinen reich geworden, die Firma Tönnies Lebensmittel GmbH & Co. KG gehört zu den größten Fleischproduzenten Europas, 16,6 Millionen Schweineschlachtungen gab es im vergangenen Jahr. 

Klubchef Clemens Tönnies ist kein Klimaexperte

Der Fleisch produzierende Fußballboss ist ein ambitionierter Jäger, er ist erster Vorsitzender des Schützenvereins zu Rheda e. V. von 1833 und hat nach eigenen Angaben „auch in Afrika so ziemlich die gesamte Palette bejagt“.
Bei seiner Rede auf dem „Tag des Handwerks“ in Paderborn erklärte Tönnies vergangene Woche, dass Steuererhöhungen kein angemessenen Mittel sind, um die Erderwärmung zu stoppen, er schlug vor, lieber zwanzig Kraftwerke in Afrika zu finanzieren: „Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren.“ Dafür gab es Pfiffe? Nein, leider Applaus.

Ist Tönnies womöglich ein Klimaexperte oder hat er Regionalwissenschaften studiert? Natürlich nicht. Übrigens: Deutschland ist für mehr Kohlendioxidausstoß verantwortlich als der Kontinent Afrika, der Kongo ist einer unserer wichtigsten Holzlieferanten. 

Clemens Tönnies sitzt seit 1994 im Schalker Aufsichtsrat, seit 2001 ist er Vorsitzender, hat in diesem Zeitraum 23 Profitrainer beschäftigt, Rekordumsätze erzielt und gleichzeitig die Gesamtschulden des Klubs auf 219 Millionen Euro ausgebaut.
Vor zwei Jahren hat Tönnies den seit 2007 bestehenden und von ihm eingefädelten Sponsorvertrag mit dem russischen Staatskonzern Gazprom bis 2022 verlängert; Freundschaftsbesuche der Mannschaft und Fototermine mit Wladimir Putin und gehören zum Deal, vielleicht ja auch das Hunderte Millionen Euro schwere Investment in russische Schlachthöfe.

Wer braucht hier eigentlich wen dringender: Tönnies Schalke oder der Klub seinen Boss? Seit Dienstagabend ahnt man, dass es eine gegenseitige Abhängigkeit ist – und dass sie zu stark geworden ist.

Ehrenrat von Schalke: Rassismus als Diskriminierung gewertet

Der Ehrenrat des Klubs, dem ein früherer Anwalt von Tönnies und vier andere weiße Mitglieder angehören, soll vier Stunden beraten haben, bevor er Rassismus als Diskriminierung wertete. Welcher Ehrbegriff dieser Entscheidung zugrunde liegt, lässt sich aus dem Statement von der Länge einer Kurzmeldung nicht herauslesen. Im Schalker Leitbild steht immerhin: „Wir zeigen Rassismus die Rote Karte und setzen uns aktiv für Toleranz und Fairness ein.“ Offen bleibt zudem die Frage, was der nur gelbverwarnte Tönnies in seiner – von ihm selbst vorgeschlagenen (!) – Auszeit vorhat. Wird er jagen gehen, Kraftwerke bauen oder den feinen Unterschied erkennen zwischen sich entschuldigen und um Entschuldigung bitten?

Tönnies hat sich untragbar gemacht, wie eine Partei sich unwählbar machen kann – oder ein Verein so unbeliebt, dass langjährige Anhänger ihre Mitgliedschaften kündigen. Die aktive Fanszene auf Schalke hat bereits Proteste angekündigt. Viele Kurvengänger verstehen nicht, warum die Macht des Präsidenten stärker ist als die Grundwerte des Vereins es sind. 

Der FC Schalke hat nicht nur sich selbst geschadet, sondern auch dem gesamten Profifußballbetrieb, der immer mehr an Glaubwürdigkeit verliert.