Helfer mit Herz: „Manchmal geht es um 100 Euro, die den Eltern schwerfallen“

Der Berliner Unternehmer Mario Ruder finanziert Weihnachtsfeiern für krebskranke Kinder im Krankenhaus, erfüllt die Wünsche der jungen Patienten und hört zu.

Mario Ruder bei der Weihnachtsfeier der Kinderonkologie im Helios-Klinikum Berlin-Buch.
Mario Ruder bei der Weihnachtsfeier der Kinderonkologie im Helios-Klinikum Berlin-Buch.Sabine Gudath

Er verschenkt Glücksmomente und Zeit und Weihnachtsfeiern, je nachdem, was gebraucht wird. An diesem Dezembernachmittag geht es um alles: um Weihnachten, um Zeit, um Glück. Und natürlich um Geschenke. Gefeiert wird auf der Station für Kinderonkologie im Helios-Klinikum Berlin-Buch. Mario Ruder, Unternehmer aus Lichtenberg, der seit langem schwer kranke Kinder und Jugendliche unterstützt, ist mit dabei, er finanziert das Fest über den Verein Kolibri.

Ruder, 53 Jahre alt, graue, kurze Haare, Bart, sitzt mit seinen Gästen am Tisch. Neben ihm liegt ein Leinenbeutel, in dem ist für ein 17-jähriges Mädchen ein iPad verborgen, das er nachher persönlich überreichen will. Die Schülerin ist an Lymphdrüsenkrebs erkrankt und muss sich Anfang Januar einer Stammzellentherapie unterziehen. Sie muss dann isoliert werden und nicht komplett von der Außenwelt abgeschnitten sein.

Mario Ruder übernimmt nicht nur die 4500 Euro für die Weihnachtsfeier, er erfüllt auch das ganze Jahr über Wünsche. Viele Wünsche. Die Küche auf der Kinderonkologie, in der regelmäßig Kochkurse vom Kolibri-Verein für die Kinder veranstaltet werden,  hat er beispielsweise einbauen lassen und komplett selbst finanziert; sie kostete 30.000 Euro. Er hilft auch bei der Anschaffung der Lernroboter für Schülerinnen und Schüler, die aufgrund ihrer schweren Erkrankungen keinen Präsenzunterricht besuchen können. 5000 Euro kostet ein Lernroboter, Ruder hat schon vier davon bezahlt.

Viele Eltern schwerkanker Kinder hätten wenig Geld zur Verfügung

Zuletzt war er im Oktober mit einem Jungen im Fußballstadion in der Alten Försterei, um ihm den Besuch eines Fußballspiel von Union zu ermöglichen. Ruder verschenkt zudem Spielkonsolen, Laptops, Tablets und Smartphones, um die Kinder von ihrem Leid abzulenken. Viele Eltern schwer kranker Kinder haben wenig Geld zur Verfügung. Häufig muss ein Elternteil vorübergehend den Job aufgeben, um die Tochter oder den Sohn rund um die Uhr pflegen zu können. „Manchmal geht es nur um 100 Euro, die schwerfallen“, sagt Mario Ruder. 

Er hat selbst drei Kinder, zwei davon sind schon erwachsen, seit sechs Wochen ist er Großvater. Er betreibt ein Küchenunternehmen mit sieben Filialen in Berlin, Köln und Hamburg. „Ruderküchen und Hausgeräte“ wurde von seinen Eltern 1995 gegründet und 2003 übernahm er die Geschäftsführung. Seine Frau und inzwischen auch seine 31-jährige Tochter sind ebenfalls dabei, kümmern sich um Marketing, Controlling und den Verkauf. Der Schwiegersohn, gelernter Koch, kümmert sich um Kochevents in Ruders Filialen. Er hat bei der Weihnachtsfeier das Essen organisiert.

Der 13-jährige Tom freut sich über sein Gänsekeule. 
Der 13-jährige Tom freut sich über sein Gänsekeule. Sabine Gudath

Roman Maaßen hat 250 Gänsekeulen mit Klößen und Rotkohl und 250 Desserts, Crepés mit Apfelmus und Vanillesoße, aufgetischt. Er serviert einer Mutter eine der Gänsekeulen für ihren bettlägerigen Sohn Tom. Während Maaßen die Beilagen zusammenstellt, erzählt die Mutter von ihren Sorgen. Mario Ruder steht neben ihr und hört ihr aufmerksam zu. Tom, 13 Jahre, ist schwer an Lymphdrüsenkrebs erkrankt und die Chemotherapie muss ausgesetzt werden, weil er sie nicht verträgt.

