Der mutmaßliche Kudamm-Raser Marvin N. bleibt in Untersuchungshaft – obwohl der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe das Mordurteil gegen den 26-Jährigen und seinen mutmaßlichen Mittäter Hamdi H. Anfang März dieses Jahres aufgehoben und das Verfahren an eine andere Schwurgerichtskammer des Berliner Landgerichts zurückverwiesen hatte. Die jungen Männer hatten bei einem illegalen Autorennen im Februar 2016 einen unbeteiligten Autofahrer getötet.

„Die nun zuständige Schwurgerichtskammer hat die Fortdauer der Untersuchungshaft aus den Gründen ihrer Anordnung beschlossen“, sagte Sebastian Abel, der Sprecher der Berliner Strafgerichte, am Dienstag. Das bedeutet: Die 40. Große Strafkammer unter dem Vorsitzenden Richter Peter Schuster hat den Antrag, den Haftbefehl aufzuheben, abgelehnt. Sie sieht bei Marvin N. weiterhin einen dringenden Tatverdacht des Mordes sowie Fluchtgefahr.

Die Kammer bezieht sich in dem Ablehnungsbeschluss auf die „Gründe des Urteils des Landgerichts Berlin“ – wohlwissend, dass das Urteil von den Karlsruher Richtern aufgehoben worden ist. Die Kammer sei aber überzeugt, dass sich die Feststellungen, die die 35. Große Strafkammer getroffen hatte, in einem neuen Prozess in den entscheidungserheblichen Punkten bestätigen werde.

Mittäterschaft bei Marvin N.

Hamdi H. und Marvin N. hatten sich in der Nacht zum 1. Februar 2016 mit ihren PS-starken Fahrzeugen ein Autorennen über eine 3,4 Kilometer lange Strecke, die über den Kurfürstendamm bis zur Tauentzienstraße führte, geliefert. Die zu diesem Zeitpunkt 26 und 24 Jahre alten Angeklagten waren dabei, so stellten die Richter später fest, über mehrere rote Ampeln gerast. Der Fahrer eines Jeeps, der in dem Moment von der Nürnberger Straße bei Grün in die Tauentzienstraße einbog, hatte keine Chance. Der Audi A 6 von Hamdi H. krachte mit Tempo 160 bis 170 ungebremst in den Geländewagen des 69-Jährigen. Der Jeep schleuderte durch die Wucht des Aufpralls 70 Meter durch die Luft. Der Fahrer starb noch an Ort und Stelle.

Die 35. Große Strafkammer verurteilte die mutmaßlichen Todesraser im Februar 2017 wegen Mordes zu lebenslanger Haft – erstmals in der deutschen Rechtsgeschichte. Die Angeklagten hätten mit bedingtem Tötungsvorsatz gehandelt, den sie in der Crash-Kreuzung gefasst hätten. Bei Marvin N., der nicht unmittelbar in dem Unfall verwickelt war, sahen die Richter eine Mittäterschaft. Die Fahrzeuge der Angeklagten erklärten sie zu Mordwerkzeugen.

Gegen das Urteil legten die verurteilten Männer Revision beim BGH ein. Mit Erfolg: Am 1. März dieses Jahres hoben die obersten deutschen Strafrichter das Urteil mit allen Feststellungen auf. Sie schlossen zwar nicht aus, dass es sich bei der Tat um einen Mord gehandelt haben könnte, sie vermissten jedoch Belege für den Tötungsvorsatz. Der müsse gefasst werden, wenn die Täter noch handeln könnten. Das Landgericht hatte in seinem Urteil aber erklärt, dass die Angeklagten nicht mehr reaktionsfähig gewesen seien, als sie in die Kreuzung zur Nürnberger Straße rasten. Sie hätten zu dieser Zeit nicht mehr bremsen oder dem einbiegenden Jeep ausweichen können.

Marvin N. und Hamdi H. weiterhin in Haft

Die nunmehr zuständige 40. Große Strafkammer geht in ihrem Beschluss gegen die Haftentlassung von Marvin N. davon aus, dass die Angeklagten den Vorsatz schon in der Kurve vor der Unfallkreuzung gefasst und damit noch Zeit gehabt hätten, zu reagieren. Zudem nehmen die neuen Richter mit hoher Wahrscheinlichkeit an, dass die neue Hauptverhandlung bei Marvin N. sehr wohl ein mittäterschaftlich begangenes vorsätzliches Tötungsdelikt ergeben werde.

Rainer Elfferding, der Verteidiger von Marvin N., hatte vor zwei Wochen den Antrag gestellt, seinen Mandanten aus der U-Haft zu entlassen – weil eine Verurteilung wegen mittäterschaftlichen Mordes nicht ernsthaft zu erwarten sei.

Am Dienstag zeigte sich der Verteidiger von der Entscheidung, seinen Mandanten hinter Gitter zu belassen, tief enttäuscht. „Dieser Beschluss ist eine Ohrfeige für den BGH, der das erstinstanzliche Urteil samt seiner Feststellungen aufgehoben hat“, sagte er. Es sei nunmehr offensichtlich, was die Kammer vorhabe.

Da Marvin N. und Hamdi H. nun weiterhin in Haft sitzen, gilt das Beschleunigungsprinzip. Das bedeutet, dass die 40. Große Strafkammer „zügig“ einen neuen Termin für den Prozess finden muss. Die Hauptverhandlung gegen die Kudamm-Raser werde vermutlich im Sommer, wahrscheinlich aber nicht vor Mitte Juli beginnen, hieß es.