Kündigung wegen Umbau der Wohnung: „Uns wird alles genommen, nach 23 Jahren in Berlin“

Die Schauspielerin Halima Ilter dreht mit Kinostars. Von einer Gage ließ sie die Mietwohnung ihrer Mutter in Berlin renovieren. Es folgte ein Albtraum.

Die Schauspielerin Halima Ilter in der Wohnung ihrer Mutter in Berlin-Schöneberg. Der Familie wurde nach 23 Jahren der Mietvertrag gekündigt.
Die Schauspielerin Halima Ilter in der Wohnung ihrer Mutter in Berlin-Schöneberg. Der Familie wurde nach 23 Jahren der Mietvertrag gekündigt.Sebastian Wells/Ostkreuz

Halima Ilter öffnet die Tür im Steppmantel, unter dem sie einen blauen Rollkragenpullover trägt. Sie führt durch die Wohnung, zeigt das neu gemachte Bad mit dem Boden aus schwarzem Naturstein, das gleich am Eingang liegt, die Wände schwarz gestrichen wie in einem modernen Hotel, „Badewanne, Waschbecken, WC sind auch ganz neu“, sagt sie. Flur und Räume sind frisch verputzt und weiß gestrichen, der Stuck an den Decken ist aufgearbeitet, die Marmorfliesen sind neu gemacht. Man könnte Ilter für eine Maklerin halten, zumal kaum Möbel in den Räumen stehen. Aber sie zeigt kein seltenes Juwel auf dem Berliner Wohnungsmarkt. Sie führt durch den Traum ihrer Familie, der sich in einen Albtraum verwandelt hat.

Die Wohnung ihrer Familie, die sie gerade komplett renoviert haben, auf eigene Kosten. Und aus der sie nun raus sollen. Nach 23 Jahren. Renovierung und Rauswurf hängen direkt miteinander zusammen.

Berliner Zeitung. Porträt: Sebastian Wells/Ostkreuz

Ende 1999 zog ihre Familie hier ein. Ein Altbau in Berlin-Schöneberg, vier Zimmer, 128 Quadratmeter für die Eltern und sieben Kinder. Eine „komplette Bruchbude“ damals, sagt Ilter. Der Vater renovierte sie, das war damals Teil des Mietvertrags. Nun, fast 23 Jahre später, war wieder eine Generalüberholung fällig. Die Kinder konnten sich das jetzt leisten, vor allem Halima Ilter, die eine erfolgreiche Schauspielerin geworden ist. Sie dreht gerade einen Film mit Kida Khodr Ramadan und Frederick Lau, den Stars aus der Serie „4 Blocks“, in der nächsten Woche steht sie für den „Usedom-Krimi“ der ARD vor der Kamera. Im letzten Jahr hatte sie einen guten Auftrag für den Streamingkanal Disney+. Einen Großteil der Gage habe sie in die Renovierung gesteckt, sagt sie.

Ausgerechnet damit sollen sie die Wohnung verspielt haben. Sie stehe unter Schock, sagt Halima Ilter. „Ich wollte doch nur meiner Mama etwas Gutes tun.“ Als alles fast fertig war, sie gerade neue Möbel kaufen wollten, kam im Mai die Kündigung des Mietvertrags. Als Grund gab die Hausverwaltung „ungenehmigte Baumaßnahmen“ an.

Man kann Mietern in Deutschland nicht einfach kündigen, schon gar nicht nach 23 Jahren. Aber wer in einer Mietwohnung nicht nur die Wände tapezieren, sondern Umbauten vornehmen will, braucht eine Genehmigung des Vermieters. Wer sie nicht einholt, geht ein Risiko ein. In der Praxis komme es in Berlin aber zum Glück selten vor, dass Mieter gekündigt werden, weil sie keine Genehmigung für einen Umbau hatten, sagt Wibke Werner, Geschäftsführerin des Berliner Mietervereins. Die Hürden für eine Kündigung seien hoch. „Eigentlich muss der Vermieter zunächst den Rückbau verlangen, bevor er die Kündigung ausspricht“, sagt Werner.

