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KarlsruheIm Saal E 101 ist jeder Platz besetzt. Zumindest jeder verfügbare. Auf den meisten Stühlen liegt ein Zettel mit der Aufschrift: Bitte freihalten. Es ist schwierig, an diesem Donnerstag hineinzukommen in diesen größten Saal des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe. Vor einer Woche mussten sich die Zuhörer, die zu der Verhandlung zugelassen werden wollten, anmelden. Nun sitzen auf den 32 Presseplätzen lediglich acht Journalisten. Jeweils drei Stühle sind frei zwischen ihnen. Die Verhandlung wird in einen anderen Saal übertragen, damit jeder dem Prozess folgen kann. Die Maßnahmen sind strikt, aber aufgrund der Coronavirus-Krise verständlich.

Das Virus hält auch das baden-württembergische Karlsruhe im Griff. Fast alle Hotels sind geschlossen, Bahnen fahren mit verkürzter Zugfolge, Prozesse am Bundesgerichtshof werden verschoben. Doch dieses Verfahren verlangt nach einer Entscheidung. Deswegen ist das Interesse auch in Corona-Zeiten so groß.

Seit vier Jahren sitzen Hamdi H. und Marvin N., die sogenannten „Kudamm-Raser“, in Untersuchungshaft. Wegen mutmaßlichen Mordes. Sie sollen bei ihrem illegalen Autorennen über den Kurfürstendamm und die Tauentzienstraße einen unbeteiligten Autofahrer getötet haben: den 69 Jahre alten Michail Warshitsky. Bisher gibt es gegen die beiden Raser kein rechtskräftiges Urteil. Und es sieht auch so aus, als wenn es so bleiben würde.

Zweimal schon wurden Hamdi H. und Marvin N. vom Berliner Landgericht zur Höchststrafe verurteilt. Das Urteil lautete jedes Mal: Mord. Die Täter hätten heimtückisch gehandelt und einen gemeingefährliche Gegenstand benutzt: das Auto als Waffe.

Doch nach jeder Entscheidung gingen die Verteidiger gegen den Rechtsspruch vor. Und es scheint, als wären sie auch diesmal erfolgreich. Der Bundesgerichtshof meldet in seiner Verhandlung seine massiven Zweifel an dem Urteil an. Und zumindest für einen der Raser, Marvin N., scheint eine baldige Haftentlassung möglich. Sogar die Bundesanwaltschaft hat gefordert, den Haftbefehl gegen Marvin N. aufzuheben.

War es Mord oder fahrlässige Tötung?

Vier Verteidiger der Angeklagten sind anwesend und drei Anwälte der Nebenkläger. Sie alle dürfen noch einmal ihre Sicht darlegen. Hamdi H. und Marvin N., zur Tatzeit 26 und 24 Jahre alt, sind nicht im Saal. Aber Hamdi H., der mutmaßliche Haupttäter, wäre es wohl gerne. Sieben Mal ruft er während der 90 Minuten dauernden Sitzung des 4. Strafsenats an, will von seinem Verteidiger erfahren, wie die obersten Strafrichter nun entschieden haben.

„Klar geht es ihm nicht gut in Haft, er will wissen, wie es weitergeht. Er will einfach nur noch raus aus dem Gefängnis“, sagt Peter Zuriel, der Anwalt von Marvin N. Deswegen habe er auch beantragt, dass der Fall zur Neuverhandlung an eine andere Schwurgerichtskammer in Berlin zurückverwiesen werde. Das fordern auch die Verteidiger von Hamid H., weil sie in dem Urteil gegen ihren Mandanten gravierende Rechtsfehler sehen.

Doch wie geht es weiter? Die fünf Richter des Senats sind sich über den Fall offenbar nicht einig. Sonst würden sie in diesen Zeiten nicht verhandeln, sondern die Revision als unbegründet verwerfen oder zulassen. Sie haben an diesem Tag viele Fragen, die sie sowohl an die Bundesanwältin, die Verteidiger als auch die Anwälte der Nebenkläger richten. Und mit denen sie klar machen, dass sie massive Zweifel an der Verurteilung der Kudamm-Raser haben. War der Tod von Michail Warshitsky Mord oder lediglich fahrlässige Tötung? Warum nahm das Berliner Landgericht Heimtücke als Mordmerkmal an? Nur, weil auf der rasanten Fahrt über offenbar rote Ampeln ein zufällig abbiegender Autofahrer sterben musste?

Und weitere Fragen stellt die Vorsitzende Richterin Beate Sost-Scheible: War es für die Angeklagten vorhersehbar, dass Michail Warshitsky mit seinem Auto bei rechts abbiegen würde? War für Hamdi H. und Marvin N. erkennbar, dass die Raserei auch für sie tödliche Folgen hätte haben könne? Und wenn ja, warum war Hamdi H., der das Rennen unbedingt gewinnen wollte, nicht angeschnallt? Vertraute er, der 2010 schon einmal einen schweren Unfall verursachte, auf die Technik, die Airbags in seinem Auto? Und musste das Landgericht andere Unfallszenarien ins Auge fassen?

In der Nacht zum 1. Februar 2016 sollen sich Hamdi H. und Marvin N. mit ihren hochmotorisierten Autos ein Stechen, so werden Autorennen in der Szene genannt, geliefert haben. An einer roten Ampel am Adenauerplatz sollen sie sich verabredet haben, durch aufheulende Motoren. Das Rennen ging laut Anklage über eine Strecke von 3,4 Kilometern über Teile des Kurfürstendamms und der Tauentzienstraße. Es führte über 20 Kreuzungen, 13 davon sollen durch Ampeln geregelt gewesen sein. Marvin N. soll zunächst noch bei Rot gehalten, dann aber auch die Ampeln missachtet haben.