Julius kann seine Gänsekeule nicht zusammen mit den anderen Kindern essen. Er ist zu schwach, um aufzustehen. Trotzdem freut er sich über die Abwechslung zum Kantinenessen. Er trägt eine blinkende Weihnachtsmütze. Auf seinem Nachttisch stehen ein Hertha-Weihnachtsmann aus Schokolade mit selbst gehäkelten Fußwärmern und ein Kalender. Ein Hertha-Trainer sitzt an seinem Krankenbett. Er hat die Geschenke mitgebracht und verteilt auch Spieler-Trikots an die kranken Kinder der Station. Der Verein ist ebenfalls seit vielen Jahren bei der Weihnachtsfeier im Boot.

Mario Ruder holt jetzt das iPad aus dem Leinenbeutel und überreicht es Sophie. Das Mädchen aus Wandlitz freut sich, sagt: „Für mich ist das eine große Erleichterung. Mit dem Tablet kann ich auch während der Stammzellentherapie mit meinen Mitschülern und Freunden kommunizieren.“ Sophie hat Angst vor der Behandlung. Eine Stammzellentherapie verbirgt Risiken. Weil der Körper sehr geschwächt wird, muss Sophie über mehrere Wochen in einer keimfreien Umgebung sein und darf in dieser Zeit keinen Besuch bekommen.  

Solche Schicksale berühren den Unternehmer. Als er das erste Mal zu Besuch auf der Station war, seien ihm die Tränen gekommen, sagt er. Weil ihm das so nahe gegangen sei. Er hat auch schon schmerzvoll miterlebt, dass Kinder wenig später starben, zu denen er einen Bezug aufgebaut hatte. „In solchen Momenten ist man besonders dankbar, dass es der eigenen Familie gut geht.“

Fördervereine ermöglichen Ablenkung

Der Kolibri-Verein und Sponsoren wie Mario Ruder sind nicht die einzigen Unterstützer der Kinderonkologie.  Patrick Hundsdörfer, Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin, im Helios Klinikum Berlin-Buch, der auch auf der Weihnachtsfeier war, ist sehr dankbar über die Hilfe von Fördervereinen und gemeinnützigen Organisationen wie Kolibri, Icke in Buch und Kinderlächeln.  Er sagt: „Um den kleinen Patienten die Angst zu nehmen und die Langeweile zu vertreiben, kommen regelmäßig Klinik-Clowns zur Visite, werden bunte Aktionen geboten, oder prominente Köche kochen gemeinsam mit den Kindern auf Station.“ Solche Aktivitäten, die Ablenkung und Freude auf die Stationen bringen, seien wichtig für die Kinder.

Der gebürtige Lichtenberger muss das Familienunternehmen gerade durch unsichere Zeiten steuern. Erst machte die Corona-Krise seiner Branche zu schaffen, nun sind es Energiekrise und Inflation. „Momentan ist es sehr anstrengend und wir haben verstärkt mit Lieferkettenproblemen zu kämpfen“, erklärt er. „Ich habe einen engen Zeitplan, bin oft auf Reisen. Kein Arbeitstag endet vor 20 Uhr.“

Trotzdem nimmt sich Ruder immer noch die Zeit dafür, anderen Menschen zu helfen. Und dem Verein Kolibri. Vor zehn Jahren traf er den Kolibri-Mitarbeiter Andreas Landgraf zum ersten Mal am Rande eines Fußballplatzes, auf dem ihre Söhne trainierten. „So kamen wir ins Gespräch und Andreas fragte mich, ob ich die ehrenamtliche Arbeit ihres Vereins finanziell mit unterstützen kann.“ Mario Ruder sagte ihm sofort Hilfe zu. Eine spontane Entscheidung, die auch Ruders eigenes Leben verändert hat. In der Arbeit mit den krebskranken Kindern fand er einen zusätzlichen Sinn. „Ich bin kein Mediziner und kann die Kinder nicht heilen. Ich kann nicht viel tun, außer diese Glücksmomente zu schaffen“, sagt er bescheiden.