Das Viertel am S-Bahnhof Schöneberg, in dem alle Mitglieder der Familie Ilter in Berlin leben.
Das Viertel am S-Bahnhof Schöneberg, in dem alle Mitglieder der Familie Ilter in Berlin leben.Sebastian Wells/Ostkreuz

Eigentlich. Halima Ilter sagt, ein Rückbau sei von ihrer Familie nie verlangt worden. Das Kündigungsschreiben der Hausverwaltung wirft ihrer Familie vor, eine „Gefährdung der Mietsache“ herbeigeführt zu haben. Es sei „in die Bausubstanz erheblich eingegriffen“ worden. Es geht vor allem um die neuen Böden in Bad und Küche. Die Familie zog vor Gericht, doch Ende Oktober entschied das Amtsgericht Schöneberg: Die Kündigung ist rechtmäßig. Die Wohnung muss bis Ende Februar geräumt werden.

Nachts liege sie seitdem wach, sagt Halima Ilter. Ihre Mutter, einer ihrer Brüder und dessen kleiner Sohn leben noch fest in der Wohnung. Sie verlören ihr Zuhause. Außerdem wäre die Investition für die aufwändige Renovierung, „mehr als 50.000 Euro, für die alle zusammen gelegt haben“, verloren. Die Wohnung ist der Lebensmittelpunkt der ganzen Familie. Auch Ilters drei Kinder kommen nach der Schule her, wenn sie dreht. „Uns wird alles genommen, nach 23 Jahren in Berlin“, sagt sie.

Sie steht zwischen den strahlend weißen Wänden und zieht ihren Mantel fester um ihren Körper. Seit Wochen ist auch noch die Heizung im ganzen Haus ausgefallen. Man hört ein Gluckern, aber die Heizkörper bleiben kalt. Das Wasser aus der Leitung ist nur noch lauwarm. Im Hausflur hängt ein Aushang, der die Mieter bittet, nicht zu viele Elektrogeräte gleichzeitig zu benutzen, um den Ausfall von Heizung und Warmwasser zu kompensieren. Sonst drohten auch noch Stromausfälle.

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In gewisser Weise erinnert es an das Jahr 1999, in dem sie hier ankamen, Hals über Kopf, sagt Halima Ilter. Sie erzählt die Geschichte, die mit einem Nasenbeinbruch in Fürstenwalde beginnt. Ihr Vater habe in den 90er-Jahren viel im Osten gearbeitet, als Bauunternehmer. Frau und Kinder blieben erst im Ruhrgebiet, doch irgendwann hatten alle die Trennung satt und zogen gemeinsam nach Fürstenwalde, Brandenburg.

Halima Ilter im Flur der in diesem Jahr komplett renovierten Wohnung.
Halima Ilter im Flur der in diesem Jahr komplett renovierten Wohnung.Sebastian Wells/Ostkreuz

„Zwei Wochen bin ich da zur Schule gegangen“, sagt Halima Ilter. Bis zu einem Streit in der Pause, bei dem sie als „Türkenschlampe“ beschimpft worden sei, und dem Bruch ihrer Nase. Damals war sie 15. Sie deutet auf einen Huckel, man sehe es leider immer noch. Ihre Eltern sind Kurden aus der Türkei, auch im Ruhrgebiet hatte die Familie Rassismus erlebt. Nun wollten sie so schnell wie möglich wieder weg.

Dem damaligen Auftraggeber des Vaters habe das Mietshaus in Berlin-Schöneberg gehört, er habe der Familie die Wohnung angeboten. Unsaniert. „Der Putz fiel von der Decke, in den Ecken standen Öfen, das Bad war ganz schmal, daneben so eine Kammer“, sagt Halima Ilter. Im Mietvertrag vom Dezember 1999 ist auf der letzten Seite vereinbart, dass die Ilters die Wohnung auf eigene Kosten renovieren und instand setzen dürfen, ausdrücklich genehmigt ist ein „Ausbau des Bades zulasten der Abstellkammer, Entfernen der Trennwand“. Die Miete betrug 1200 D-Mark.

