Alles rot. Wandhoch, wandbreit, auf umgekippten und ineinandergesteckten Stühlen und umgelegten Tischen, die zum Sitzen oder Essen ohnehin nicht taugen würden, oder eingepasst in vorhangartige, raumteilende Raster. Musterartige Strukturen in Rot, Weiß und aus Spiegelglas folgen wiederholt aufeinander, und kleinste Veränderungen innerhalb dieser regelmäßigen Abfolgen irritieren. Man wird zum „bewegten Betrachter“ – der Effekt ist wahrlich verblüffend.

Die Farbe der Liebe, des Lebens, der Leidenschaften, vielleicht der Corrida de Toros (Stierkampf) überzieht die ansonsten strahlend weiße Architektur der Ausstellungshalle im Künstlerhaus Bethanien wie ein üppiges, maßloses Gewächs oder eine fließende Suppe, unterbrochen, vielleicht sogar ein wenig gestoppt nur, von vielen wie nach geometrischen Mustern eingebauten Spiegeln und verwirrend spiegelndem Plexiglas.

Nichts als ein schwarzes Loch

Wer hineinschaut, kann sich selber nicht entkommen, zweifelt aber zugleich, ob er das wirklich ist, den er da sieht. Dann sind da noch Kristallkugeln, durch die man in Sockel hineinschaut, auf denen sie stehen. Zu sehen ist nichts als ein schwarzes Loch.

Ein ganzes Op-Art-Theater haben das Duo Stéphane Schraenen, geboren 1971 in Antwerpen, Belgien, Carla Arocha, geboren 1961 in Caracas, Venezuela, und der Dritte im Bunde, ihr Landsmann Arturo Herrera, Jahrgang 1959, in die hohe Halle hineingebaut. Herrera, als DAAD-Stipendiat in Berlin heimisch, steuert scherenschnittartige Collagen und Wandmalerei bei.

Die drei, die sich für diese Berliner Ausstellung zusammenfanden und sich sowie ihr gemeinsames Werk „Caraota von Moules“ nennen, was witzigerweise etwas mit einer gemeinsamen Vorliebe für Bohnen und Muscheln zu tun haben muss, eint außerdem unübersehbar ihr künstlerischer Ansatz: Dem unmittelbar Sichtbaren muss eine intuitive, rationale oder beabsichtigte Bedeutung zu Grunde liegen und ein scheinbares Chaos sollte demnach deutlich eine Methode erkennen lassen.

Das ist Augentäuschung

In all den meist geometrisch, aber auch bisweilen amorph geformten Gebilden kommen Farbe, Licht, Spiegelung ganz unterschiedlich zur Wirkung. Man glaubt – bei all diesem Vexiereffekt – zuerst reale, dreidimensionale Objekte vor sich zu haben, mit Gewicht, Schwerkraft und Tiefe. Aber das ist Augentäuschung, die Farbe und das Plexiglas bilden nur eine zweidimensionale Fläche.

Hier geht es um Optische Kunst, die einst, angeregt durch die Kunst des Konstruktivismus und des Bauhauses vor dem Zweiten Weltkrieg, in den 1960er-Jahren durch den Schweizer Max Billd oder den ungarisch-französischen Maler Victor Vasarely in Westeuropa ganz groß herauskam. Damals war eine neue, mit dem Augensinn spielende Strömung geboren. Nun wagt die junge belgisch-venezolanische Troika, ganz im Sinne der einstigen Nachkriegsavantgarde, abermals eine Herausforderung fürs heutige – ein von Bildern überflutetes, leider schon ziemlich abgestumpftes und übersättigtes Publikum.

Wieviel kann der Künstler wegnehmen?

Entstanden ist ein beklemmend perfektionistischer, zugleich aber auch sinnlicher Remix: Die europäische Moderne trifft hier auf den lateinamerikanischen Modernismus. Dies nun ergibt somit eine Art Schule des Sehens, was eine Welt ohne Grenzen, ein polyglottes Künstlertum und eine vorurteilslose Kunstbewertung gut gebrauchen können.

In der Raumarbeit von „Caraota von Moules“ sehen wir nämlich nicht, was objektiv da ist, sondern, was unser Wissen, unsere Prägungen und das kollektive Unbewusste uns aufzeigen. Wie viel kann der Künstler eigentlich wegnehmen, reduzieren, minimieren, um ein Werk überhaupt noch erkennbar zu halten, als Motiv also. Diese Frage beschäftigt Herrera, und er gibt sie weiter an die Kollegen Arocha und Schraenen.

Farbe, Form und Leerraum

Und diese drei testen es an uns Betrachtern. Was passiert mit uns im Ausstellungsraum vom Künstlerhaus Bethanien? Wir erleben mit Hilfe präziser abstrakter roter, weißer, gläserner Formmuster und geometrischer Farbfiguren recht überraschende oder auch irritierende optische Effekte.

Wir glauben, Bewegungen der Formen zu sehen, Flimmereffekte. Optische Täuschungen also, die uns aber nach etwas Gewöhnung ziemlich gut unterhalten. Und die uns ästhetisch erziehen, denn sanft, aber bestimmt bringen sie uns zum Dialog mit diesen Versuchsanordnungen aus Farbe, Form und Leerraum.

Wir denken auf einmal nach über das Phänomen Wahrnehmung. Und ein wenig poetisch wird einem dabei auch zumute.