Eine Brücke in irgendeiner Großstadt, Autos rasen über sie hinweg, Lkw, ein paar Radfahrer. Plötzlich kommt ein junger Mann angelaufen, stützt sich am Brückengeländer ab und springt hinüber, geradewegs hinein ins Wasser. Ein Selbstmörder? Ein Verrückter? Nicht die Spur. Das Video zeigt eine Arbeit des jungen Foto- und Videokünstlers Sebastian Stumpf. Als Serie hat er den Sprung von der Brücke in verschiedenen Metropolen verwirklicht. Nur wenige Augenblicke dauern die Aktionen, dann sind sie schon vorbei. Die Wasseroberfläche liegt wieder ruhig da, der Verkehr braust weiter.

Wie kommt man auf so etwas?

In einer anderen Video-Serie wirft Stumpf sich unter Garagentüren hindurch, die gerade dabei sind, sich automatisch zu schließen. Wie kommt man auf so etwas? „Als Künstler macht man das, was sich aufdrängt – was einem naheliegt, obwohl man es nicht versteht“, sagt Stumpf. Bei ihm waren das irgendwann die Selbstinszenierungen in Großstadtecken und Museumsräumen. Seit ein paar Jahren ist der öffentliche Raum sein Thema.

Was ihn reizt, sind architektonische Absurditäten: Nischen und Nichtorte, kümmerliche Bäume, die vor Hochhäusern versuchen, die Natur zu imitieren, Stereotype, die jede westlich orientierte Großstadt zu einem Abziehbild der anderen machen, und die sauber gestrichenen Parallelwelten von Kunstinstitutionen und Galerien. In seinen Performances, die er in Foto- und Videoarbeiten festhält, führt er sie vor. Mit minimalistischen, absurden Gesten, die oft so komisch wirken wie eine Slapstick-Einlage aus einem Stummfilm. In der Hauptrolle: stets Stumpf selbst.

Er hat in Leipzig studiert, beim Fotografen Timm Rautert. Seit 2004 tobt sich Stumpf neben dem öffentlichen Raum auch in leeren Galerien aus. Das Prinzip ist immer das gleiche: Er führt eine körperliche Aktion aus, exponiert sich und stiehlt sich am Ende aus dem Bild. Im Neubau des Folkwang-Museums ist er durch die riesige, leere Halle gerannt und dann über die Kamera hinweg gesprungen. Das Verschwinden am Ende gehört zu den Videos dazu. Es geht bei Stumpf nicht um die Performances selbst, sondern nur um die Projektionen davon.

Vom Kunstmarkt aus betrachtet ist das ein Vorteil. Mit reiner Performance-Kunst Geld zu verdienen, ist schwer – wenn man nicht gerade Marina Abramovic heißt. Schließlich gibt es kein physisches Produkt, das man verkaufen könnte, außer der Dokumentation des Werks. Fotografien und Videos sind da schon einfacher.

Große Serien, für die man viel Platz braucht

Seine Arbeiten seien dennoch nicht optimal für den Markt, erklärt Stumpf. Oft sind es große Serien, für die man viel Platz braucht. Daher sind es eher öffentliche Institutionen als private Sammler, die seine Arbeit unterstützen. Bislang gelingt das gut. Einige Sammlungen haben bereits Arbeiten von ihm erworben, er hatte Einzelausstellungen im Museum für Photographie in Braunschweig, in der Kunsthalle Schweinfurt und im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen, er erhielt ein DAAD-Stipendium und weitere Auszeichnungen. Seit seinem Diplom muss Stumpf keinen Nebenjobs mehr nachgehen.

In der Methodik ist Stumpf altmodisch – er arbeitet analog. Einige Übungen führt er vor der Kamera erstmals aus. „Riskante Bewegungsabläufe gehe ich vor der Aufnahme im Kopf nochmal durch.“ Für die Brückenserie hat er stets geschaut, wo er am besten wieder herausklettern kann und das Wasser hinsichtlich Untiefen, Hindernissen und Strömungen genau beobachtet.