Es war die Zeit, in der in der Berliner Innenstadt noch viele Häuser unsaniert waren, die Wohnungen Bruchbuden, mehr oder weniger. Viele Vermieter waren froh, wenn Mieter sie auf eigene Faust – und eigene Rechnung – sanierten. Oder verlangten es sogar. Oft gab es dafür einen Mietnachlass. Auch Familie Ilter zahlte drei Monate lang keine Miete.

Es folgten gute Jahre. Halima Ilter lächelt an diesem Nachmittag zum ersten Mal, wenn sie davon erzählt. Die Familie fühlte sich wohl in Schöneberg, „wir wohnen bis heute alle hier um die Ecke“, sagt sie. Bis auf den Vater, der sich von seiner Frau getrennt hat und zurück in die Türkei gezogen ist.

Ein Flyer im Hausflur weist auf den Heizungsausfall im Gebäude hin.
Ein Flyer im Hausflur weist auf den Heizungsausfall im Gebäude hin.Sebastian Wells/Ostkreuz

Irgendwann wurde das Haus verkauft. Im Jahr 2007 unterschrieb die Mutter von Halima Ilter einen neuen Mietvertrag mit der neuen Eigentümerin aus München. Eine neue, härtere Zeit auf dem Berliner Mietmarkt war angebrochen. Ihre Mutter könne nicht lesen und schreiben, sagt Halima Ilter, in der Türkei habe sie nie eine Schule besuchen dürfen. Aber die Mutter wolle trotzdem nicht immer die Kinder zu Rat ziehen. Sie haben erst in diesem Jahr vom neuen Mietvertrag erfahren. In diesem Vertrag wuchs die Wohnung um 18 Quadratmeter, sie soll nun 146 Quadratmeter groß sein. Aus vier Zimmern wurden viereinhalb. Auch wenn es das halbe Zimmer gar nicht gibt. Das Amtsgericht Schöneberg bezieht sich in seinem Urteil auf diesen Mietvertrag, den neuen.

Auch ihre Mutter schlafe nicht mehr, sagt Halima Ilter. Tagsüber sei sie draußen statt in der ungeheizten Wohnung, in der nur ihr Schlafzimmer und das ihres Sohnes halbwegs möbliert sind. Abends sitze sie unter Decken. Ihre ohnehin angeschlagene Gesundheit habe sich verschlechtert. Gerade sei sie wieder beim Arzt.

Im Januar beschlossen Halima Ilter und ihre Geschwister, die Wohnung nach 22 Jahren noch einmal gründlich renovieren zu lassen. Es habe schwarzen Schimmel an den Decken gegeben, die Fliesen, die der Vater verlegt hatte, waren abgenutzt. Die Mutter sollte es schön haben. Im Februar überfiel Russland die Ukraine, die Kosten für die Bauarbeiten vervielfachten sich. Sie machten trotzdem weiter, „mit guten, deutschen Firmen“, sagt Halima Ilter.

Während der Bauarbeiten meldeten die Nachbarn aus der Wohnung unter ihnen zwei Wasserschäden. Die Hausverwaltung ließ beide Wohnungen besichtigen. Im Kündigungsschreiben heißt es, man habe dabei unter anderem festgestellt, dass in Küche und Bad ein Betonboden ausgegossen worden sei, ohne Genehmigung. Der Boden im Bad sei zudem „nicht nach den allgemein anerkannten Regeln der Technik“ verlegt worden. Eine Heizungsleitung sei beschädigt worden, daher die Wasserschäden.

Halima Ilter und ihr Bruder Murat haben einen Ordner zusammengestellt mit Dokumenten und Fotos, die sie aus ihrer Sicht entlasten. Darin ist eine E-Mail aus dem Januar, in der Murat Ilter der Hausverwaltung ankündigt, dass die Familie im Februar „einige Renovierungsarbeiten“ durchführen wolle. Ein Mitarbeiter der Hausverwaltung antwortet zwanzig Minuten später knapp: „Vielen Dank für die Info“. Später werden weitere E-Mails ausgetauscht.

