Einweihung der Erweiterungsbauten auf dem Campus Rütli.
Foto:  DAVIDS, Sven Darmer

Berlin/NeuköllnAlles fing an mit einer arabischen Hochzeit mit 300 oder 400 Gästen. Eine ehemalige Schülerin der Rütli-Schule in Neukölln hatte geheiratet und viele ihrer früheren Mitschüler eingeladen. Kurze Zeit später waren der erste Schüler und der erste Lehrer auf dem Campus Rütli coronapositiv. Inzwischen sitzt die halbe Schule zu Hause und dreht Däumchen, denn am Freitag vergangener Woche wurde die gesamte Sekundarstufe 1 und 2 bis nach den Herbstferien in Quarantäne geschickt.

Eine Lehrerin an der Rütli-Schule wies die Berliner Zeitung auf grob fahrlässiges Verhalten des Gesundheitsamts Neukölln bei Massen-Tests auf dem Campus Rütli hin. Am 1. Oktober wurden auf dem Schulhof der Gemeinschaftsschule Corona-Tests in großem Stil durchgeführt. Die Klassen der Jahrgänge 9-13, die sonst im Schulalltag eigentlich getrennte Lerngruppen bilden, wurden zur selben Zeit einbestellt: Die Schüler mussten um elf Uhr morgens antreten und oft bis 15 Uhr auf dem Schulhof ausharren. Durch die Langeweile der Wartesituation waren die Schüler natürlich „zusammengerutscht“, obwohl die Lehrer sich bemühten, sie immer wieder auseinanderzutreiben.

So  befanden sich bis zu 100 Personen über mehrere Stunden in relativ großer Nähe zueinander, auch diejenigen, die wegen direktem Kontakt zu Infizierten schon zuvor in Quarantäne gewesen waren. Das Gesundheitsamt hat angeblich zu wenig unternommen, um die Infektionsgefahr während der Testung zu verringern. Mal forderten sie zur Bildung von Warteschlangen auf, um dann im nächsten Moment die Wartenden zurückzuweisen und doch wieder klassenweise vorzugehen. Als Schüler die Zustände bei der Testung durch Fotografieren dokumentieren wollten, wurden sie von Mitarbeitern des Gesundheitsamtes daran gehindert.

Die Lehrerin hätte erwartet, dass die unterschiedlichen Klassen in verschiedenen Zeitfenstern getestet werden: Die neunte Klasse um 11 Uhr, die zehnte Klasse um 12 Uhr und so weiter. Dem war aber leider nicht so. 

Die Mutter einer Schülerin aus der 11. Klasse hatte ihre Tochter an diesem Tag zu den Tests begleitet. Sie wollte sie in dieser Situation nicht allein lassen und wartete fast vier Stunden vor dem Schultor. Sie beobachtete, wie planlos die drei  bis vier Menschen in Schutzkleidung vorgingen. „Sie hätten diesen Moment erleben müssen, es war fast so, als hätte das Gesundheitsamt zu einer unfreiwilligen Corona-Party eingeladen!“ Die Mutter sagte, sie sei sehr enttäuscht. „Da war null Organisation. Und das ist schließlich keine Lappalie, sondern eine Pandemie. Wir haben die Test-Ergebnisse noch immer nicht. Die Angst sitzt uns im Nacken.“

Die Quarantäne wurde unabhängig von den Testergebnissen angeordnet und mit der Überforderung des Gesundheitsamtes begründet. In einer Mail der Schulleitung vom 3. Oktober hieß es: „Das Gesundheitsamt Neukölln hat verfügt, dass alle Schüler*innen und Mitarbeitenden der Sek I und II bis einschließlich 09.10.2020 quarantänisiert sind. Der Grund dafür ist nicht eine Verschlimmerung unserer Situation, sondern lediglich die Überlastung des Gesundheitsamtes bei der Nachverfolgung der Fälle“.

Der Neuköllner Bezirksstadtrat Falko Liecke und der Amtsarzt Nikolai Savaskan finden die Kritik zu hart. Die Organisation der Tests sei nicht perfekt gewesen. Es hätte auch ein paar pubertierende Jugendliche gegeben, die gegen ihren Lehrer rebelliert und sich nicht genug an die Abstandsregeln gehalten hätten. „Doch die verschiedenen Klassen in verschiedenen Zeitfenstern einzubestellen und die Schüler während der Tests getrennt zu halten, das wäre Aufgabe der Schulleitung gewesen. Wir sind als Dienstleister gekommen, um die Tests durchzuführen.“

Nikolai Savastan betonte, dass es jetzt in Neukölln auf etwas andere ankäme: Nämlich die Infektionsketten zu durchbrechen. Bei der Rütli-Schule gehe er davon aus, dass das Infektionsgeschehen durch die verhängte Quarantäne gestoppt sei.  Aber an anderen Orten, an anderen Schulen bestehe noch Handlungsbedarf.