Der Künstler Simon Weckert zeigt, wie Handys und ein Bollerwagen einen virtuellen Stau bei Google Maps produzieren.

Video: YouTube

Berlin - Die Sache klingt so einfach wie brillant. Da will ein Künstler aufzeigen, wie verrückt die moderne Welt ist und wie technikgläubig fast alle sind. Simon Weckert hat mit einer Kunstaktion für reichlich Verwirrung gesorgt: Er behauptet, dass er mit 99 Autos, die es gar nicht gab, in Berlin für einen Stau auf den Karten von Google Maps gesorgt hat. Obwohl in der Straße an der Schillingbrücke in Wirklichkeit keine Autos fuhren, war sie angeblich auf den virtuellen Karten Rot einzeichnet - Achtung Stau.

So zeigt es jedenfalls der Film aus dem vergangenen Sommer, den Weckert nun im Internet veröffentlicht hat. Die Sache ist technisch nicht bestätigt, kann also auch reine Kunst sein, sieht allerdings recht schlüssig aus. Auf die Idee für die Aktion kam Simon Weckert, geboren 1989 im damaligen Karl-Marx-Stadt, der heute als Künstler in Berlin lebt. Den angeblichen Stau erzeugte er für seine Kunstaktion namens „Google Maps Hacks“. Dabei will er einen einfachen Trick genutzt haben.

Um reale Staus anzeigen zu können, registriert Google, wie viele Autos auf einer Straße unterwegs sind. Das wird daran gemessen, wie viele Handys auf der Fahrbahn eingeloggt sind und wie sie sich dort bewegen. Also lief ein Freund des Künstlers mit einem kleinen knallroten Bollerwagen die menschenleere Straße entlang und der Künstler filmte ihn. Im Wagen lagen 99 Handys – die alle auf die Google Maps-Funktion ihre Position gesendet haben sollen, die also wie 99 Autos gewirkt haben sollen und für den virtuellen Stau sorgten. Das Internetvideo zeigt einen roten Stich auf Google Maps. Denn die 99 Autos, sorry Handys, bewegten sich ganz langsam.

Eine Frage der Macht

Wie kam er auf die Idee? „Ich habe mal bei einer 1.-Mai-Demo gesehen, dass die Handys der vielen Leute einen virtuellen Stau erzeugt haben“, erzählt Weckert, der sich als New-Media-Artist bezeichnet und der an der Berliner Uni der Künste studiert hat. „Andere Künstler drücken sich mit Pinsel und Farbe aus. Ich mit Algorithmen und Accounts.“

Seine Kunstaktion könnte als kleiner Gag gesehen werden, der die Leute staunen lässt, aber der Künstler meint es ernst und hat eine klare Botschaft. Er will damit zeigen, dass eine Veränderung in der virtuellen Welt dieser Karte durchaus ernsthafte Auswirkungen auf die reale Welt haben könnten, wenn Autofahrer zum Beispiel einen gar nicht vorhandenen, aber behaupteten Stau umfahren und so vielleicht erst einen echten Stau erzeugen.

Der Künstler sagt, dass die virtuellen Karten wenig mit klassischen Karten zu tun haben, dass man dort scrollen kann, dass sie interaktiv sind und Veränderungen der Realität anzeigen. Weckert ist überzeugt: „Der Kartendienst von Google hat unser Verständnis davon, was eine Karte ist, wie wir mit Karten interagieren, welche technischen Einschränkungen sie haben und wie sie ästhetisch aussehen, grundlegend verändert.“

Neue Formen des Kapitalismus

Er zählt alle möglichen Dienste auf, die mit den Karten interagieren: Airbnb, alle möglichen Carsharing-Angebote wie Uber oder all die Leihräder. „Sie wirken sich immens auf Städte aus, beispielsweise auf den Wohnungsmarkt und die Mobilitätskultur.“ Aber auch Dating-Plattformen wie Tinder oder Jogging-Apps oder kartenbasierte Food-Delivery-Apps. „Alle diese Apps funktionieren über Schnittstellen mit Google Maps und schaffen neue Formen des digitalen Kapitalismus und der Vermarktung.“ Sie wären ohne die virtuellen Karten nicht denkbar.

Weckert sagt, er habe gewusst, dass alle Welt über diese Aktion berichten werde und habe das Datum der Veröffentlichung des Films im Internet sehr bewusst gewählt. Denn Google Maps werde am 8. Februar 15 Jahre alt. „Ich wollte eine Debatte anstoßen“, sagt Weckert. Er spricht von einer Machtfrage, dass das virtuelle Wissen dieser Dienste also eine Macht im realen Leben darstellt – gar nicht so wenig für eine so lustig klingende kleine Idee.