Die Turmspitze der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche auf dem Breitscheidplatz: Von dem ursprünglichen Gotteshaus blieb nur die Ruine des Hauptturmes, den manche Berliner „Hohlen Zahn“ nennen.
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Berlin-CharlottenburgDas Bauwerk ist eines der berühmtesten Wahrzeichen der Stadt. Noch immer gilt es als das Aushängeschild des Berliner Westens, ist zugleich Mahnmal gegen Krieg und Terror. Millionenfach ging sein Bild um die Welt, vor allem in Form von Ansichtskarten. Und Touristen staunen, wenn echte Berliner das göttliche Haus als „Hohlen Zahn“ bezeichnen. Die Rede ist von der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, deren 125. Geburtstag nun ansteht.

Lesungen, Konzerte, Andachten finden in den kommenden Tagen statt. „Und am Wochenende gibt es vor der Kapelle für alle, die mitfeiern wollen, Kaffee und Kuchen“, sagt Pfarrer Martin Germer, dessen Gemeinde 2600 Mitglieder zählt. Höhepunkt der Feierlichkeiten ist der Festgottesdienst am Sonntag.

Man wird sich an die wechselvolle Geschichte der Gedächtniskirche erinnern. So manche Details werden sogar echte Berlin-Kenner erstaunen lassen. Etwa, dass die Kirche, die am 1. September 1895 auf dem damaligen Gutenbergplatz (heute Breitscheidplatz) eingeweiht wurde, schon fast drei Jahrzehnte später zu einem „Verkehrsproblem“ wurde und abgerissen werden sollte.

Die starke Automobilisierung in den Goldenen Zwanzigern wurde zum Problem. Um das Gotteshaus fuhren jede Menge Pkw und die Straßenbahn herum. Es gab ernsthafte Forderungen, die Kirche abzureißen, weil sie angeblich den Autofahrern im Weg stand. Daneben störte das Gotteshaus den Bau der Berliner Hochbahn. Die sollte ursprünglich überirdisch bis zum Kudamm führen. Um unter anderem den freien Blick auf die Gedächtniskirche weiter zu gewährleisten, wurden die Pläne geändert. Daher fährt die Hochbahn am Nollendorfplatz in den Untergrund.

Der Auftrag für den Kirchenbau wurde 1891 von Kaiser Wilhelm II. (1859–1941) erteilt. Damit wollte er seinen Großvater Kaiser Wilhelm I. ehren, der drei Jahre zuvor gestorben war. Ursprünglich sollte die Kirche auf dem Wittenbergplatz entstehen. Doch während die Schöneberger Geld forderten, stellten die Charlottenburger den heutigen Breitscheidplatz gratis zur Verfügung.

Ein Kölner baut das Berliner Gotteshaus

Ein gebürtiger Kölner entwarf die Kirche. Architekt Franz Schwechten (1841–1924), der bereits in Berlin mit dem Neubau des Anhalter Bahnhofes überzeugt hatte, nahm für das Gotteshaus Kirchen aus dem Rheinland zum Vorbild – etwa das Bonner Münster.

Dass in Berlin Großbauprojekte nicht rechtzeitig beendet werden, war schon vor 125 Jahren so. Bei der Einweihung der Gedächtniskirche war das Bauwerk nicht wirklich fertig. Die aufwendige Innengestaltung mit Mosaiken, Glasfenstern, Stauen und Reliefs zogen sich hin. Erst 1906 war die Kirche richtig fertig. Der Bau kostete 6,4 Millionen Reichsmark – das Zehnfache der ursprünglichen Summe. Die zahlten nicht die kaiserlichen Familienmitglieder, sondern Spender und die deutschen Einzelstaaten.

Die Kirche hatte am Ende fünf Türme. Der Hauptturm war damals mit seinen 113 Metern der höchste in der Stadt. Der fast 147 Meter hohe Funkturm wurde erst 1926 fertig.

Wuchtig waren auch die fünf Glocken. Nur fanden sie nicht überall Anklang. Laut Berichten aus den 20er-Jahren wurden die Wölfe im nahen Zoo unruhig, fingen zu heulen an, wenn sie das Geläut der Gedächtniskirche vernahmen.

Ironie des Schicksals: Die fünf Glocken wurden aus der Bronze eingeschmolzener Kanonen aus dem Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) gegossen. 1943 nahm man vier ab, um aus ihnen wieder Kriegsmaterial für den Zweiten Weltkrieg herzustellen. Einzig die kleine Glocke blieb.

Sie wurde, wie die gesamte Gedächtniskirche, bei den britischen Luftangriffen im November 1943 zerstört. Das Gotteshaus geriet in Brand. Nach dem Krieg ließ man nur die markante Ruine des 73 Meter hohen Hauptturmes stehen – als Mahnmal gegen den Krieg. Die Berliner nannten sie liebevoll „Hohler Zahn“. An der Ruine wurden später einzig die Turmuhren modernisiert. Von einer klauten Unbekannte 1971 den Minutenzeiger. Man fand ihn im Tiergarten wieder.

Vier Monate nach dem Bau der Berliner Mauer wurde 1961 der Kirchenneubau fertig. Den modernen Glockenturm und das Kirchenschiff nannten die Berliner schon fast respektlos „Lippenstift und Puderdose“. Aus gutem Grund: Architekt Egon Eiermann wollte für die neuen Kirchenbauten die alte Turmruine abreißen lassen.

Bei den Feierlichkeiten wird man sicher daran erinnern, dass auch der Neubau ein Gedenkort geworden ist. Auf den Treppenstufen, die zu ihm führen, sind die Namen von zwölf Menschen zu lesen. Sie starben am 19. Dezember 2016, als der islamische Terrorist Anis Amri mit einem Lkw den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche verübte.