Künstler in Berlin (1): Eine komische Heldin

Scheitern ist keine Option für Klara Hobza. Wenn sich die 37-jährige, deutsch-tschechische Künstlerin etwas in den Kopf gesetzt hat, dann bleibt sie dabei, egal, wie abwegig der Plan sein mag. Sie hat mit einem Morseapparat so lange Botschaften in den New Yorker Nachthimmel gesendet, bis ihr jemand antwortete, und sie hat bei ihrem Umzug von New York nach Berlin ihr Hab und Gut per Floß aufs und vom Frachtschiff transportiert.

Nun steckt sie mittendrin im nächsten Vorhaben: Klara Hobza will Europa durchtauchen, einmal quer durch, entlang der Flüsse, von Rotterdam bis zum Schwarzen Meer. 30 Jahre hat sie dafür angesetzt. Weltrekorde interessieren sie nicht. Der athletischen Herausforderung setzt sie die künstlerische Auseinandersetzung entgegen. Ihr Tauchvorhaben ist dafür das beste Beispiel. Stets ist irgendeine kleine Begebenheit der Ausgangspunkt, ein Bild, das sich ihr in den Kopf brennt und sie nicht mehr loslässt. So wie vor zwei Jahren, als sie auf dem Weg zu ihren Großeltern in Prag vom Zugfenster aus die Elbe anschaute. „Ich fragte mich, wie es wohl dort unten aussehen mag.“

Flüsse als Verbindungen zwischen Kulturen

Im Baerwaldbad machte sie ihren Tauchschein. Ihre Gesundheit spielte mit und so stand dem Plan nichts mehr im Wege. „Wenn es mir nur nicht gefallen hätte, hätte ich es trotzdem gemacht und das auch gleich mit eingearbeitet. Das ist das Schicksal“, sagt sie und lacht. Die Flüsse sind für Hobza geschichtsträchtige Andockmöglichkeiten, Handelswege, Verbindungen zwischen den Kulturen. In Videos, Fotografien, Zeichnungen, Skulpturen und Texten verarbeitet sie all das, was ihr unterwegs begegnet. Ihre Kunst ist quasi die Dokumentation ihrer Projekte, aber nicht als faktentreue 1:1-Übersetzung, sondern als stilisierte Interpretation.

Nicht immer sind es schöne Erlebnisse, die sie inspirieren. Kürzlich geriet sie beim Tauchen in einen Strudel und musste um ihr Leben schwimmen. Umgesetzt hat sie diese Erfahrung in der Skulptur „Maßnahmen zur Lebenserhaltung“, einem Gebilde aus Eispickeln, Seilen, Taucherflossen. Die Videoaufnahmen konnte sie erst nach einem halben Jahr schneiden, so einen Horror hatte sie vor ihnen.

Aus privaten Gründen nach Berlin

Noch steht sie am Anfang des Projekts. Gerade kommt sie von der Druckerei wieder. Dort hat sie Probedrucke anfertigen lassen, dunkel morastige Unterwasseraufnahmen von der ersten Tauchetappe, abgezogen auf PVC und Linoleum. „Man muss es sich 60 Mal vergrößert vorstellen“, erklärt sie. Sie zeigt auf die Fotografiestreifen, auf denen sich manchmal nur schlierige Spektren von Grün und Grau vor dem marmorhaft bedruckten Linoleum abzeichnen. Die großen Abzüge will sie auf der nächsten Messe zeigen, an der sie mit ihrer Galeristin Heike Tosun teilnehmen wird.

Hobza hat in München studiert, nach dem Abschluss ging sie nach New York und machte an der Columbia University ihren MFA. Hier traf sie auf andere Künstler, die sie beeinflussten, Mark Dion zum Beispiel oder Paul Etienne Lincoln. Eigentlich dachte sie, sie würde in New York alt und grau werden, dann zogen private Gründe sie doch wieder nach Berlin. „Ich wollte nicht weg aus New York, aber Berlin erwies sich als die beste Sache, die mir passieren konnte“, sagt sie.

Gute Infrastruktur

Damit meint sie die niedrigen Lebenshaltungskosten, aber nicht nur. Es ist auch die Infrastruktur – Druckereien, Grafiker und Rahmer, Werkstätten und die Transportunternehmen. Am wichtigsten jedoch: Sie traf hier viele Freunde und Kollegen aus Münchener Zeiten wieder. Das Netzwerk half ihr dabei, sich zu Hause zu fühlen, und es war entscheidend in beruflicher Hinsicht. Man unterstützt sich gegenseitig, vermittelt Kontakte, schnell konnte Hobza ihre Arbeiten ausstellen.

Im ersten Jahr in Berlin arbeitete sie nebenher noch als Assistentin für New Yorker Künstler. Dann bekam sie mit einem Preis des BDI etwas mehr finanzielle Unabhängigkeit. Heute kann sie von ihrer Kunst leben, das heißt von Künstlerhonoraren bei Ausstellungen, von Preisen und zum Teil auch durch den Verkauf von Arbeiten. Das war nicht immer so. Es gab eine Zeit, in der Hobza so viel ausstellte, dass sie keine Zeit für Nebenjobs hatte, aber auch kein Stipendium. Fast ein Jahr lang hatte sie nicht einen Tag frei, das Konto war leer. „Damals musste ich Schulden machen, aber es hat sich gelohnt“, sagt sie im Rückblick.

Es wird immer ein Auf und Ab sein

Verkäufe sind nur ein Teil ihres Einkommens. Der Kunstmarkt, Sammler, Messen – Hobza ist von all dem weniger abhängig als andere Künstler. Sie bewirbt sich auf Ausschreibungen, und wenn sie eine Ausstellung macht, bekommt sie Künstlerhonorar. Seit dem vergangenen Jahr wird Hobza in Berlin von Heike Tosun in der Galerie Soy Capitàn vertreten. „Die Zusammenarbeit könnte nicht besser sein“, sagt sie und dass sie nun auch Arbeiten verkaufe. Es klingt, als wundere sie sich selbst ein wenig darüber. Dazu kommt auch in diesem Jahr ein Kunstpreis. Millionen wird sie wahrscheinlich nie verdienen, für den Markt verbiegen muss sie sich aber auch nicht. „Ich weiß, dass es immer ein Auf und Ab sein wird. Momentan versuche ich es so lange auszureizen, wie es geht", sagt sie.