Das Erdgeschoss ist mit Sperrholzplatten verbarrikadiert, die Kelleröffnungen sind mit Stahlplatten gesichert, so dass niemand mehr in das Haus der Statistik an der Otto-Braun-Straße in Mitte eindringen kann. Und weil in den oberen Etagen sämtliche Fenster ausgebaut wurden, damit bei Sturm keine Glasscheiben auf Passanten herunterfallen, macht der Komplex den Eindruck: bereit zum Abriss.

Den aber will die Initiative Haus der Statistik um Berlins Atelierbeauftragten Florian Schmidt verhindern. Sie plant, die Gebäude zu einem Wohn- und Arbeitsort für Flüchtlinge und Berliner Künstler umzubauen. Jetzt legt die Initiative ein Konzept vor, wie sie den Ankauf des Areals finanzieren könnte, und welche Vereine und Institutionen die Gebäude nutzen wollen.

Stiftung Edith Maryon als Käufer

„In zwei Wochen präsentieren wir das Konzept dem Finanzsenator“, sagte Mittes Bürgermeister Christian Hanke (SPD) am Mittwoch. Er unterstützt die Künstlerinitiative. Wie Hanke sagt, habe die Initiative potenzielle Käufer für das Haus der Statistik gefunden. Zum Beispiel die Stiftung Edith Maryon, die in der Schweiz ansässig ist. Deren Ziel ist die Förderung sozialer Wohn- und Arbeitsstätten. Und es wäre nicht ihr erstes Engagement in Berlin. Schon 2007 hat sie ein sogenanntes Ex-Rotaprint-Grundstück an der Gottschedstraße in Wedding gekauft und es den dortigen Künstlern in Erbpacht zur Nutzung überlassen.

Ähnliches gelang zwei Jahre später mit einem Atelierhaus in der Weddinger Wiesenstraße. 2012 rettete die Stiftung das Wohn- und Kulturprojekt Schokoladen, als sie das Haus in der Ackerstraße in Mitte kaufte. Nun also das Haus der Statistik. Dort würde Edith Maryon nach dem Kauf Erbbaurechte an unterschiedliche Betreiber oder eine Entwicklungsgenossenschaft vergeben. Als potenzieller Käufer steht auch die in Berlin ansässige Solwo-Gruppe bereit, die über ein Stiftungsmodell langfristige Nutzungsverträge vergeben will.

Das könnte Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen (SPD) durchaus interessieren, denn er favorisiert einen Verkauf des Gesamtareals – möglicherweise an die Initiative. Das Berliner Parlament indessen verfolgt einen anderen Weg und will das Haus der Statistik in kommunaler Hand haben. Dafür soll der Senat selbst das Haus, das dem Bund gehört, kaufen. Darüber verhandelt die landeseigene Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) bereits mit dem Bund. Noch aber wird dort der Wert der Immobilie ermittelt, er wird auf 20 bis 40 Millionen Euro geschätzt. Zugleich erarbeitet die BIM eine Studie zur Sanierung, der Bedarf wird auf weitere 50 bis 70 Millionen Euro geschätzt. Laut Initiative steht eine Bank bereit, diese Summe zu finanzieren.

In der Künstlerinitiative engagieren sich Stadtplaner und Architekten sowie bekannte Stiftungen und Verbände. Sie wollen die Häuser, die seit dem Auszug des Statistischen Bundesamtes und der Stasi-Unterlagen-Behörde vor acht Jahren leer stehen, insbesondere für geflüchtete Menschen und Berliner Künstler herrichten. So sollen in dem bis zu zwölf Geschosse hohen Komplex für 1 000 Geflüchtete Unterkünfte in Wohngemeinschaften, Apartments aber auch Familienwohnungen entstehen. Auch 250 Künstlerateliers sind geplant. Auf den riesigen Freiflächen, die dem Land Berlin gehören, könnten später bis zu 1 000 neue Wohnungen gebaut werden.

Ein Museum für Skateboards

Dass das nicht nur eine fixe Idee ist, kann die Initiative jetzt dem Finanzsenator beweisen: 21 Vereine und Institutionen haben in den vergangenen Wochen ihr Interesse signalisiert, in das Haus einziehen zu wollen. Zum Beispiel das Evangelische Johannesstift, das auf 12.000 Quadratmetern Fläche betreutes Wohnen anbieten will, die Kulturverwaltung will 6 000 Quadratmeter belegen, voraussichtlich mit Künstlerateliers. Interesse an Arbeitsräumen haben auch der Karneval der Kulturen und die Atelierhausgenossenschaft Berlin bekundet. Zudem will das Skateboard-Museum Berlin einziehen.

Alle Nutzer zusammen melden schon jetzt einen Bedarf von fast 55.000 Quadratmetern Fläche an. Die Hochhäuser haben aber nur 42 000 Quadratmeter. „Diese erste Stichprobe deutet auf ein erhebliches Marktpotenzial für die vorgesehenen Nutzungsarten hin“, heißt es in dem Konzept. Und Bürgermeister Hanke sagt: „Unser Bezirk ist auch interessiert daran, zum Beispiel mit der Volkshochschule und einem Stadtteilzentrum in das Haus der Statistik zu gehen.“

Zwar hat der Senat seine Überlegungen aufgegeben, das Haus abzureißen, um dort Büros und Wohnungen zu errichten. Doch entwickelt er für das Areal noch ein ganz anderes Szenario: Nach dem Kauf des Grundstücks vom Bund will er das Haus zu einem Verwaltungsstandort am Alexanderplatz ausbauen. Unter anderem soll dort das Bezirksamt Mitte einziehen, das noch ein Bürohaus an der Karl-Marx-Allee angemietet hat. Auch die BIM sowie das Finanzamt Mitte sollen dort einen neuen Standort erhalten. Im Senat heißt es: Das Gebäude sei so groß, es lasse Nutzungen als Behördenstandort und als Standort für Kunst und Kultur zu.