Halima Ilter im Flur der Wohnung: „Niemand von uns schläft richtig, seit das Urteil gefallen ist.“
Halima Ilter im Flur der Wohnung: „Niemand von uns schläft richtig, seit das Urteil gefallen ist.“Sebastian Wells/Ostkreuz

Aber für den ganzen Umbau und für die neuen Bodenfliesen können die Ilters in der Tat keine schriftliche Genehmigung vorlegen. Wahrscheinlich haben sie damit einen Fehler gemacht, sagt Halima Ilter. Aber wieso werden sie so hart dafür bestraft? Ihre Geschwister und sie würden ihr Leben lang versuchen, alles richtig zu machen. Auch wenn ihnen seit der Schule klar sei: „Wir müssen doppelt so hart arbeiten, um die gleiche Anerkennung zu bekommen.“ Ihre Geschwister sind Steuerberater, Dachdecker, Verkehrskauffrau geworden, eine Schwester studiert Jura. „Wir sind doch keine schlechte Familie“, habe einer ihrer Brüder neulich gesagt, vielleicht sollte man das jemandem schreiben?

Ein Umbau ohne Genehmigung stelle zwar eine Pflichtverletzung durch den Mieter dar, sagt Wibke Werner vom Berliner Mieterverein. Die Kündigung eines Mietvertrags setze aber eine „erhebliche“ Pflichtverletzung voraus. Etwa die Weigerung, einen Umbau, der nicht erlaubt war, wieder zurückzubauen. Oder „schwere Folgeschäden“, die durch den Umbau entstanden sind.

Auf eine Anfrage der Berliner Zeitung, ob es keine Alternative zur Kündigung des Mietvertrags gegeben habe, etwa die Aufforderung zu einem Rückbau, reagierte die Hausverwaltung der Ilters nicht.

Vor Gericht seien ihre Mutter, ihr Bruder und sie selbst nicht als Zeugen gehört worden, sagt Halima Ilter. Sie standen vor dem Saal, warteten, „drinnen wurde gelacht“. Nach einer halben Stunde war es vorbei. Ihr seid draußen, sagte jemand. Das Urteil liest sich, als habe der Anwalt der Familie Ilter, den ein Bekannter vermittelt hatte, keinen guten Tag gehabt, seine Ausführungen werden „unsubstantiiert“ genannt. Es geht im Urteil viel um den Boden in Bad und Küche, unter den Fliesen. Und den Wasserschaden bei den Nachbarn. Das Gericht sieht die Pflichtverletzung der Ilters als „erheblich“ an.

Das Bad in der Wohnung, renoviert und neu gestrichen
Das Bad in der Wohnung, renoviert und neu gestrichenSebastian Wells/Ostkreuz

Den Boden unter den Fliesen, sagt Halima Ilter, haben sie gar nicht neu ausgießen lassen. Er sei genau so, wie er 1999 schon war, als ihre Familie den ersten Mietvertrag unterschrieb. Die Wasserschäden bei den Nachbarn, „zwei Flecken an der Decke“, sagt Halima Ilter, habe ihre Versicherung längst reguliert.

Die Familie will noch einmal Geld zusammenlegen, einen neuen Anwalt engagieren, in Berufung gehen. Sie beraten täglich, wie sie die Katastrophe noch abwenden können. Halima Ilter hat parallel angefangen, nach einer Wohnung für ihre Mutter zu suchen, die unbedingt in der Nähe ihrer Kinder und Enkel bleiben soll. Halima Ilter mag eine Schauspielerin sein, deren Gesicht man inzwischen aus dem Fernsehen kennt. Aber das, sagt sie, ändere auf dem Berliner Wohnungsmarkt gar nichts. „Mit unserem Namen wird es extraschwer.“