Wittenberge - Ingrid Prietzel und Elke Muchow sind die einzigen an diesem Vormittag, die nicht viel über die Abwanderung berichten können. Die Kinder, die Freunde – fast alle seien in Wittenberge (Prignitz) geblieben, erzählen sie. Trotz des Niedergangs nach der Wende, trotz der Arbeitslosigkeit. Die zwei Frauen, 72 und 66 Jahre alt, wirken alles andere als frustriert. Sie würden gern in der Stadt an der Elbe leben, sagen sie. „Und manche kommen ja auch wieder zurück“, sagt Elke Muchow.

Rotraud von der Heide, eine Berliner Künstlerin, die ihnen gegenüber sitzt, ist überrascht. Mehrere Stunden lang ist sie durch das Zentrum von Wittenberge gelaufen, dieser Stadt, die durch Abwanderung geradezu auszubluten scheint, und hörte überwiegend Geschichten des Verschwindens. Die Künstlerin hat Passanten befragt, wohin sie gegangen sind, die Weggezogenen, welche beruflichen Fähigkeiten sie mitgenommen haben. Man erzählte ihr von dem Lokführer, der nach Oldenburg ging, von der Forscherin, die es nach Nürnberg verschlagen hat und von dem 89-Jährigen, der seit langem in den USA lebt. Wittenberge hat von den rund 30.000 Einwohnern zur Wendezeit bis heute etwa 13.000 verloren.

Geschichten vom Auswandern

Mit ihren Auswanderer-Geschichten im Gepäck fährt Rotraud von der Heide an den Stadtrand, vorbei an Brachen, leerstehenden, ehemals prachtvollen Wohnhäusern aus der Gründerzeit, zu einem großen Fabrikgelände nahe der Elbe. Es ist das Werk, in dem Nähmaschinen der Marke Veritas (bis zum Krieg Singer) hergestellt wurden und bei dessen Schließung 1991 rund 2000 Menschen ihren Job verloren. Mit 23 weiteren Frauen des Künstlerinnenkollektivs „Endmoräne“ hat sich von der Heide für einige Wochen hier eingerichtet, auf einer 5000 Quadratmeter großen Fabriketage.

Die Frauen haben es sich zur Aufgabe gemacht, verwaisten Brachen und Räumen mit Installations- und Performancekunst Leben einzuhauchen. Seit der Wende bespielen sie so einmal im Jahr alte Schlösser, Fabriken, leere Kasernen oder Parkanlagen in Brandenburg.

Der schwere Geruch von Maschinenöl hängt noch immer in der riesige Werksetage in der Luft. Was die Künstlerinnen später, ab dem 28. Juni, in einer Ausstellung zeigen, entsteht direkt im Werk, prozessual, situativ, unter Mitwirkung von Wittenbergern. Der Strukturwandel, die sozialen Veränderungsprozesse, die Geschichte des Ortes – das ist es, was sie interessiert. Die Anwohner dürfen dabei nicht fehlen.

Während Rotraud von der Heide die neuen Heimatorte der Abgewanderten in Form einer Rauminstallation rund um eine alte Singer-Nähmaschine ordnet, zeigen Kerstin Baudis und Margita Haberland einen Film, den sie mit 65 Schülern eines Oberstufenzentrums gedreht haben. In roten Ganzkörperanzügen und mit Rollkoffern ließen sie die Elft- und Zwölftklässler in Kolonne vom Bahnhof zum Werksgelände laufen. Auf ihre Anzüge hatten die Schüler vorher jeweils einen Begriff geschrieben, als Antwort auf die Frage, warum sie in der Stadt bleiben wollen. „Familie“ stand da sehr häufig, oder „Freunde“, einmal einfach „Obstsalat“.

Die Aktion hat für Aufsehen gesorgt. „Die Koffer am Bahnhof – das war wie eine Drohung“, sagt Kerstin Baudis: „Wir verlassen jetzt die Stadt.“ Auch später hätten viele Leute in den Straßen an den Fenstern gestanden. „Ich wollte erfahren, wie die Stadt mit ihrer Geschichte umgeht, ob sie sich auf sie bezieht“, sagt die Künstlerin.

Selten wie Goldstaub

Gleich am Eingang fällt eine riesige Pyramide aus Pappkartons auf. Monika Funke Stern aus Falkensee, früher Kunst-Professorin in Düsseldorf, hat sie aus originalen Veritas-Verpackungen gebaut. Gleich nebenan arbeitet Dorothea Neumann an einer Nähmaschine aus Pappmaché, die sie von außen vergoldet. Das Werk heißt „Goldstaub“. „‚Selten wir Goldstaub‘ haben die Leute in der DDR zu Dingen gesagt, die schwer zu bekommen waren“, erklärt sie. So sei es auch mit den Veritas-Nähmaschinen gewesen. Die wurden zwar in Millionen-Stückzahl produziert, aber fast nur für den Export.

Ingrid Prietzel und Elke Muchow wollen auch die Ausstellung besuchen. Es wird das erste Mal seit 1991 sein, dass die beiden Wittenbergerinnen wieder in dem Werk stehen. Auch sie haben hier gearbeitet, Prietzel sogar drei Jahrzehnte lang.

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„Verflixt und zugenäht. Der Fall Wittenberge. Eine Annäherung“, 28. 6. bis 13. 7., Sa und So 13 bis 18 Uhr, Bad Wilsnacker Str. 48, Eintritt frei.

Infos unter: www.endmoraene.de