Schließlich sollen beide mit ihren Fahrzeugen rund das Dreifache der erlaubten Geschwindigkeit gefahren sein. An der Ecke Tauentzienstraße/Nürnberger Straße war das Stechen vorbei. Der Audi S 6 von Hamdi H. krachte mit vermutlich 160 Kilometern pro Stunde – erlaubt ist dort Tempo 50 – in den Jeep von Michail Warshitsky.

Der Arzt im Ruhestand, der von seiner Lebensgefährtin nach Hause fahren und bei Grün in die Tauentzienstraße abbiegen wollte, hatte keine Chance. Der Audi von Hamdi H. erfasste den Jeep des 69-Jährigen ungebremst. Das Fahrzeug wurde durch die Wucht des Aufpralls rund 70 Meter weit durch die Luft gewirbelt. Der Jeep, so heißt es in einem Gutachten, sei auf der Fahrerseite „quasi durchstoßen“ worden. Michail Warshitsky war sofort tot. Der Obduktionsbefund zählt zahlreiche Knochenbrüche, Schädelverletzungen und Organzerreißungen auf.

Haben die Angeklagten aus niedrigen Beweggründen gehandelt?

Die Retter vor Ort sprachen von einem Trümmerfeld wie nach einem Terroranschlag. Es sei nur ein Zufall gewesen, dass keine weiteren unbeteiligten Personen verletzt oder gar getötet worden seien.

Hamdi H. und Marvin N. waren in einem ersten Prozess vor dem Berliner Landgericht wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden – ein Novum in der bundesdeutschen Rechtsgeschichte bei Prozessen gegen Raser. Die Richter sahen mehrere Mordmerkmale. So sei ein gemeingefährliches Mittel zum Einsatz gekommen – das Auto als Mordwaffe. Zudem sahen die Richter einen bedingten Tötungsvorsatz. Die Angeklagten hätten den Tod einen Menschen billigend in Kauf genommen.

Im Jahr 2018 allerdings hob der Bundesgerichtshof das Urteil auf. Die Begründung für das Mordurteil reichte den obersten Strafrichtern nicht. Vor allem der Tötungsvorsatz schien den Juristen nicht ausreichend belegt. Sie verwiesen den Fall zur erneuten Verhandlung an eine andere Kammer des Berliner Landgerichts zurück. Diese Schwurgerichtskammer kam im März 2019 zum selben Urteil wie die erste Instanz.

Die Begründung schien unantastbar. Die Täter hätten aus niedrigen Beweggründen gehandelt, um ihren Raser-Ego „kurzfristig“ zu befriedigen, so die Richter des Berliner Landgerichts. Hinter der Kurve an der Gedächtniskurve hätten die Angeklagten die 250 Meter entfernte rote Ampel an der Tauentzienstraße/Ecke Nürnberger Straße gesehen.

90 Meter vor dem tödlichen Crash habe Marvin N. erkannt, dass er sein Fahrzeug noch hätte stoppen können. Doch der junge Mann habe das Rennen unbedingt gewinnen wollen. Zu diesem Zeitpunkt, so die Richter in Berlin, hätten die beiden Teilnehmer des Autorennens den Tötungsvorsatz getroffen, Gas gegeben und jedes Risiko ausgeblendet. Ein Menschenleben sei den Angeklagten somit egal gewesen. Der Audi von Hamdi H. sei zu „einem Projektil mit unglaublicher Zerstörungskraft“ geworden, als er in den Wagen von Michail Warshitsky krachte.

Der Fall sorgte für eine Gesetzesänderung. Der Paragraf 315d wurde ins Strafgesetzbuch aufgenommen. Danach ist schon die Teilnahme an illegalen Autorennen nicht mehr nur eine Ordnungswidrigkeit, sondern ein Verbrechen.

Der Bundesgerichtshof hat bereits ein illegales Autorennen mit tödlichem Ausgang als Mord erkannt. Doch jeder Fall müsse individuell betrachtet werden, so die Vorsitzende Richterin Sost-Scheible am Donnerstag. Ob der Fall der Kudamm-Raser als Mord bewertet werden kann, darüber werden die Richter des Bundesgerichtshofs erst Mitte Juni entscheiden.

Maximilian Warshitsky, der Sohn des getöteten Autofahrers, ist am Donnerstag nicht in Karlsruhe erschienen. Er habe gewusst, dass es keine Entscheidung geben werde, sagt er. Für ihn aber besteht kein Zweifel. „In meinen Augen sind die beiden Angeklagten Mörder, und das Urteil gegen sie ist nur gerecht“, sagt der 39-Jährige der Berliner Zeitung. Hamdi H. und Marvin N. hätten den Tod des Vaters billigend in Kauf genommen.

Warshitsky versteht nicht, warum die Bundesanwaltschaft nun fordere, den Haftbefehl gegen Marvin N. aufzuheben. Marvin N. habe nicht weniger Schuld am Tod des Vaters als Hamdi H., sagt Maximilian Warshitsky. „Marvin hat das ganze Rennen gepusht. Er hätte 90 Meter vor dem Unglücksort bremsen und damit zeigen können, dass er kein Rennen mehr fahren will.“ Dann, so glaubt, Warshitsky, wäre es auch nicht zu dem tödlichen Crash gekommen.

Letztlich sei es ihm aber mittlerweile egal, wie der Bundesgerichtshof entscheide. Nach vier Jahren will er nur eines: abschließen können.