Morgens um drei ist für Imrich Tomáš die beste Zeit um zu arbeiten. Das richtige Licht, den richtigen Platz gibt es für den Maler nicht. Eine Lampe reicht. Seine Kunst entsteht, wo Platz ist in seiner Charlottenburger Wohnung. Momentan ist es der Fußboden eines kleinen Zimmers, in dem sich nur ein Mensch bewegen kann. Aber was soll’s? Die Kunst muss trotzdem entstehen – egal, wie viel Platz ist, egal, ob sie sich gut oder schlecht verkauft.

Imrich Tomáš, 1948 in der Tschechoslowakei geboren, ist ein Rom. Das war ihm immer bewusst. Wichtig war es für ihn nie, auch wenn er jetzt Künstler der Galerie Kai Dikhas ist. Es ist die erste und bisher einzige Galerie in Europa, die allein Sinti und Roma-Künstler vertritt.

Kai Dikhas, auf deutsch „Ort des Sehens“, wurde 2011 im Aufbau Haus in Kreuzberg eröffnet. Tomáš̌ ist froh, Künstler der Galerie zu sein, denn er trifft gern mal andere Sinti- und Roma-Künstler. Seine Kriterien beeinflussen solche Sympathien nicht.

Es stört ihn, wenn etwas nur deshalb bewundert wird, weil es bunt und anders ist und von Sinti und Roma kommt. Er erwartet Qualität, egal, welcher Nationalität ein Künstler ist. Aus diesem Grund war es ihm so wichtig, an der Hochschule der Künste zu studieren.

Vor 1989 war es für ihn leichter

Gemalt und gezeichnet hat er schon als Jugendlicher. Auf die Idee, Künstler zu werden, brachte ihn aber erst sein Meister in einem Berliner Betrieb. Dort arbeitete Tomáš, nachdem er 1969 nach einer Urlaubsreise nicht zurück in die Tschechoslowakei gegangen war. Der Meister erzählte ihm von Abendkursen an der Volkshochschule. Tomáš ging hin, lernte die Kreuzberger Szene kennen und sah einen Ausweg aus dem eintönigen Leben zwischen Wohnheim und Arbeit.

„In so einem Flüchtlingswohnheim entwickeln sich keine Perspektiven“, so Tomáš. Er beschloss, kein Autodidakt zu bleiben, wurde Student an der Hochschule der Künste, dann Meisterschüler, dann freier Künstler. Nebenbei hat er immer gejobbt, denn allein von den Bilderverkäufen zu leben, funktionierte nur selten.

Allerdings war es für ihn in der Mauerstadt Berlin leichter als nach 1989. „West-Berlin und die Kunstszene waren damals viel kleiner“, sagt Tomáš. „Die Szene kannte sich. Wer in eine Galerie ging, kaufte auch etwas.“ Heute erscheint ihm alles unübersichtlicher und oberflächlicher. Ateliers mit günstigen Mieten waren aber auch damals schon selten. Trotz aller Veränderungen und Schwierigkeiten: Berlin, das ist die Heimat für Imrich Tomáš, da gibt es keine Diskussionen. An einem anderen Ort könnte er nicht leben.

Das letzte Mal hat er das 1990 versucht. Da ging er zurück nach Tschechien. Er mietete ein preiswertes Atelier, malte große Bilder, stellte aus. Er blieb ein Jahr, länger hielt er es nicht aus. Denn er spürte, dass der Rassismus immer stärker wurde, dass er nicht nur als Künstler, sondern vor allem als Rom gesehen wurde. Er kam zurück nach Berlin und arbeitete weiter – immer abstrakter, dreidimensionaler. Realist war er nur am Anfang, während des Studiums malte er figürlich. Danach interessierte er sich immer mehr für abstrakte Kunst. „Realismus, das ist doch nichts Neues.“

Quälen für perfekte Reliefbilder

Mit den Jahren wurden seine Bilder auch reliefartig. Zur Farbe kam Hanf, der den Bildern ihre dreidimensionalen Strukturen gibt. Es ist Hanf, wie ihn Installateure zum Abdichten verwenden. Daher kennt Tomáš es auch – von der Arbeit als Installateur, die er machte, um das Leben für die Kunst zu finanzieren.

Auch wenn Tomáš jeden Tag um drei aufsteht, kann es dauern, bis ein Bild fertig ist. Manchmal Jahre. Oft zerstört er, was gerade entstanden ist. „Ich muss immer arbeiten, bis ein Werk für mich einmalig ist. So lange quäle ich mich.“ Wenn er Bilder freigibt, sieht man ihnen die Mühe nicht an. Es sind perfekte Reliefbilder, bewegte Landschaften.