In einem Hinterhof in der Muskauer Straße 24 in Kreuzberg verfasste Dramatiker Heiner Müller Anfang der 90er-Jahre seine letzten Arbeiten. Im Erdgeschoss desselben Gebäudes fertigten berühmte Fotografen Abzüge an. Auch mehr als 300 Sozialunternehmen haben ihre Anfänge in der Muskauer Straße 24 genommen.

Doch nun sind die Kunst- und Gewerbehöfe mit der jahrzehntelangen Geschichte in Gefahr: Der Eigentümer hat die Mietverträge gekündigt, neue stellt er nur bei deutlich höheren Monatszahlungen in Aussicht. Dagegen regt sich prominenter Protest.

Auch Castorf und Barenboim dabei

Insgesamt knapp 150 Unterstützer und etwa 20 Initiativen haben einen offenen Brief (siehe PDF unten) unterzeichnet. Unter anderem stehen die Namen von Daniel Barenboim, Frank Castorf, Corinna Harfouch und Clemens Schick unter dem Schreiben.

Auch die Autorinnen Jenny Erpenbeck und  Olga Grjasnowa, Fotograf Wolfgang Tillmans sowie die Filmemacher Dani Levy und Alexander Kluge setzen sich für den Erhalt des künstlerischen Bienenstocks ein. Dazu kommen ein paar Politiker, Anwohner und Stadtentwicklungsbündnisse aus der protesterprobten Kreuzberger Nachbarschaft. 

Statt wie bisher 7,50 Euro Warmmiete pro Quadratmeter sollen die Menschen in der Muskauer Straße künftig etwa 15 Euro Kaltmiete bezahlen. Ein Preis, den Neumieter in Kreuzberg noch als moderat bezeichnen dürften – bei dem viele Alteingesessene aber in die Knie gehen. „Keiner der Mieter kann sich das leisten“, sagt Performancekünstler Johannes Paul Raether von der Mietergemeinschaft.

In den Hinterhöfen arbeiten Kulturschaffende in Ateliers und Fotolaboren, teilweise gefördert vom Berufsverband Bildender Künstler*innen Berlin. Auf zwei Etagen residiert außerdem das Social Impact Lab, eine Art Gründerzentrum für Unternehmen im Sozialbereich.

Politik soll handeln

Die Mieter und ihre Unterstützer erwarten nicht bloß ein nachgebessertes Angebot vom Vermieter. Sie fordern auch die Politik zum Handeln auf. „Wir haben diesen Bezirk gebaut, haben Kunst und Kultur gemacht, umsonst und für alle“, sagt Raether. „Die Frage ist nun: Wer soll in Zukunft in Kreuzberg gestalten?“ 

Zu oft verwiesen Senat und Bezirk in Verdrängungsfällen „mit einem Schulterzucken“ auf das Gewerbemietrecht – denn das macht der Bund. Das Gesetz schützt Ladenbesitzer, Künstler, Initiativen und Vereine anders als Privatleute kaum. Ihre Mieten sind von den Eigentümern frei festlegbar.

Der Vermieter der Räume in der Muskauer Straße, die Biddex Immobiliengesellschaft, antwortete am Dienstag nicht auf die Anfrage der Berliner Zeitung. Der offene Brief  landete am Mittag im E-Mail-Postfach der Firma, genau wie beim  Senat und dem Bezirk.

Notfallplan gefordert

„Wir fordern einen Notfallplan für Kreuzberg“, sagt Raether. Wie der genau aussehen könnte, lässt er offen. „Aber die Stadt muss sich etwas einfallen lassen, bevor Spekulanten und Start-ups mit Halbjahresverträgen den Kiez übernehmen.“ Alle, die die Geschichte des Viertels mitgeschrieben haben, würden dann verschwinden.

Das hat Heiner Müller schon einmal ähnlich formuliert, wenn auch radikaler:  „Man braucht doch nur an die Mietgesetzgebung in der Bundesrepublik denken – was ist das anderes als Klassenkampf?“, zitiert ihn der offene Brief. Seine Tochter lebt heute in Muskauer Straße 24 und arbeitet als Herausgeberin. Auch sie hat das Schreiben unterzeichnet.